FrontKulturFabio Luisi und sein Giuseppe Verdi

Fabio Luisi und sein Giuseppe Verdi

Erst „Don Carlo“ und nun erstmals eine Ballettchoreographie der „Messa da Requiem“ durch Ballettchef Christian Spuck. Im Mittelpunkt das künstlerische Gewissen, Fabio Luisi.

Der begehrte und vielbeschäftigte Fabio Luisi steht als „spiritus rector“ endlich wieder vor seiner Philharmonia Zürich, um mit der Wiederaufnahme des „Don Carlo“ in der Bechtolf-Inszenierung von 2012 und der umjubelten Choreographie von Verdis Totenmesse durch Zürichs Ballettchef sein musikalisches Credo zu bekunden.

Ein singulär anspruchsvolles Werk wie den „Don Carlo“ nach vier Jahren in veränderter Besetzung wieder aufzunehmen, hinterlässt oft mehr Trübsal als Wohlklang. Zum Glück stand Fabio Luisi wieder am Pult und sang Anja Harteros (nach einer Erkrankung) erneut die Elisabetta, eine Charakterrolle, die ihr in der Salzburger Peter Stein-Regie mit Jonas Kaufmann, Thomas Hampson und Matti Salminen höchste Elogen einbrachte. Ihre Interpretation zeichnet alles aus, was in dieser Partie zwingend ist: Noblesse, Ausstrahlung, Anmut, Legatobögen bis ins verhauchte Pianissimo und gleichzeitig eine magistrale Strahlkraft, um sich gegen ihre despotischen Widersacher zu behaupten. Wenn ihr dann auf der Bühne niemand das Wasser reichen kann, vermag auch Luisi die Einbussen nicht aufzuwiegen. René Pape zeigt als Filippo II zwar Statur, ist aber gegenüber Matti Salminen im Ausdrucksspektrum zu eindimensional, Ramon Vargas ist in der Titelrolle weder ein Kaufmann noch ein Cura, und das „Nordlicht“ Peter Mattei würde wohl den Rodrigo lieber auf schwedisch singen und hält einem Vergleich mit Hampson, Volle oder Nucci überhaupt nicht stand. Wer dieses Meisterwerk auf Sparflamme setzt und damit rechnet, die Harteros und Luisi würden es schon richten, vergrault die Verdi-Liebhaber auf unziemliche Weise.

Wie von einem anderen Sterrn: Anja Harteros als Elisabetta / Foto: Suzanne Schwiertz

Ein Ärgernis kommt noch hinzu und treibt in Zürich seit Jahren seltsame Blüten: Die vier Trompeter nehmen bereits nach einer halben Stunde für gefühlte 5-10 Minuten reissaus, weil sie keinen Einsatz haben, und bequemen sich nach der Pause erst nach einer Viertelstunde auf ihre Plätze, was nur als Geringschätzung dem Werk, dem Dirigenten und dem Publikum gegenüber zu qualifizieren ist. Ein Orchester ist doch kein Instant-Bedienungsladen, wo jeder kommt und geht, wann es ihm passt. Dass das Blech meist seitlich beim Ausgang sitzt, ist noch lange keine Legitimation für eingestreute Kaffeepausen.

Verdis „Messa da Requiem“ – ein ganz grosser Wurf als Gesamtkunstwerk

Wenn einer es schafft, dann er, Ballettdirektor Christian Spuck. Er verfügt nicht nur über eine virtuose, hochartistische Companie, er weiss auch die grosse Chorbesetzung magistral zu führen und ungemein harmonisch ins Bildganze einzubetten. Der Abend wird zum Familienfest, und das ist das eigentlich Beglückende an dieser Herkulesaufgabe. Und wann haben in den letzten Jahren Choristen in Zürich eine derart kompakte, hinreissende Performance abgeliefert? Das Verdienst gehört Regie wie Einstudierung. Der multibegabte  Dirigent, Komponist und Chorleiter Marcovalerio Marletta (der Name ist schon Musik!) hat zum grossen Wurf Wesentliches beigetragen. Der schlichte grauschwarze Bühnenraum von Christian Schmitt, atmosphärisch stimmig ausgeleuchtet durch Martin Gebhart, und die farblich fein abgestimmten Kostüme von Emma Ryott bieten auch dem Auge unaufdringliche Farbnoten.

Pas de deux mit Yen Han und Filipe Portugal, dahinter Krassimira Stoyanova

«Die Hoffnung sind wir selbst“

Christian Spuck bringt es auf den Punkt. Der Agnostiker Verdi hat mit seiner Totenmesse kein Glaubensbekenntnis abgelegt, aber die Provokation der menschlichen Vergänglichkeit und des Jüngsten Gerichts, eingebettet in 2000 Jahre Christentum, verlangte von ihm so viel Demut, das Geheimnis einer möglichen Erlösung zu akzeptieren, ja darauf zu hoffen. So lässt Spuck jedes Individuum mit Kreide eine Botschaft des Zweifels oder der Hoffnung an die Wände schreiben, universell in der sprachlichen und bekenntnishaften Vielfalt.

Von den Tanzenden kann ich aus Platzgründen leider nur eine Ballerina herausheben, die Zürich schon unzählige Glücksstunden bescherte: Yen Han. Gleich zu Beginn steht sie regungslos, in ruhender Pose im Vordergrund und trifft damit die Aura des „Requiem aeternam“ haargenau. Und wie sie dann, zusammen mit Filipe Portugal, mit ihren unnachahmlich filigranen Gesten die innere Verletzlichkeit im „Rex tremendae“ und im „Agnus dei“ vergeistigt, ist unglaublich berührend. Von mir aus hätte Spuck nicht jede Sequenz mit einem Ballett-Tableau bebildern müssen. Da gibt es Pas-de-trois und „table dance“-Verrenkungen, die man auch an einer Gymnästrada zeigen könnte und die statt Vieldeutigkeit eher Beliebigkeit signalisieren. Doch ist es wohl dem aktuellen Zeitgeist geschuldet, dass wir immer weniger zuhören können und immer mehr zusehen wollen.

Giulia Tonelli und die Chöre der Oper Zürich / Fotos: Gregory Batardon

Das Solistenquartett integriert sich wie von selbst in die szenischen Abläufe und setzt vielseitige Glanzlichter: Krassimira Stoyanova (ungemein kultiviert), Georg Zeppenfeld (betörend), Francesco Meli (etwas uneinheitlich in den Höhen) und Veronica Simeoni (leider mit einigen störenden Tremoli) singen insgesamt doch herausragend, und das ist einmal mehr der Souveränität Fabio Luisis zu verdanken, der das grossartige Requiem völlig unaufgeregt in gemessenen Tempi pulsieren  lässt, wie es Verdi geziemt und den Solisten, dem Chor und dem Ballett zum Triumph gereicht.

Weitere Vorstellungen: „Don Carlo“ Dezember 4, 7, 10

„Messa da Requiem“ Dezember 6, 8, 13, 16, 20, 23, Januar 1, 8, 13

 

Ausstrahlung auf ARTE: Dezember 18, 23.05

„Libera me“, eine Verdi-Choreographie von Christian Spuck

 

Adventskalender:  täglich 17.30 (bis 23.12.) eine musikalische Überraschung im Foyer des Opernhauses bei freiem Eintritt

 

 

 

 

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