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Daheim statt Heim

Hochbetagt in den eigenen vier Wänden: Wie geht das? Ein Echo vom 8. AAL-Forum in St. Gallen.

Wer wünscht sich nicht, bis ans Lebensende daheim leben zu dürfen? Dass dieser Wunsch erfüllbar wird, zeigte ein Blick in die Zukunft am 8. AAL-Forum in St. Gallen. AAL steht für «Active and Assisted Living», also für eine Lebensweise, bei der ältere Menschen mit Hilfe der Technik autonom bleiben können.

«You Grabber», ein intelligenter Handschuh mit Bewegungserfassung

Schon 2008 einigten sich interessierte Länder auf ein AAL-Forschungsprogramm, dem inzwischen 29 Förderorganisationen aus 20 Ländern angehören. Es geht um die gemeinsame Erforschung und Entwicklung technischer Innovationen in Zusammenarbeit mit zahlreichen KMU und Start-Up-Firmen, wobei das Rahmenprogramm der EU für Forschung und Innovation (Horizon 2020) einen Teil der Kosten mitfinanziert. Die Leitung des AAL-Programms befindet sich in Brüssel. Die Schweiz – als Innovationsweltmeister – beteiligt sich seit 2009 aktiv an diesem europäischen Programm für Forschung und Innovation und wird durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation vertreten.

Intelligente technische Helfer machen’s möglich

Wie präsentiert sich die Zukunft des Älterwerdens daheim nach einem Augenschein am diesjährigen AAL-Forum? Die neuen Lösungen basieren mehrheitlich auf der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie: Sensoren zur sanften Mobilitätsüberwachung allein lebender Menschen mit beginnender Demenz, Geräte zur automatischen Kontrolle von Herz- und Atemfrequenz, elektrisch leitende oder Lichtsensoren in Textilien, die Körperparameter überwachen, interaktive Kommunikationslösungen, Tablet-basierte Dienstleistungen zur Ernährungsberatung oder Erinnerung an die Medikamenteneinnahme, Computerspiele zur Rehabilitation bestimmter Hirnfunktionen, Assistenzroboter, selbst fahrende intelligente Rollstühle: Die Technik steht parat, und die Firmen scheinen sich viel vom künftigen Marktpotenzial auf dem Silbermarkt zu versprechen.

Im Folgenden einige konkrete Beispiele:

Roboter «Mario», ein digitaler Kumpel mit Display.

«Mario» ist ein Roboter, an dessen Entwicklung im Rahmen des AAL-Programms Frankreich, Österreich und Ungarn beteiligt waren. Der Roboter mit den beweglichen Knopfaugen stammt aus Biarritz und ist im Einsatz. Er kann betagten oder leicht dementen Personen beim Sitzen, Aufstehen oder Gehen helfen und überwacht Körpersignale. Im Ernstfall benachrichtigt er eine Notfallstation. Als digitaler «Kumpel» mit Display ist er mehrsprachig, erinnert seinen Menschen an Termine oder die Medikamenteneinnahme und verbindet ihn mit der Aussenwelt. Mario ist auch an einem Spital im Einsatz, wo er Patienten im Spital an Hand eines einfachen Fragebogens befragt. Hier geht es um Zeiteinsparung für Ärzte und Pflegende.

«Senior Ludens» heisst eine Software, mit der Senioren zu 3-D-Lernspielen am Bildschirm aufgefordert werden. Die komplexen Aufgaben trainieren die Feinmotorik und das Gehirn. Im Rahmen des AAL-Programms waren Italien, die Niederlande, die Schweiz und Spanien an der Entwicklung beteiligt.

 

«YouGrabber», ein intelligenter Handschuh mit Bewegungserfassung, unterstützt Patienten mit sensomotorischen und/oder kognitiven Defiziten bei der Rehabilitation, z.B. nach Schlaganfall, dies ebenfalls auf der Basis von Spielen am Bildschirm. Für die Entwicklung zeichnen die Schweiz und Spanien.

Das iHomeLab-Team der Hochschule Luzern erforscht, wie dank intelligenten Gebäuden beispielsweise der Energieverbrauch gesenkt oder älteren Menschen ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden kann.

Am AAL-Forum wurde erstmalig der so genannte Smart Ageing Challenge Prize in Höhe von 50 000 Euro verliehen. Er ging an das Projekt Activ84Health. Er richtet sich an Personen, die mehrheitlich ans Haus gebunden sind. Dabei wird Google-Streetview auf dem Bildschirm mit einem Fahrrad-Hometrainer verbunden, so dass man während eines Trainings virtuell mit dem Velo an beliebige Orte fahren und Erinnerungen aktivieren kann. Die Entwickler kommen aus Belgien und aus den Niederlanden.

Lebendes Laboratorium

Noch einiges hören wird man vom so genannten «Living Lab», das in Zusammenarbeit mit der Internationalen Bodenseehochschule geplant ist – ein Zusammenschluss von 30 Hochschulen aus Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz. Involviert ist auch das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter der Fachhochschule St. Gallen. Geplant ist ein Netzwerk von 150 Senioren-Haushalten inklusive Migrantenfamilien, in denen während jeweils drei bis sechs Monaten die Akzeptanz und Effizienz neuer technischer Lösungen erprobt werden, wie Professor Sabina Misoch vom Kompetenzzentrum erklärte. Ziel ist auch hier eine Verbesserung der Lebensqualität und Mobilität, um den Verbleib im eigenen Heim zu sichern. Man soll sich aufs Alter freuen können.

Ein würdiger Abschluss einer dynamischen Tagung: Othella Dallas› Auftritt mit ihren Jazz Standards. Foto: ZVG

Technik hin oder her: Wie energiegeladen man noch mit 90 Jahren sein kann, wenn die Gesundheit halbwegs mitmacht, demonstrierte zu Abschluss des Forums eine Powerfrau aus Basel: die Grand Old Lady des Jazz Othella Dallas. Sie hat nicht einmal ein Handy, dafür aber eine Singstimme, die «souliger» nicht sein könnte.

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