FrontKulturNarrenspiel um ein Ungeziefer

Narrenspiel um ein Ungeziefer

Grotesk überzeichnet: Der isländische Regisseur Gísli Örn Garðarsson inszeniert am Schauspielhaus Zürich Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung».

«Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt». So beängstigend wie lapidar beginnt Franz Kafkas berühmte Erzählung «Die Verwandlung». Fortan muss der Versicherungsangestellte Gregor, bis dato die finanzielle Stütze der Familie, sein Leben als Käfer im eigenen Zimmer bestreiten. Eltern und Schwester versuchen verstört, sich ohne ihren Versorger über Wasser zu halten. Vater und Tochter arbeiten wieder, Schmuck wird verkauft und ein Untermieter gesucht, der sich aber beim Anblick Gregors wieder davonmacht. Nach und nach wird ihnen der Gedanke, dass dieser Mistkäfer eigentlich Sohn und Bruder ist, immer befremdlicher. Seinem Schicksal überlassen, stirbt Gregor schliesslich verletzt und verhungert. Der Rest der Familie freut sich in grotesker Erleichterung über den Tod des Ungeziefers, in Feststimmung feiern sie einen Neuanfang.

Mit Fokus auf die Groteske

Der isländische Regisseur Gísli Örn Garðarsson, bekannt für seine gefeierten Klassikerinszenierungen, legt in seiner Kafka-Interpretation, die am Wochenende im Schauspielhaus Zürich Premiere feierte, den Fokus weniger auf den düsteren, hoffnungslosen Momenten als auf die Groteske, die sich vorab in der Familie von Gregor findet, und auf Akrobatik. Gespielt wird in einem Wohnzimmer mit kleinbürgerlichem Kitsch. Darüber befindet sich das um 90 Grad gedrehte Zimmer von Gregor mit Bett und weiteren Möbeln. Der Fussboden ist die Rückwand, auf der Gregor als Ungeziefer sich von Riss zu Riss angelnd herumturnt (Bühnenbild: Börkur Jonsson).

Fritz Fenne als Prokurist  Stietl (vorne links) und Claudius Körber als Gregor.

In der Regie von Gisli Örn Garðarsson ist Gregor ein Getriebener, der mit seinen akrobatischen Kraftakten mehr für Heiterkeit als für kafkaeske Düsternis sorgt. Sicht- und spürbar wird weniger ein verzweifelter Aussteiger, ein missmutiger Verweigerer, der nicht mehr mitmacht und mit der erschütternden Frage nach der eigenen Identität ringt, als vielmehr eine skurrile Figur, die den plötzlichen Perspektivwechsel solange turnerisch zu geniessen scheint, bis sie, allmählich von der Familie vergessen und verachtet, sich ihrem Schicksal ergibt.

Karikaturen ihrer selbst

Absicht des Regisseurs war wohl, den Klassiker eher humorvoll zu präsentieren, indem er die Konsequenzen für die anderen Mitspieler teils grotesk überzeichnet. Und das gelingt ihm vortrefflich. Mit viel Klamauk meistern diese ihre Rollen, wirken wie Karikaturen ihrer selbst. Die Mutter gibt sich so schwach, dass ein Anblick Gregors reicht, um ohnmächtig umzukippen, der Vater tritt als aggressiver und prinzipientreuer Despot auf, die Schwester Grete gibt sich anfänglich fürsorgerisch, dann puppenhaft verliebt in den grossmauligen Untermieter Fischer in spe, der wie ein herrschsüchtiger Parasit auftritt. Schliesslich sind alle vereint im Familienglück, froh, dass der Spuk vorbei ist, und entschweben durchs Fenster in Georgs Zimmer in einen kitschig blumig umrahmten Stadtgarten.

Klamauk mit dem Untermieter Fischer  (v.l. Dagna Litzenberger Vinet, Isabelle Menke, Fritz Fenne, Matthias Neukirch und Claudius Körber). (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Claudius Körber in der Rolle des Ungeziefers Georg zeigt ein dynamisches, körperbetontes Spiel, sei es, dass er sich ängstlich unter das stehende Bett verkriecht, die überall angebrachten Wandhalterungen gekonnt anspringt, kopfüber krabbelnd wahre akrobatische Leistungen vollführt (dafür gabs am Premierenabend viel Applaus). Ansonsten liefert er einen wenig überzeugenden Kampf um die Reste seiner Menschlichkeit, die schliesslich in Selbstaufgabe und Tod endet.

Kleinbürgerlich Familienharmonie

Darstellerische Vielfalt der komischen Art bringen die übrigen Darsteller auf die Bühne: Matthias Neukirch als gestrenger Vater, Isabelle Menke als gehorsame Mutter und Dagna Litzenberger Vinet als wankelmütige Schwester Grete. Sie alle bemühen sich redlich um skurril gestaltete Figuren, die kleinbürgerliche Familienharmonie vorgaukeln. Fritz Fenne meistert gleich mehrere Nebenrollen mit Bravour. Köstlich, wie er den grosskotzigen Aufsteiger Fischer spielt.

«Die Verwandlung» gehört zu Franz Kafkas beliebtesten und meistgelesenen Erzählungen, in der er es auf unnachahmliche Art versteht, Unfassbares als das Alltäglichste erscheinen zu lassen. Der Regisseur Gísli Örn Garðarsson wagte sich an einen grossen Stoff. Und meistert ihn eher oberflächlich als tiefschürfend. Hier wird Kafkas Intension kräftig zu einem unterhaltsamen Narrenspiel verrührt.

Weitere Spieldaten: 5., 6., 8., 13., 15., 22., 27. Dezember; 5., 8., 18., 20., 25., 27., 30. Januar 2017.

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