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Die natürliche Ordnung des Aristoteles

Die UNESCO erklärte 2016 zum «Aristoteles-Jahr», 2 400 Jahre nach seiner Geburt in Stagira, einem Ort an der Ostküste der Chalkidike.

Aristoteles gehört zu jenen berühmtesten Philosophen, denen wir in Europa die grössten Errungenschaften in Wissenschaft, Ethik und Kultur zu verdanken haben. Indes, wäre er wie sein Lehrer Platon ein «Konzept-Denker» gewesen, hätte er nicht so einen nachhaltigen Denkfehler produziert.

Denn so musste Aristoteles logischerweise die Tugend des Denkens beschränken ausschliesslich auf «reife Männer, niemals auf Nichtgriechen, Sklaven, Frauen». Er erdachte sich: «Mann und Frau sind von Natur aus – also substantiell – verschieden». Das hatte zur Folge, dass er dogmatisieren musste: Grundsätzlich sind «Männer den mangelhaften Geschöpfen, den minderwertigen Frauen» überlegen. Deren Unfähigkeit, Samen zu produzieren, ist der Grund für ihre Mangelhaftigkeit. Ein weiterer Grund für die Dominanz des Mannes in der Gesellschaft ist seine überlegene Intelligenz.

«Sklaverei und Ungleichheit zwischen Mann und Frau gehören zur natürlichen Ordnung, sind von Natur aus derartig, dass der Mann über der Frau steht» usw. Es ist eben nur ein Mann ein vollständiger Mensch.

Glückseligkeit – Leitlinie des Lebens

In der Philosophiegeschichte wurde Aristoteles wenig kritisiert, vermutlich wegen seiner herausragenden Tugend-und Staatslehre. Man kann auch annehmen, weil Männer über die Jahrhunderte hinweg die Philosophie beherrschten. Schliesslich auch deshalb, weil Aristoteles in der Glückseligkeit eine Leitlinie des Lebens sah. Da hat jedes Handeln sein Ziel, hin zum letzten, obersten: der Glückseligkeit. Sie besteht aus der Übereinstimmung von menschlichem Verhalten und dem Naturgesetz, dem göttlichen Willen. Aristoteles kommt bei seinen Überlegungen zu drei Lebensformen: das Leben des Genusses, die sozial-politische Tätigkeit und die höchste ist die «Schau des Göttlichen».

Aristoteles: «Das Denken für sich allein bewegt nichts, sondern nur das, was auf einen Zweck gerichtet ist». Mit dieser Philosophie kam Aristoteles im Mittelalter gross raus. Sie war für die Theologen eine unbestreitbare Quelle für ihre Argumentationen. Und hörten auf den Theologen, auf Thomas von Aquin (1225-1274 n.Chr.), der sich in die Werke des Aristoteles vertiefte und u.a. ebenfalls feststellte: «Der männliche Samen ist dazu bestimmt, einen vollkommenen Menschen zur Welt zu bringen. Einen Mann, das Ebenbild Gottes.» Immer mal wieder gelingt das nicht ganz und es entsteht eine Frau, genauer: «ein misslungener Mann». Verursacht nicht durch Zufall, sondern von der Natur so beabsichtigt. «Von der Natur, von Gott dem Schöpfer».

Thomas von Aquin hat die Philosophie des Aristoteles christianisiert und aus der christlichen Theologie eine Wissenschaft gemacht. Im Jahr 1240 fand die «festgestellte» Mangelhaftigkeit der Frau Eingang in das offizielle Recht der katholischen Kirche. Damit war ihre Minderwertigkeit besiegelt. Im Jahr 1879 wurden die Lehren des Kirchenvaters Thomas von Aquin zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche erklärt.

Im Jahr 1998 verkündete ein Papst, dass der Heilige Thomas von Aquin zu Recht von der Kirche schon immer als Lehrmeister des Denkens und Vorbild hingestellt wurde, dafür, wie Theologie richtig betrieben werden soll. Und er werde als «Vollzugsorgan der kirchlichen Lehre gesehen».

Im Jahr 2016 liest man im Internet: «Das Hauptwerk des Thomas v. Aquin ist die <Summa theologiae>, die philosophische und theologische Synthese der Lehren der griechischen Philosophen, Aristoteles und Augustinus. Auch seine weiteren Schriften beeinflussen bis heute die katholische Theologie und die Kirche».

Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte bezeichnet, in dem sich Männer auf verschiedenen Gebieten einen «Namen» machten.

Wer aber kennt François Poullain de la Barre?

Er war der Mann, der die Ungleichheit der Geschlechter und die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft mutig und kräftig anprangerte. Im Jahr 1673 übergab er anonym sein Buch mit dem Titel «De l’égalité des deux sexes» – Deutsch: «Die Gleichheit der Geschlechter» der Öffentlichkeit.

Er verurteilte vor allem jene «Fest-Stellungen» des Aristoteles und des Thomas von Aquin, wonach Frauen ihrer Natur nach minderwertig sind, was jetzt auch noch im Kirchenrecht besiegelt werde. Kein anderer als er bekämpfte die seit mindestens 2000 Jahren laufenden sexistischen Vorurteile über Frauen.

P. S.: François Poullain de la Barre war ein katholischer Priester, der zum Protestantismus übertrat und deshalb von Frankreich nach Genf flüchten musste.

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