FrontGesellschaftGleiche Rechte für Mensch und Tier?

Gleiche Rechte für Mensch und Tier?

Grundrechte für Primaten. Inhalt, Geschichte und Zukunft einer Idee. Darüber sprach Markus Wild und scheute sich nicht, unorthodoxe Ideen vorzutragen.

Tiere empfinden Schmerz und Freude, sie lernen voneinander, finden und erfinden neue Werkzeuge – kurz gesagt: die heutige ethologische Forschung stellt fest, dass sich Menschen und besonders Affen in ihrem Verhalten nur graduell unterscheiden. Das gilt nicht nur für die akut bedrohten Menschenaffen (Hominiden), sondern auch für Primaten, zu denen über 350 Arten gehören, wie Paviane, Lemuren oder Rhesusaffen. Im Rahmen einer Vorlesungsreihe des Collegium generale der Universität Bern «Menschen und andere Primaten» sprach Markus Wild, Professor für theoretische Philosophie der Universität Basel.

Affenabbildung von Sir William Jardine 1833 / wikimedia.org. So wurden Menschenaffen im 19. Jahrhundert dargestellt. Der Stock soll die scheinbaren Unterschiede in der Fortbewegung symbolisieren, da das zweifüßige Gehen ohne Hilfsmittel nur dem Menschen zugeschrieben wurde.

Aus der Erkenntnis heraus, ob nicht auch dem Tier – in diesem Fall den Hominiden – gewisse individuelle Grundrechte zuzusprechen seien, wurde 1993 das Great Ape Projectausgerufen. Dabei geht es nicht um Artenschutz, sondern um die Umsetzung der Idee, dass jedem Lebewesen eine Würde zukomme. Auch in der Schweizer Bundesverfassung (Art. 120 Abs. 2 Satz 2) ist die Würde der Kreatur aufgeführt. Unterstützung finden die Gründer dieses Projekts bei angesehenen Forschern, z.B. Jane Goodall, die überzeugt sind, dass der Stand der gegenwärtigen Forschung es aus ethischer Sicht nicht mehr erlaubt, Menschen und Menschenaffen ungleich zu behandeln.

Schutzrechte für Menschenaffen

Das Great Ape Project postuliert eine «Gemeinschaft der Gleichen» und umfasst auch die Hominiden, gewisse moralische Grundsätze bzw. Rechte gelten für beide. Es sind Schutzrechte, die den Hominiden gewährt werden sollen: das Recht auf Leben, auf individuelle Freiheit und auf körperliche und psychische Unversehrtheit, also auch Schutz vor Folter. Folglich müssten Zirkus, Zoo und Tierversuche verboten werden, wie ja die Jagd auf Gorillas usw. und der Wildfang auch heute schon praktisch verboten sind.

Die Initiatoren dieses Projekts, die Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer, begründen ihre Forderung damit, dass Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans und Bonobos sehr eng mit dem Menschen verwandt sind und ähnliche soziale, aber auch kognitive und affektive Fähigkeiten besitzen. Daraus kann man ableiten, dass diese Menschenaffen auch eine Persönlichkeit besitzen, die es zu schützen gilt. Dem Argument, dass ein Gorilla sich nicht selbst für seine Rechte einsetzen kann, ja nicht einmal davon weiss, halten die Forscher entgegen, dass auch Kleinkinder oder behinderte Menschen Schutzrechte besitzen, obwohl sie diese nicht selbst einklagen können.

Dagegen erheben sich selbstverständlich zahlreiche Einwände: Menschen und Tiere dürfen nicht verglichen werden, ein Schwerbehinderter nicht mit einem Affen gleichgestellt werden. Tiere können auch nicht als Personen gelten. Wir sollten uns mehr um die zahlreichen Menschen kümmern, deren Rechte missachtet werden. Andere befürchten, dass nach den Schutzrechten für Affen später solche für Ratten gefordert würden.

