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Ein Besuch bei Bruder Klaus

Zu seinem 600. Geburtstag schauen wir uns die Klause an und entdecken rund herum kleine, feine Schönheiten.

Ein Spaziergang ist es nicht, zu steil ist der Weg von Flüeli-Ranft zur Einsiedlerklause. Eine Wanderung ist es auch nicht, viel zu kurz ist der gut gepflegte Asphaltweg. Den ganzen Bruder-Klausen-Weg von Stans her unter die Füsse zu nehmen, das wäre eine richtige Wanderung geworden. Es ist ein Stück Pilgerweg, den ganz unterschiedliche Menschen gehen – oder eben nicht, wie drei italienische Damen mit eleganten Schuhen und zu viel Respekt vor dem Gefälle; aber fröhliche Gruppen von Kindern, ältere und jüngere Menschen; auch Berühmtheiten wie Anselm Grün oder ein Pilger aus Südkorea können einem begegnen.

Zur Linken das ehrwürdige Hotel Pax Montana und vor uns das Melchtal, in dessen Talsohle wir nun hinuntersteigen. Ungefähr nach zwei Drittel des Weges kommen wir zur Einsiedelei von Bruder Klaus. Die kleine Kapelle wurde schon zu seinen Lebzeiten errichtet, zuerst aber hatten seine Verehrer nur die eigentliche Klause gebaut, nachdem er sich 1467 entschlossen hatte, Einsiedler zu werden. Eine Tafel informiert uns, dass mindestens einige Balken noch aus dem 15. / 16. Jahrhundert stammen. Niklaus von Flüe war ein angesehener Bauer, dem in den früheren Jahren öffentliche Aufgaben übertragen waren. Die hatte er abgegeben, die Suche nach Gott in der Einsamkeit wurde ihm wohl immer wichtiger. Trotzdem lebte er nicht abgeschieden von aller Welt. Der Weg vom Bauernhaus seiner Familie bis zu seiner Klause dauerte damals sicher etwas länger als heute, aber vielleicht nicht mehr als eine halbe Stunde.

Die untere, spätere Kapelle und im Hintergrund die erste Bruder-Klaus-Kapelle

Da die Klausen-Kapelle bald zu klein wurde, baute man schon 1501 eine zweite, etwas grössere Kapelle im gleichen spätgotischen Stil am Ufer der Melchaa. Hier wie dort sitzen stille, betende oder meditierende Menschen in den Bänken. Dennoch ist es ein ständiges Kommen und Gehen.

Die Melchaa rauscht über Felsbrocken, eine Pause ist angesagt. Es wäre schade, an dieser Stelle schon wieder umzukehren, denn die in meinen Augen schönsten Orte liegen auf der anderen Seite. Das heisst, wir müssen den Bach überqueren und den steilen Hang hochklettern; zur Auswahl steht ein gut ausgebauter, aber steiniger Wanderweg oder ein noch steilerer Pfad mit unzähligen Stufen zur nächsten Etappe: der Kapelle von Bruder Ulrich.

 

Bildtafel in der Bruder-Klaus-Kapelle: Niklaus› Abschied von seiner Familie

Wie gesagt, Bruder Klaus hatte sich aus der Welt zurückgezogen, aber die Kunde davon verbreitete sich schnell. Nicht nur in der Schweiz bewunderten ihn viele für seine Entscheidung, auch im süddeutschen Raum sprach man von ihm. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass die Grenzen im 15. Jahrhundert geschlossener gewesen wären als heute. Unterschiedliche Hoheitsgebiete, Zollstationen gab es gewiss, aber gerade, was Religion betraf, fühlten sich viele miteinander verbunden. Auch der seit dem Mittelalter begangene Jakobsweg führt an der Bruder Klaus-Kapelle vorbei, ein «Umweg», der vielleicht erst seit Bruder Klaus üblich geworden war.

Ein Priester aus Memmingen, Ulrich mit Namen, wanderte ebenfalls nach Flüeli-Ranft und richtete sich unter einem Felsen oberhalb der Melchaa gegenüber von Niklaus ein. Auch er erhielt mit der Zeit dort «im Mösli» zunächst eine Holzhütte, dann eine kleine Kapelle. – Alle Kapellen im spätgotischen Stil sind sehr schön restauriert. Sie ähneln sich von aussen, als würden sie denselben Geist ausstrahlen.

Bruder Klaus, der Gottsucher, suchte wohl Gott auch in den Menschen, denen er begegnete, die bei ihm Rat und Hilfe suchten. Aus allen Zeugnissen, die wir von ihm haben, erscheint er als mitfühlender, hilfsbereiter Mensch. So erstaunt es nicht, dass er sich auch um Bruder Ulrich sorgte. Dieser nahm wohl das Fasten seines Vorbilds zu ernst – jedenfalls erfahren wir aus einer Bildtafel in der Mösli-Kapelle, dass Niklaus den Bruder Ulrich ermahnte, das Fasten nicht zu weit zu treiben. Und auf der nächsten Bildtafel lesen wir, dass Niklaus seine Frau Dorothea bat, dem Bruder Ulrich Speck zu schicken.

Bruder Klaus rät seinem Mitbruder Ulrich, das Fasten nicht zu übertreiben.

In Ulrichs Kapelle oder auf einem Stein in der Blumenwiese findet der Pilger seine Ruhe, sei es, dass er Frieden in sich findet, sei es, dass er seine Seele mit dem Duft des Grases, den Farben der Schmetterlinge und dem Zwitschern der Vögel füllt.

Die reich bemalte und geschmückte Kapelle St. Niklausen. Bemerkenswert ist die Darstellung des Jüngsten Gerichts unter den Ästen eines grünen Baumes.

Der kunsthistorische Höhepunkt dieses Ausflugs steht aber noch bevor: Wir steigen noch etwas höher zur Kapelle des Dörfchens Sankt Niklausen, das zur Gemeinde Kerns gehört. Diese Kirche ist etwa 1350 erbaut worden und dem Bischof Nikolaus von Myra gewidmet. Auf dem Weg fällt der grosse freistehende Glockenturm auf; in der Kirche erkennen wir, dass wir ein Kleinod gefunden haben:  Der Chor ist mit Fresken aus dem 14. Jahrhundert geschmückt, 1704 wurde im Kirchenraum eine prächtige gewölbte Kassettendecke mit vielen Bildern eingebaut; dazu an den Wänden verschiedene Statuen, natürlich Bruder Klaus, und im Chor eine frühe Statue des Bischofs von Myra. Vor dem Kirchlein öffnet sich der Blick in die Weite, wir erkennen den Sarner See, das Städtchen selbst und die Berge dahinter.

Blick von der Kapelle St. Niklausen auf den Stanser See

Statt wiederum steil hinunter und hinauf zu steigen, können wir durchs Dorf – die Einheimischen sagen «Sämiglaissen» – gehen, und etwas später abbiegen zu einer neu errichteten Hängebrücke hoch über dem Melchtal, danach bergauf, bis wir beim Jugendstilhotel Pax Montana ankommen, dessen gepflegter Park ebenfalls einen Augenschein verdient, und uns dort vielleicht einen Gaumengenuss erlauben. – Ein Ausflug, der Körper, Seele und Geist gleichermassen bewegt.

Niklaus von Flüe

Bruder-Klausen-Weg 

Alle Fotos: mp

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