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Sokrates: Wie mir scheint

Es gibt bekanntlich einige kluge Sprüche, die mit einer bestimmten Person verknüpft sind.

Zum Beispiel: „Kleider machen Leute“ (G. Keller), „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es“ (E. Kästner), „Geh mir aus der Sonne“ (Diogenes), „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (Adorno) usw. Und nicht vergessen: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ des Philosophen Sokrates. Man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Spruch weltweit bekannt ist.

Sokrates lebte von 470 bis 399 vor Chr. in Athen und war – vermutlich in zweiter Ehe – verheiratet mit Xanthippe, die als «zänkisches Weib“ in die Annalen einging. Vielleicht ein fieses Gerücht, vielleicht aber auch die Wahrheit.

Denn mit Sokrates verheiratet zu sein, hiess auch, die Nerven zu behalten, stark bleiben zu müssen, um ihn zu ertragen. Warum? Weil er es nicht lassen konnte, in immer neuen Gesprächen zu philosophieren, wo und wann auch immer. Gewiss auch daheim mit Xanthipp, nicht nur, wie es seine Freunde notierten, auf den Strassen und Plätzen mit Athener Bürgern.

Er führte mit ihnen Streitgespräche, um sie bewusst in die geistigen Ausweglosigkeiten zu bringen; sodann ihnen in einem Dialog zu zeigen, dass sie bisher höchstens nur etwas meinten, aber nichts wussten.

Sokrates selbst gab zu, dass auch er nichts weiss und dass es besser ist, sich das Nichtwissen einzugestehen, statt Standpunkten und Behauptungen zu verteidigen oder auf Trugschlüssen zu bestehen. Dieses Nichtwissen ist nicht Ignoranz, ist «belehrte Unwissenheit.

Man hat Sokrates in der Geschichte der Philosophie auch den anderen Spruch zugeschrieben, – ihm ebenso wie Platon, seinen Freunden und Schülern: „Wir haben die Wahrheit gesucht. Wir haben sie nicht gefunden. Morgen suchen wir weiter“.

Das war/ist nicht etwa der Beginn eines philosophischen Systems, sondern lediglich ein Appell, sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, und/oder andere unter Zurücknahme der eigenen Fähigkeiten unentwegt auf den Weg zur Wahrheitssuche zu begleiten. – Eine Sache für Sokrates?

Mit seinem hartnäckigen, kritischen Hinterfragen – so die herkömmliche Lehre – wollte Sokrates seinen Gesprächpartnern bzw. Diskutanten beweisen, dass sie eigentlich nichts wissen. Durch das Aufzeigen von Widersprüchen und Denkfehlern wird das konventionelle Wissen dem üblichen «doxa» zugeordnet. Also dem oberflächlichen, trivilaren, inhaltslosen, blossen «Meinen».

Gibt es ein Wozu? Bis dahin meinte man, um einem «Gegenüber» zu helfen. – So die herkömmliche Lehre: gemeinsam die Wahrheit zu suchen, um sie zu finden. Wenn nicht heute, dann morgen und so weiter. Eine Sache für Sokrates? Sich anzuhören: «Wahrheit ist nur eine, alles andre keine?!» – «Die Wahrheit gibt es nicht, alle haben Recht «- «Wenn alle von ihrer Wahrheit überzeugt sind, sind Dialog oder Gespräch so gut wie unmöglich. «Wer Wahrheit beansprucht, gilt als intolerant» usw.

Schade, dass Sokrates selbst nichts aufgeschrieben hat. Er war der Meinung, dass man nur mündlich philosophieren könne. So scheinen uns die Schriften Platons, der seine gesamte Philosophie dem Sokrates in den Mund legte, die relativ besten Quellen zu sein. Soviel ist immerhin sicher, dass ohne Sokrates die Philosophien Platons und Aristoteles nicht möglich gewesen wären.

Sokrates – das ist ein relativ gesichertes Minimum – hat die Methode der «Maieutik» erfunden: die so genannte Entbindungs-bzw. Hebammenkunst. Er ging davon aus, dass jeder Mensch ein Erdachtes und Sinniertes, eine Ansicht und eine Meinung latent in sich birgt, was entbunden werden, sich äussern und letztlich zur Sprache kommen will. Dabei kann er, Sokrates, allerdings nur als «Hebamme» behilflich sein. Der Geburtsvorgang muss von der betreffenden Person selbst vollzogen werden.

War’s das?

Nein. Es war die Philosophin Hannah Arendt [1906-1975], die das «dokei moi», (deutsch: «wie mir scheint»), für nachdenkenswert erachtete und vor allem aufwertete. Wiederum: bis dahin ging es stets allein um die Wahrheit. Um die absolute Wahrheit.

Mit der Aufwertung des «dokei moi» («wie mir scheint») kommt die Einsicht ins Gespräch, dass das «Meinen» nicht als minderwertigen Gegensatz zum Wissen erklärt werden darf. Im Gegenteil. Man soll die Meinung des anderen wahrhaftig werden lassen, sein «Wie mir scheint» sich anhören, anerkennen und zulassen, die Meinung des anderen wertschätzen.

Das heisst aber auch, dass man in Gesprächen und Gesprächsrunden sich eingestehen muss, dass das «eigene Wissen» auch «dokei moi» ist. Ein: «Wie mir scheint».

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