FrontKolumnenUnd neues Leben blüht…

Und neues Leben blüht…

„Das Alte stirbt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen“

Was Friedrich Schiller den alten Freiherrn von Attinghausen im Drama „Wilhelm Tell“, in der zweiten Szene des vierten Aufzuges sagen lässt, tönt etwas pathetisch. Aber wir erleben ähnliches jeden Tag. In unserem Lande nicht als Umsturz des politischen Systems. Viel unspektakulärer, aber nicht weniger tiefgreifend.

Den Anstoss zur heutigen Kolumne gab mir eine andere Kolumne. Diejenige von Manfred Papst in der heutigen NZZ am Sonntag mit dem Titel: „Das kleine Blitzen im Auge“. Alles, was er beschreibt, unterstütze ich. Auch ich gehe im Supermarkt nicht an eine Bezahlsäule, sondern an eine bediente Kasse. Auch ich will keine Arbeitsplätze abschaffen. Und ich will mit der Kassierin ein Wort wechseln, wenn hinter mir keine Schlange wartet. Das „kleine Blitzen im Auge“ kenne ich auch. Es ist ein angedeutetes Lächeln, ein kleines Schmunzeln. Manchmal bedarf es gar keiner Worte mehr.

In mein wohliges Gefühl des Verstanden- und Bestätigtseins, das mich bei der Lektüre der Ausführungen von Manfred Papst erfasst hatte, drängte sich plötzlich eine Erinnerung als Störefried. Wie war das gewesen, damals, als ich anfing, mein Bargeld nicht mehr am Schalter der Bank, sondern am Bancomat zu beziehen? Zuerst etwas überrascht, gewöhnte ich mich rasch daran. Wenn ich heute an den Schalter gehen würde, wäre das ja ein Verschleiss der kostbaren Arbeitszeit des Bankangestellten. Habe ich je an die Arbeitsplätze gedacht, die durch die Einführung der Bancomaten überflüssig wurden? Oder den Wegfall der Kommunikation bedauert? Zuerst vielleicht. Aber dann fand ich die neue Möglichkeit überaus praktisch!

Durch die Umstellung von Dienstleistungen auf neue digitale Systeme gewinnen wir Vereinfachung, Schnelligkeit, Effizienz. Aber wir verlieren auch immer etwas! Doch aufgepasst: das Gefühl des „Verlustes“ ist unserer Generation vorbehalten. Verlieren kann man ja nur, was man einmal als wertvoll erlebt hat.

Gegenwärtig wird viel von E-Voting gesprochen, vom Abstimmen per Knopfdruck. Und ich höre mich immer wieder sagen, dass ich zwar die aktuelle Möglichkeit der schriftlichen Stimmabgabe schätze. Dass es aber doch sehr schade sei, dass die Kinder ihre Eltern nicht mehr zum Stimmlokal begleiten können. Seinerzeit war der „Gang zur Urne“ ein wichtiges Ereignis im Familienalltag. Dadurch, dass ich meinem Vater auf dem kurzen Weg in unserem Quartier begleiten durfte, fühlte ich mich als Teil dieses Vorganges. Und es prägte sich mir ein, dass Abstimmen etwas Wichtiges war, dem mein Vater am Sonntag die nötige Zeit und den nötigen Weg widmete.

Weder die schriftliche Stimmabgabe noch das Stimmen per Knopfdruck sind so sichtbar und vorbildhaft wie es der sonntägliche Gang ins Stimmlokal war. Nur kümmert das diejenigen nicht, die das nie erlebt haben!

Friedrich Schiller lässt den Freiherrn von Attinghausen im „Wilhelm Tell“ zwei Mal zu diesem Thema des Neuen, das das Alte verdrängt, sprechen. In der ersten Szene des zweiten Aktes tönt es etwas weniger optimistisch als gegen Schluss des Stückes: „Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte, das Würd`ge scheidet, andre Zeiten kommen, Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht“.

Besser könnte man das, was heute mit dem digitalen Umbruch passiert, nicht beschreiben. Und meine feste Überzeugung ist, dass das „andersdenkende Geschlecht“, die junge Generation, sich wieder ihre Nischen, ihre Timeouts, ihre Oasen der Menschlichkeit schaffen wird.

Oder, etwas pathetischer mit Friedrich Schiller ausgedrückt: „Und neues Leben blüht aus den Ruinen“.

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