Gesellschaft

Fotosafari mal fünf durch die Schweiz

Die Fotostiftung Winterthur zeigt Bilder der Schweiz gesehen von reisenden Fotografen aus der äusseren Welt

2017 ist ein besonders üppiges Jubiläumsjahr – neben der Reformation und dem Bruder Klaus gilt es auch 100 Jahre Tourismus-Werbung zu feiern. Einst Schweizerische Verkehrszentrale, heute Schweiz Tourismus mit der Website myswitzerland.com hat sich zum Geburtstag in Zusammenarbeit mit der Fotostiftung Schweiz und dem Musée de l‘Elisée ein spezielles Geschenk geleistet. Fünf renommierte Fotografen aus Grossbritannien, Deutschland, Mexiko, China und den USA wurden eingeladen, sich in der Schweiz umzuschauen, fünf völlig unterschiedliche Arbeiten sind entstanden, jetzt zu sehen in der Fotostiftung Winterthur.

Alinka Echeverría: Maria, Julien, Eniola und Anais, Genf, 2016 © Alinka Echeverría 

Aufträge von der Tourismusorganisation für die Präsentation der Schoggiseiten in unserem Land bekamen in den vergangenen Jahrzehnten die berühmtesten Schweizer Fotografen: Das Image des Reiselands mit Seen, Schneegebirgen, grünen Hügeln und pittoresken Stadtansichten wurde und wird laufend erneuert und weltweit verbreitet. Diesmal gab es weder einen Werbeauftrag, noch eine andere Einschränkung, was in der Schweiz wie abgebildet werden sollte oder könnte.

Das irritierende, schöne, spannende, ausserordentliche Ergebnis dieser fünf Reisen trägt den Titel Fremdvertraut. Aussensichten auf die Schweiz. Gefragt war ein Essay von den zwei Frauen und drei Männern, die sehr unterschiedlich arbeiten und gute, spärliche oder gar keine Schweiz-Kenntnisse haben.

Shane Lavalette: Stammheim, 2016 ©  Shane Lavalette 

Shane Lavalette (USA): Still (Noon) ist eine Arbeit auf den Spuren von Theo Frey (1908-1997), der für die Landesausstellung 1939 ein Porträt der Schweiz schuf: Er besuchte zwölf Dörfer und fotografierte dort systematisch Menschen, Architektur, Arbeit undsoweiter. Zwölf Kontaktbögen hat der Fotograf für seine Installation ausgewählt, sie korrespondieren nun mit den aktuellen Vergrösserungen: „Fotografien, so wurde mir bewusst, haben grosse Ähnlichkeit mit Bergen,“ schreibt Lavalette, „obwohl wir Bilder als unveränderlich und unbewegt erachten, verändert sich beständig, was wir in ihnen sehen, wenn auch sehr langsam.“

Alinka Echeverrías (Mexico/GB) Arbeit heisst Schnee im Sommer: Auf dem grossen Tisch aufgefaltete Kartons wie eine Reihe Giebeldächer von Reihenhäuschen. Auf der einen Dachschräge eine Stück Dufourkarte, gegenüber ein Porträt – Jugendliche, deren Wohnort irgendwo auf der Karte zu finden wäre. Die Sozialanthropologin und vielfach ausgezeichnete Fotografin fragte sich, wie Adoleszenzinnerhalb der Schweizer Grenzen geht. Mit 122 Jugendlichen, so wie sie hierzulande anzutreffen sind, hat sie gearbeitet: „Gemeinsam durchkreuzten wir ein Gebiet, auf dem Neutralität die Wehrpflicht erfordert, wo privilegiert sein eine Last ist und Chancen Druck erzeugen, wo Immigranten sich eingliedern, Secondos es zu etwas bringen und Terzos gegen die Erwartungen rebellieren.“ Ergänzt sind die Bilder mit Screenshots von Snapchat, einer Plattform, auf der Fotos und Videos nur kurz sichtbar sind und automatisch gelöscht werden.

Eva Leitolf: Matters of Negotiation (Detail aus einer digitalen Bild-Text-Arbeit), 2016  © Eva Leitolf / VG Bild-Kunst 

Für die Deutsche Eva Leitolf ist die Schweiz keine unbekannte Welt. Aber befremdet ist sie von einer Schweiz, die neuerlich die Abgrenzung suche, das Wesen einer immerwährenden Nation zelebriere: „als fehlte die Vorstellung einer Schweiz im vernetzten globalen Dorf. Matters of Negotiation. Annäherungen an die Schweiz nennt sie ihre Diaschau auf drei ScreensSie reisteim Wohnmobil der Grenze entlang, einmal herein- einmal hinausschauend, wobei sich der Horizont mitunter über alle drei unterschiedlichen Bilder zieht. Was Schweiz ist und wo nicht, ist nicht zu erkennen. Zum Konzept gehört eine Wandzeitung.

Zhang Xiao: Trubbach, 2016 © Zhang Xiao 

Wie Zhang Xiao aus Chengdu in China mit seinem Essay The River die Schweiz auf Fotos zeigt, ist fürs Schweizer Publikum speziell, er kannte sie nur aus dem Internet. Auch er reiste viel: zu Fuss, mit dem Velo und mit der Bahn – immer dem Rhein entlang. Mit den Augen eines Touristen sei er gereist, seine Fotos zeigen jedoch keiner Werbung, sondern Realitäten wie eine anonyme Wohnsiedlung mit Sportplatz, Details von Industriebauten, Landschaften, Brauchtum, auch eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Rheinfall. Etwas vom fremdartigsten die grüne Wiese mit dem flachen, fernen Horizont, wo rerchts oben zwei Menschen gleich zu verschwinden scheinen und in deren Mitte ebenso fern ein Schimmel mit Reiterin und Hündchen zu sehen istMit diesen winzigen Menschen in grossen, einförmigen Landschaften wird die Schweiz nicht menschenleer, aber ruhig und weiträumig.

Simon Roberts: Gornergrat, Zermatt, 2016 © Simon Roberts 

Ganz anders Sight Sacralization. Die Schweiz im (neuen) Rahmen von Simon Roberts (GB): Er sucht die Schweizer Landschaft genau dort, wo die Touristen aus der halben Welt hingelotst werden: auf den Aussichtsplattformen, wo die Naturschönheiten genossen und vor allem geknipst werden, meist als Selfie. Die Motive fand er über eine Kartierungssoftware, welche die Beliebtheit von Orten darstellt. Seine Grossformate zeigen die Aussichtsterrassen der Diavolezza, des Üetlibergs oder des Schilthorns mit fotografierendem Publikum. Zu der Installation gehören Schnappschüsse und Videos der Touristen. Roberts hinterfragt die Art und Weise, wie in einer „Kultur der Unmittelbarkeit“ mit Sehenswürdigkeiten umgegangen wird.

Parallel zur Ausstellung ist bei Lars Müller die Publikation Unfamiliar Familiarities – Outside Views on Switzerland erschienen. Der Schuber umfasst fünf Künstlerbücher und ein Textbuch in deutsch, französisch, englisch.

Teaserbild © Eva Leitolf / VG Bild-Kunst 

Hier finden Sie Informationen zur Ausstellung Fremdvertraut

bis 7. Mai
ab Oktober im Musée de l‘Elisée, Lausanne