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Kann es Liebe richten?

Manfred Trojahn glückte mit „Orest“ 2011 eine interessante Weiterführung des „Elektra“-Stoffes. Das Zürcher Opernhaus folgt nun mit einer spannenden Schweizer Erstaufführung.

Das Publikum ernst nehmen ist nicht die schlechteste Legitimation eines Opernhauses. Zürich lädt 45 Minuten vor dem Beginn einer Vorstellung jeweils interessierte Kreise ein, sich von versierten Dramaturgen in die Fakten, Hintergründe, Konstellationen und Regievorgaben eines Werkes einweihen zu lassen. Das tun andere Häuser auch, aber oft nicht mit gleicher Professionalität. Wer sich vor der „Orest“-Premiere die letzten Klappstühle ergattern wollte, musste sich sputen. Wahrlich, kein schlechtes Zeichen für das einheimische Publikum, dem üblicherweise ein eher konservativer Geist und wenig Lust an zeitgenössischer Kunst nachgesagt wird.

Zur glaubwürdigen Visitenkarte gehört aber auch, dass sich Intendant Andreas Homoki nicht nur zur Leistungsvereinbarung mit dem Kanton explizit bekennt, alle zwei Jahre einen Kompositionsauftrag zu erteilen, sondern auch die Art, wie er jüngeres Musikschaffen fördert. In Hans Neuenfels gewann er nicht irgendeinen Regisseur, sondern einen der gefragtesten und überzeugendsten Bühnenschöpfer überhaupt. Und das Solistenensemble und die Philharmonia Zürich unter Erik Nielsen, neu Musikdirektor am Theater Basel, führten das anspruchsvolle Werk zu einem künstlerischen Erfolg, wie er nicht unbedingt zu erwarten war. Natürlich blieben ein paar Ewiggestrige zuhause, doch die Anwesenden feierten die Produktion warmherzig.

Hermione (Claire de Sévigné), Orest (Georg Nigl) und Apollo/Dionysos (Airam Hernandez)

Was wäre wenn… und wenn nicht?

Die Atriden-Tragödie um Agamemnon und den Rachefeldzug Elektras, die ihren Bruder Orest dazu nötigt, ihre Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber  Ägisth zu töten, beschäftigt die Literatur seit Anbeginn. Für den deutschen Komponisten Manfred Trojahn ist die Stoffübertragung der „Elektra“, wie sie das Gespann Hofmannsthal/Strauss unübertroffen bewerkstelligte, Vorbild für eine Fortsetzung. Er eifert nicht nur mit einem gewaltigen (und gewalttätigen) Orchesterapparat Richard Strauss nach, er ist auch noch sein eigener Librettist. Richard Wagner lässt ein bisschen grüssen.

Ihn interessiert aber auch die Frage, wie Orest nach dem Meuchelmord mit Schuld und Sühne umgeht, ob es für ihn einen gangbaren Weg gibt, aus der von Gott Apollo in Gang gesetzten Gewaltspirale auszubrechen. Immerhin lässt er sich vom Hass Elektras dazu anstacheln, die mit Menelaos aus dem Trojanischen Krieg zurückgekehrte und schuldbeladene Tochter Helena auch noch zu töten, bis es ihm dämmert. Deren Tochter Hermione schafft mit ihrem verzeihenden Blick, gepaart mit Liebe, was ihm bislang nicht beschieden war: „Was man selbst nicht hat sein können, das ist sie!“ Orest entsagt den Verlockungen des Ruhmes, mit dem ihn Apollo ködern will, und er verlässt mit Hermione, zögerlich einen neuen Weg suchend, die Stätte der Rachsucht und der Gewalt. Die Götter sind tot, und auch Nietzsche und Kant grüssen mit ihren Botschaften. Mündigkeit kann nur erlangen, wer Verantwortung übernimmt. Ein starkes Zeichen in einer desorientierten Welt. Ein bisschen naiv wohl auch, denn «ohne Sterne und Götter» scheinen wir hilfloser denn je.

Orest und Hermione vor der Frage aller Fragen / Fotos: Judith Schlosser

Trojahns „Orest“ zwischen Tradition und Moderne

Wenn Komponisten heute einen Weg zwischen der Tradition und der Moderne suchen, sind die Avantgardisten nicht weit, welche den Kompromiss als Verrat verunglimpfen. Trojahn ist aber keineswegs Eklektiker, er nutzt die Verbindung der Klangfülle eines mit allen Registern besetzten Orchesterapparates mit den heute möglichen elektronischen Ergänzungen. Seine Musiksprache überzeugt durch eine durchdachte Balance zwischen dem dramatisch auftrumpfenden Bläser- und Schlagwerk und einem auf Kammerniveau besetzten Ensemble, das von den eruptiven sinfonischen Kaskaden nie zugedeckt, sondern feinsinnig untermalt und unterstützt wird. Erik Nielsen entfaltet die inhärent expressiven Gegenwelten mit stimmiger Sorgfalt.

Lediglich sechs Solisten entfalten die filigrane Regiearbeit von Hans Neuenfels in einem einfach gehaltenen Bühneninterieur (Katrin Connan) und sprechenden Kostümen (Andrea Schmitt-Futterer). Dass sich Apollo jeweils selbstverliebt die Krone und einen goldenen Macho-Penis aufsetzt, genügt, um ihn zu diskreditieren. Georg Nigl (Orest) gilt als Star anspruchsvoller Neuvertonungen und löst das Versprechen mustergültig ein. Claudia Boyle singt und spielt als aufgetakelte Helena unwiderstehlich. Eine erneute Bestätigung ihrer erstaunlichen Entwicklungsfähigkeit liefert Claire de Sévigné aus dem IOS  als Hermione, und Airam Hernandez (Apollo/Dionysos), auch er erst noch vor kurzem Mitglied des IOS, war eine Offenbarung. Die Elektra von Ruxana Donose und der Menelaos von Raymond Very fügten sich rollendeckend in ein Feuerwerk der Leidenschaften, dem sich hoffentlich das Opernpublikum nicht entziehen wird.

Weitere Vorstellungen: März 2, 7, 10, 12, 19, 24

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