FrontKulturKunst machen heisst Stellung nehmen

Kunst machen heisst Stellung nehmen

Erosion, die Kraft, die verändert, zerstört und neues Leben schafft, treibt den Fotokünstler Hans Danuser seit Jahren um.

Mit der Hasselblad-Kamera streifte Hans Danuser 2007 durch die Wüste. Zehn Jahre später sind die damals belichteten Filme zu Bildern geworden und im Bündner Kunstmuseum erstmals ausgestellt. Die Ausstellung Hans Danuser. Dunkelkammern der Fotografie ist eine Werkübersicht von den 70er Jahren bis zu der neuesten Serie Landschaft in Bewegung/THE LAST ANALOG PHOTOGRAPH. Diese letzten Bilder zeigen feine, fast unsichtbare Strukturen, Flächen mit Andeutungen von Linien, Schraffuren und zarte Schatten – Sand und Wind haben sie geformt. Das Besondere dieser Serie, die dem grossen Thema Erosion zugeordnet werden können, ist ihr Farbtonwert: hier ist es nicht die vielfältige Abstufung von Grau, sondern gelblich, grünlich, rötlich , eben, die Farbe von Wüstensand, wie wir ihn von Abbildungen in Reiseprospekten oder von Dokumentarfilmen kennen.

Aus dem Bildzyklus Landschaft in Bewegung/Moving Desert 2007-17) © Hans Danuser

Einen Farbfilm hat Danuser, für die Arbeit nicht verwendet. Die Färbung der Vergrösserungen ist das Resultat von Wissenschaft und unermüdlichem Tüfteln über Jahre in der Dunkelkammer: „Ich ersetzte das Silberbromid durch andere Metalle,“ gibt er einen Hinweis auf das Geheimnis und erinnert sich mit Freude an die Chance der Zusammenarbeit mit einem Forscher im Gebiet der anorganischen Chemie. Das Ergebnis: Das Substrat entspricht dem Motiv, dem Wüstensand.

Eine analoge Vergrösserung ist haptisch und optisch etwas völlig anderes, als ein digital hergestelltes Bild – selbst bei gleichem Motiv. Darum sind Ausstellungen für Hans Danuser wichtig. Es geht um das Erleben des Originals, nicht nur des narrativen Bildinhalts, Fotokunst muss wie Malerei direkt betrachtet werden.

EROSION II, 2000-06. Eine Bodeninstallation mit Fotografie © Sammlung Georg Reinhart – Fotomuseum Winterthur. Foto: Christian Schwager

Der grosse Raum im zweiten Untergeschoss des Bündner Kunstmuseums öffnet den Blick zunächst auf Serien von Quadraten, die wenig über dem Fussboden ein Landschaftsmosaik bilden – Werkübersicht hier im Wortsinn. Zwischen den Tafeln des Zyklus Erosion, Aufnahmen von Schiefergestein, kann man sich bewegen, so dass die Bodeninstallation immer neue Perspektiven des Sehens eröffnen. Die Bilder suggerieren fast plastisch die von Wasser und Wind geformten Schieferformationen, die schon nach dem nächsten Regenguss ein anderes Bild ergeben könnten. Weiter entfernte Tafeln spiegeln die Bilder an den Wänden und die Menschen, die zwischen ihnen unterwegs sind.

CHEMIE I, Maus. Aus dem Zyklus IN VIVO. Aargauer Kunsthaus © Hans Danuser

Präzise sind die Aufnahmen und zugleich nicht verortet. Das gilt auch für die Serie In Vivo, mit der Hans Danuser in den 80er Jahren international bekannt wurde. Es geht nicht um ein bestimmtes Kernkraftwerk, sondern um Stromerzeugung mit Kernenergie an sich. Es geht nicht um ein Gentech-Labor an der ETH, sondern um die gentechnischen Forschungen als solche. Mit In Vivo ist der Fotograf in Bereiche vorgedrungen, die als Begriff zwar präsent sind, sich dem allgemeinen Bewusstsein aber entziehen. Es sind tabuisierte Bereiche des Daseins und Grundlagenforschung. Mit den faszinierenden Bildern aus der Pharmaforschung – auch mit quälenden Aufnahmen von Tierexperimenten – oder aus dem Seziersaal und der Feingoldproduktion hat Danuser weder dokumentarisch, noch als Fotoreporter gearbeitet, vielmehr ist ihm gelungen, die „richtigen“ Motive für seine Serien zu finden, um den gültigen Eindruck von wenig bekannten oder nicht zugänglichen Bereichen darzustellen, die in unserem Leben zentral sind.