Dieses Gorillaweibchen benutzt einen Stock, um die Wassertiefe zu prüfen und sich abzustützen. / wikimedia.org / See Source

Anthropomorphismus und Tierversuche

Sobald wir uns näher mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier beschäftigen, erkennen wir, wie viele eingefahrene Vergleiche zwischen Mensch und Tier wir benutzen: «du dummes Huhn»; «er ist ein Schwein»; «alter Esel»; «eitler Pfau». Es sind Stereotypen in eindeutig abwertendem Sinn. Wir schreiben Tieren negative Eigenschaften zu und übertragen sie dann auf Menschen, um sie herabzuwürdigen.

Wir kennen auch eine andere Form unangebrachten Verhaltens unseren Haustieren gegenüber: Hunde z.B. werden durch Züchtung unseren Wünschen angepasst. Der Mensch versucht, das Tier sich und seinem Charakter ähnlich zu machen. Auch dies eine sehr fragwürdige Haltung.

Am bedenklichsten und umstrittensten sind Tierversuche. Dürfen Rhesusaffen als Versuchstiere benutzt werden, wenn die Forschung festgestellt hat, dass sie ganz ähnliche Eigenschaften und Verhaltensweise haben wie Menschenaffen? Wissenschaftler, die mithilfe von Rhesusaffen forschen, halten daran fest, dass gerade die grosse Nähe zum Menschen zuverlässige Aussagen ermögliche. – An Schimpansen aber wird solche Forschung inzwischen weitherum abgelehnt. Im Kanton Basel-Stadt hat ein Komitee unter dem Titel «Grundrechte für Primaten» – dazu gehören Rhesusaffen – eine Initiative lanciert, dies im Hinblick auf die dort stark vertretene Pharmaindustrie. Grundsätzlich geht es um den Schutz aller empfindungsfähigen Lebewesen, und dazu gehören eigentlich auch Wale und Delphine und viele andere Tierarten.

Orang-Utans führen von allen Menschenaffen die einzelgängerischste Lebensweise. / wikimedia.org

Wie weit kann und soll die Gesellschaft in dieser Frage gehen? Markus Wild plädiert dafür, zunächst einmal ein 10-jähriges Moratorium für Tierversuche auszusprechen. Das würde ein sorgfältiges Abwägen aller Argumente ermöglichen und Raum geben, sich mit einem würdigen Verhalten Tieren gegenüber auseinanderzusetzen. Im Übrigen verwies Markus Wild auf den langen und dornigen Weg zum Frauenstimmrecht in der Schweiz: Von der Einführung der Bundesverfassung 1848 dauerte es 123 Jahre, bis die Schweizerinnen an die Urnen gehen durften.

. . . und die Berner Bären

Im Tierpark Dählhölzli leben zwei Bären gemeinsam in einem grossen Gehege. Als die Bärin zwei Junge bekam, blieb der Bärenvater weiterhin im gleichen Gehege, weil, wie die Tierparkleitung verlauten liess, die beiden schon seit klein auf zusammenlebten. Es kam, was bei Tieren, die als Einzelgänger leben und ausser der Paarung getrennte Wege gehen, hätte erwartet werden müssen: Der Bär «spielte» mit den Kleinen, als wären es Bälle, und verletzte sie nacheinander so schwer, dass das eine starb, das andere zu schwer verletzt war, um weiterleben zu können. Es schien, dass der Bär sie nicht einmal absichtlich als Feinde oder Nebenbuhler töten wollte, sondern sich nur auf seine Art mit ihnen vergnügte. – Einem männlichen Bären ist angemessenes Verhalten mit verletzlichen Bärenjungen nicht gegeben. Das hätten die Verantwortlichen im Tierpark berücksichtigen müssen.

Rechte für Tiere bedeutet tiergerechte Fürsorge, nicht gemessen an menschlichen Massstäben. Es ist ein Denkanstoss: Inwieweit sind wir Menschen fähig, die Rechte von Tieren richtig einzuschätzen und sie ihnen sodann zu gewähren?

Collegium generale

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