FrontKulturExakte Schein-Kartografie

Exakte Schein-Kartografie

In der Fondation Beyeler in Riehen: Luzide Zeichnungen, und Anderes mehr, von der Amerikanerin Roni Horn.

Als Schauender fühlt man sich spontan mit der 1955 in New York geborenen Künstlerin verbunden, sofern man den Ausdruck – oder auch die Herausforderung – dieser Präsentation überhaupt ansprechend findet. Vor allem die grossformatigen letzten Werke im hintersten Saal können faszinieren. Sie sehen wie Landkarten aus. Auf dem einen Bild glaubt man gar die Umrisse von Australien zu erkennen. Es sind teils dunstige, wolkige Traumgebilde, teils wie mit unsicherem Strich gezeichnete, doch klare Umrisse. Schaut man die Bilder genauer an, gewahrt man die vielen kleinen Bleistiftnotizen mit Zahlen und Massangaben. Sie lassen sich als Vermessungszeichen interpretieren. Die begrenzenden kurzen, feinen Striche und die fast zufällig anmutenden, kaum lesbaren Arbeitsnotizen bereichern diese assoziativen Elemente, unter ihnen vereinzelt auch mit dem Bleistift notierte Sprachspielereien.

Es ist, als gehörten diese skizzenhaften Teile zum Werk – und sie gehören natürlich auch dazu. Doch gerade dieser scheinbare Widerspruch des Dazugehörens und nicht Dazugehörens macht einen grossen Teil der Spannung aus, die diesen grossen Formaten inne wohnt.

„Or 7“, 2013-15. Pulverisiertes Pigment, Graphit, Kohle, Farbstift und Firnis auf Papier, 278,1 x 257,8 cm. Glenstone Museum, Potomac, Maryland. © Roni Horn, Foto: Tom Powel Imaging.

Schaut man weiter genau hin, bemerkt man, dass einzelne Umrisse nicht einfach starke Striche sind, sondern ausgeschnittene Streifen, neu zusammengefügt und aufgeklebt. Diese drei Elemente – Umriss, Notizen und Zeichen mit spitzem Stift, Getrenntes und wieder Zusammengefügtes – wecken intensives Nachdenken über die Fähigkeit und auch die Methoden der Künstlerin, Erfahrenes und Gedachtes gestaltend zu verarbeiten. Nicht von ungefähr fühlt man sich, sofern diese Bilder einen überhaupt anzusprechen vermögen, auf gewisse Weise in diesen Prozess einbezogen und davon angeregt.

„Th Rose Prblm“, 2015/16 (Detail). Aquarell, Tusche oder Bleistift, Gummiarabikum auf Aquarellpapier, Klebeband, 48 Teile, 58,4-74,3 x 44,5-54 cm. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth. Foto: Tom Powel Imaging

Das in der Fondation Beyeler gezeigte Werk der Künstlerin ist erstaunlich vielfältig. Da sind Fotografien wie aus einer Familienchronik im einen Saal (a.k.a – (‚as known as’, fv), 2008/09); in einem anderen Raum sammelt die Künstlerin alle die kleinen und grösseren Geschenke, die sie in den letzten 40 Jahren zufällig erhalten haben mag – vom Winzling bis zu Dankeskarten im Normformat (The Selected Gifts, 1974-2015/16). Von bildschöpferischer Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur zeugt die Serie „Th Rose Prblm“, 2015/16; insgesamt 48 farbige, spielerisch-bizarre Satzneuschöpfungen.

«Still Water (The River Thames, for Example)», 1999 (Detail). 15 gerahmte Fotografien und Text, gedruckt auf Naturpapier, je 77,5 x 105,4 cm. Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, © Roni Horn.

Wie in einen Spiegel blickt Roni Horn in ihrer Folge von Fotografien der Wasseroberfläche, die sich zum vielfältigen, mit wechselnden Farb- und Lichteffekten lebendig blinkenden Portrait des Flusses Themse vereinen. Auch hier setzt sie sich auch sprachlich mit den Motiven Fluss, Wasser, Wasserspiegelung auseinander. In einem der grossen Räume wirken die verschiedenen Glaszylinder gleicher Grösse recht monumental, man empfindet sie als riesig. Sie lassen aufs erste die gewisse Intimität der übrigen hier beschriebenen Werke vermissen, bieten aber als Ganzes eine spannende Schau der Wandelbarkeit von Material und dessen Zuständen. Auch die Illusion von Wasser, womit die Zylinder gefüllt scheinen, verstärkt die in mancher Hinsicht verblüffende Wirkung der Installation. Noch bis am 1. Januar 2017 ist die Ausstellung geöffnet. Interessante Begleitveranstaltungen ergänzen die von Senior Curator Theodora Vischer in Anwesenheit von Roni Horn gestaltete, vielseitige Werkpräsentation in der Fondation Beyeler.

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