MEDIZIN I Bild III aus dem Zyklus IN VIVO (1980-1989), Bündner Kunstmuseum Chur © Hans Danuser

Damals legte Danuser den Grundstein für seine weitere interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Künstlern. Der Autor Reto Hänny inspirierte den Fotografen mit seinen genauen in Worte umgesetzten Beobachtungen, die er in Reflexionen über einzelne Bilder oder Bildsequenzen wiederum erweiterte: das Bild als realer Ausgangspunkt für eine Sprachwanderung (in der Ausstellung gibt es Hörstationen mit Texten, gelesen vom Autor).

Mit dem Architekten Peter Zumthor, der durch In Vivo auf den jungen Fotokünstler aufmerksam wurde, ergab sich eine Kooperation, die zu einer Erneuerung der Architekturfotografie wurde: In den Gegenstand eindringen, sich damit auseinandersetzen und die gültigen Motive für eine Serie finden. Damit wird das Betrachten zum Gang durch den Bau. Zwei der Serien des Zumthor Projects, nämlich jene von der Kapelle Sogn Benedetg und jene von Zumthors Atelier in Haldenstein sind im Kabinett der Villa Planta, einem von Zumthor gestalteten Ort präsentiert.

In der Ausstellung Hans Danuser. Dunkelkammern der Fotografie. © E. Caflisch

Hans Danuser ist kein abgehobener Künstler, er erlebt sich als Teil der Gesellschaft, , oder besser, er lebt in der Gesellschaft. Kunst zu machen, hat also mit seiner Zeit, der politischen, ökonomischen und ökologischen Wirklichkeit zu tun. Wer sich auf die Bilder einlässt, konfrontiert sich über das Ästhetische hinaus mit den Reflexionen und Emotionen dieses Künstlers mit der Realität, die er mit dem Betrachter teilt. Auch die Beklemmung der Serie Frozen Embryos, eine Serie aus der Gentechnik, oder das Unheimliche der Serie Strangled Bodies, Aufnahmen aus der Gerichtsmedizin, gigantische Blow Ups von Hautlandschaften toter Körper. Auch das sind Bilder von Erosion, Zerstörung, Vergänglichkeit, auch Erschrecken über das Dasein und die bedrohlichen Möglichkeiten der Zukunft.Grautöne prägen die Ausstellung. Aber so wie die letzte Serie aus der Sandwüste ist auch die erste, noch nie gezeigte Party is Over in Farben. Als Hans Danuser 1983 mit dem Stipendium der Stadt Zürich für einen Aufenthalt im Künstleratelier in New York City arbeitete, fing er eine Endzeitstimmung in verlassenen Bauten und Ruinen der Stadt ein, wo sich eine aufmüpfige aber zugleich desillusionierte Künstlerszene auf dem Hintergrund eines drohenden atomaren Kriegs und einer Wirtschaftskrise manifestierte. Diese Bilder können noch als Dokumentation gelesen werden, aber der Weg zur radikal durchkomponierten Serie ist angelegt. Diese Wirklichkeit ist auch längst erodiert, also abgerissen oder gentrifiziert.

Noch älter sind „Marmografien“ aus den 70er Jahren, als Danuser unter anderem mit Marmorplatten experimentierte, die er mit lichtempfindlichem Material präparierte. So gibt diese grosse Einzelausstellung einen gültigen Überblick über das Schaffen eines jener Fotografen, die die Fotografie aus der Abteilung angewandte Künste in die bildende Kunst geschoben haben.

Bis 20. August

Im Büchershop können verschiedene Bücher von und über Hans Danuser, teilweise längst vergriffene Ausgaben erworben werden. Am 3. August ist Vernissage des Katalogs „Hans Danuser. Dunkelkammern der Fotografie“

Mehr Hans Danuser gibt es vom 8. Juli an in der Villa Garbald im Bergell: Blumen für Andrea (den einst dort tätigen Fotografen Andrea Garbald).

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