FrontKolumnenEhrlich gesagt …

Ehrlich gesagt …

Floskeln können das Leben erleichtern – «Wie geht es? Gut, und selber?», – und sind im zwischenmenschlichen Kontakt manchmal unerlässlich. Aber in einem Pressetext haben sie nichts zu suchen.

«Ehrlich gesagt, das hat mich nicht gestört». Doch, mich schon. Denn der Satz stand in der Zeitung. Da wurde also nichts gesagt, sondern etwas geschrieben. Und wenn eine Anmerkung mit «ehrlich gesagt» eingeleitet wird, sollte man genau hinhören. Denn wer hat es denn nötig, zu betonen, dass er in diesem Moment eine ehrliche Meinung vertritt? Meiner Ansicht nach nur ein Lügner. Ehrlich gesagt.

Gibt es ein Grünlichtviertel?

«Grünes Licht» ist eine Floskel, die in Texten für fast alles hinhalten muss: Grünes Licht für eine Strassenrenovation – geht ja noch –, grünes Licht für eine politische Entscheidung, grünes Licht für eine Ladeneröffnung, für eine Baumfällaktion, für einen Kindergartenbau. «Grünes Licht für ein Bordell» aber, wie kürzlich getitelt wurde, das ist schlicht irreführend. Wie sollen potenzielle Kunden da den Weg finden? Bordelle sind doch rot beleuchtet, deshalb sind sie ja im Rotlichtmilieu angesiedelt.

Auch im kleinsten Dorf wissen so die Leute, wo sich ihr Puff befindet. Meistens, wenigstens. Einer jungen Frau, die ihre erste eigene Wohnung mit knallroten Vorhängen ausstattet, diese am Abend dann auch noch zuzieht, und sich wundert, dass immer wieder fremde Männer an ihrer Tür klingeln, musste der Zusammenhang allerdings erklärt werden. Und jetzt dürfen die Vorhänge nicht mal mehr grün sein, von wegen «grünes Licht für ein Bordell»? Blöd.

Die Stadt der vielen Namen

Umschreibungen machen einen Text lebendig, das lernt man schon in der Schule. Also wird statt Luzern auch mal «die Leuchtenstadt» geschrieben, statt Rapperswil «die Rosenstadt, statt Oetwil am See «die Storchengemeinde». Uster im Zürcher Oberland sticht da ganz besonders hervor. In derselben Ausgabe der Lokalzeitung wird die Stadt als «Whisky-Hauptstadt» und «Leuchtturm für fairen Handel» bezeichnet. «Wasserstadt» und «»Oktoberfest-Zentrum» sind weitere Synonyme. Kann man machen. Nur nicht alles gleichzeitig.

«Lebensqualität » ist auch ein Wort, das für vieles herhalten muss. Wenn aber von wertvoller Lebensqualität geschrieben wird, dann steht da etwas zuviel. Oder gibt es auch wertlose Lebensqualität? Also: Wenn ein Leben als wertvoll angesehen wird, dann hat das Lebensqualität. Lebensramsch gibt es schliesslich nicht.

Ob rot, ob blau – oder schwarz

Nach einem Fest wurden, so wird vermeldet, von der Polizei «Blaufahrer» aus dem Verkehr gezogen. Blaufahrer? Schwarzfahrer gibt es – das sind die ohne gültiges Billett – blau machen kann man auch, blaue Briefe sorgen für Erschrecken. Ja, und blau kann man natürlich auch sein, oder Öl am Hut, einen Affen oder einen Rausch haben. Aber all diese besoffenen Ausdrücke können nicht einfach vor einen Fahrer gestellt werden. Alkoholisierte Lenker werden aus dem Verkehr gezogen. Die mutieren dann auf dem Polizeiposten schnell zu Fiazlern. Was «Fahren im angetrunkenen Zustand» heisst.

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, hat wahlweise Karl Valentin oder Mark Twain gesagt. Nicht aber in einem Schweizer Forstrevier. «Die Zukunft des Waldes wird markiert» steht schon im Titel. Ebenso aussagekräftig der erste Satz: «Im Wald hält gedanklich der Winter bereits Einzug.» Und was die Zukunft dieses denkenden Waldes betrifft: Markiert werden die Bäume, die im Winter gefällt werden sollen. Also die, die keine Zukunft mehr haben. Ausser vielleicht als Zeitungspapier.

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