Kultur

„Werther“ - oder die Liebe als Utopie

Goethes „Sturm und Drang“-Briefroman steht an der Wiege zu Jules Massenets spätromantischer Oper „Werther“. Zürich probierts mit einem Puppenhaus.

Über die Regisseurin Tatjana Gürbaca scheiden sich die Geister. Ihre Zürcher „Rigoletto“-Inszenierung war so mutig wie naiv, ihre „Aida“ nur noch naiv,  die „Zauberflöte“ eine Beleidigung für den mündigen Betrachter. Und nun kommt sie also mit einem weiteren Handkuss in die Limmatstadt und irritiert mit Schultheater-Einfällen. Mozart hat’s überlebt und Massenet auch. Aber es stellt sich schon langsam die Frage, für wie blöd das Publikum eigentlich gehalten wird. Sich mit mediokren Regieteams zu schmücken, entlarvt eigentlich nur die eigene Unbedarftheit. Sie sind inzwischen in der Überzahl, und das bedeutet nichts Gutes für ein spannendes, fesselndes Musiktheater.

Juan Diego Florez (Werther) verbrennt seine Liebesbriefe / Fotos: Herwig Prammer

Weshalb dann nicht gleich konzertant? Dann könnte man sich das enge, in Holz verkleidete Puppenhaus (Klaus Grünberg), durch das sich selbst eine Ballgesellschaft in fasnächtlicher Maskerade quetschen muss, nämlich streichen. Immerhin gibt es so viele Fenster und Türen, dass Auftritte durch jede Ritze möglich sind. Die Stube ist auch ein Altersheim, denn im Libretto steht bekanntlich, dass eine Goldene Hochzeit gefeiert wird. Die Damen fassen denn auch ein Essgeschirr und beeilen sich, die Enge zu verlassen, denn für einen Tisch gibt es keinen Platz. Gegen Schluss, wenn Werther mit einer Kugel in der Brust noch zwanzig Minuten seine Liebe beschwört, tänzelt ein greises Paar, sie mit silbernem Krönchen im Haar, er mit Indianerfedern geschmückt, in die ausweglose Liebesklage. Und dabei soll kein Auge trocken bleiben? Werther und seine Angebete, die mit Albert unglücklich verheiratete Charlotte, ziehen (was für ein Einfall?) aus den Wänden silberne Bänder, um sich darin zu verheddern. Mit Verlaub, muss man uns mit dem Holzhammer eintrichtern, dass diese Liebe nur noch als Utopie überleben kann? Ja ja, das Krönchen trägt Charlotte auch schon zu Beginn im Haar, gespielt wird aber nicht Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ und auch das Märchen ist ausser Reichweite. Dass sie das Krönchen dann nochmals gereicht bekommt und Werther den Indianerschmuck, ist nur noch albern.

Anne Stéphany (Charlotte) und Juan Diego Florez (Werther) vor dem Sternenhimmel

Mit Juan Diego Florez hätte es eine Sternstunde werden können

Wer das französische Repertoire pflegt, sollte durchwegs Solisten einsetzen, die elaborierte sprachliche Qualitäten aufweisen. Mit dem Peruaner Juan Diego Florez, dem heute wohl weltweit unübertrefflichen lyrischen Tenor (Werther), einem Götterbuben als Erscheinung, aber auch mit Anna Stéphany (Charlotte) und Mélissa Petit (ihre Schwester Sophie) wurden höchste Erwartungen erfüllt. Florez’ traumwandlerische Kantilenen, die melismatische Dosierung und seine sprachliche Sorgfalt sind von transzendendierender Schönheit, und die beiden Damen sekundieren ihn, je länger der Abend, immer überzeugender. Auch der Kinderchor, einstudiert von Ernst Raffelsberger, lässt sprachlich keine Wünsche offen.

Weshalb aber mit Audun Iversen ein Norweger den Albert radebrechen und der Amerikaner Cheyne Davidson in einem nicht zu gouttierenden, holprigen Französisch-Slam den Vater von Charlotte verkörpern muss, bleibt schleierhaft. Der Absturz in die Provinz müsste nicht sein. Auch der aufstrebende Dirigent Cornelius Meister, mit ziemlich viel Opernwasser gewaschen, führt die Philharmonia Zürich sehr engagiert und mit berückenden Farbvaleurs durch die Partitur, aber in der Klangbalance und im dramatischen Impetus ist sein Dirigat zu deutsch, zu wolkig und in der betörenden Verinnerlichung schlicht mehrfach zu laut. Die mehrsprachige empfindsame Schweiz legt hier eine höhere Messlatte, Globalisierung hin oder her. Die differenzierte Pflege des französischen Idioms ist unabdingbar.