FrontGesellschaft"Er ist ein frommer Mann gsin"

«Er ist ein frommer Mann gsin»

Pirmin Meiers Buch „Ich, Bruder Klaus von Flüe“ ist ein Longseller,in dritter Auflage zum Jubiläumsjahr des Heiligen auch Bestseller.

Niklaus von Flüe ist der bekannteste spätmittelalterliche Mensch in der Schweiz. Seine Lebensdaten (1417-1487) sind geläufig, seine Lebensorte sind Ziele für Pilger, Touristen und Schulklassen. Geboren wurde er in Sachseln als Sohn eines freien Bauern. Als junger Mann zog er mehrmals in den Krieg, später heiratete er Dorothee Wyss, ebenfalls aus angesehener Familie, und hatte mit ihr zehn Kinder. Nach einer massiven Lebenskrise verließ er die Familie. Eine Pilgerfahrt misslang, krank kam er heim und zog sich nah seiner Heimstatt als Eremit in den Ranft zurück, wo er als Asket sein weiteres Leben Gott widmete. Er gilt als Mediator beim Stanser Verkommnis 1481. Siebzigjährig starb er in seiner Klause.

Der Stanser Pfarrer Heini bittet Niklaus von Flüe um Vermittlung zwischen Städtekantonen und Länderorten (Stanser Verkommnis 1481) Darstellung in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling

Pirmin Meier, Kenner aller Dokumente und Quellen im Zusammenhang mit dem Einsiedler aus dem Ranft, schreibt zum Stanser Frieden, dass beide Parteien sich jeweils bei Bruder Klaus Rat holten, dass er – Empathiker, der er war – allen Besuchern das Gefühl gab, auf ihrer Seite zu stehen und somit die Verhandlungen in friedliche und ausgleichende Bahnen brachte. Das war der erste freundeidgenössische Kompromiss: „Bruder Klaus hat eine Schlüsselfunktion für die politische Versöhnungskultur der Schweiz,“ sagt der Literaturwissenschaftler Peter von Matt: „Das heißt für den Willen, es innenpolitisch nie auf den letzten, selbstzerstörerischen Bruch ankommen zu lassen.“

Autor Pirmin Meier

Lange bevor er im 20. Jahrhundert heilig gesprochen wurde, war Niklaus von Flüe der populärste Heilige in der Schweiz, auch von Reformierten als Friedensstifter verehrt. Unzählige Berichte, Hagiographien, Lebensgeschichten sind im Lauf der Zeit entstanden. Ich, Bruder Klaus von Flüe sticht nicht nur wegen seines Umfangs aus diesem Bücherstapel heraus. Auf rund 500 Seiten trägt Pirmin Meier, Germanist, Historiograf und wandelnde Enzyklopädie, nebst präzisen Details aus dem Leben des Niklaus von Flüe ein Panorama der Religions- und Sozialgeschichte des Spätmittelalters sowie der Volkskunde und Medizin zusammen: eine universale Zeitgeschichte mit Zentrum Obwalden, fokussiert auf Bruder Klaus. Weil Meier anschaulich und spannend schreibt, liest sich sein Buch auf weite Strecken wie ein historischer Roman, trotz der zitierten Quellen und Anmerkungen. Und erst noch erlaubt sich Meier Exkurse in die Gegenwart und kritische Vergleiche, die aufs Hier und Heute zielen. Ein Buch, das der Wissenschaft genügt und Leser erfreut und fasziniert.

Historische Postkarte des Ranft

Niklaus von Flüe ist Analphabet, aber als Offizier, Ratsherr und Richter ist er auch mit Klerikern und anderen des Schreibens Kundigen gut vernetzt. Später wird der Eremit, der nie etwas isst, von nah und fern besucht: Die einen wollen Rat, andere befriedigen ihre Neugier, Humanisten und Kleriker, sogar das habsburgische Erzherzogpaar (die Beweise liegen im Nachlass der Dorothee von Flüe) zieht es in den Ranft. Zu seinen Freunden zählt der Berner Adlige und Kriegsherr Adrian von Bubenberg. Pirmin Meier erzählt, unterlegt mit zeitgenössischen Quellen, dass er nebst Unterwaldner Honoratioren bei der Fastenprobe des Bischofs von Konstanz 1469 dabei gewesen sei. Sie ist angeordnet worden, um der Einsiedelei die Approbation zu erteilen, die Kapelle, deren Priester für Klaus lebenswichtig sind, zu weihen. Dass ein Laie, erst noch ein Anorektiker, möglicherweise ein Betrüger, großen Zulauf hat, konnte der Kirche nicht passen. Als Klaus, nachdem er Gehorsam gegenüber Gott und der Kirche versichert hat, Brot essen soll, kommt es zu einer Blutung und zu Erbrechen. Mit dem Druck der Anwesenden wird die Prüfung abgebrochen – zur Zufriedenheit auch der Kirchenvertreter, denn wäre der Eremit gestorben, hätte das landesweite Protest ausgelöst.

Bruder Klaus, Temperamalerei, Mitte 16. Jahrhundert

Die heilige Anorexie bleibt mir ein Rätsel. Zwar kann ich mir vorstellen, dass der Familienvater von Flüe in der großen Krise nicht mehr essen wollte (vor seinem Aufbruch zur Pilgerreise soll er vier Tage pro Woche gefastet haben). Aber wie jemand ohne Nahrung jahrelang überleben kann, bleibt für mich unvorstellbar. In den einschlägigen Kapiteln erfahre ich, dass auch fromme Zeitgenossen Mühe hatten zu glauben, Bruder Klaus habe nie Nahrung aufgenommen, abgesehen von der Hostie.

Peter Numagen, Kleriker und früher Humanist verfasste 1483 „die erste kritische Darstellung des Phänomens Bruder Klaus“. Er verhandelt die heilige Anorexie als Wunder, aber zugleich hinterfragt er sie. Pirmin Meier: „Wiewohl ein frommer Christ steht Numagen dem neuplatonischen Begriff ‚Geheimnis der Natur‘, später Bestandteil von Goethes Weltanschauung, näher als einer vulgärkatholischen Sicht des Wunders.“

Das zweite große Thema Meiers ist Dorothee. Sie wurde gern als verlassene Ehefrau bedauert. Hier sind die Fakten zurechtgerückt: Dorothee Wyss, Mutter der zehn Kinder von Niklaus von Flüe, hat ihren von Teufelsvisionen und epilepsieartigen Anfällen heimgesuchten Gatten einvernehmlich ziehen lassen. Vorstellbar wird anhand der spärlichen, aber deutlichen Beschreibungen, dass Klaus in der Krise kein einfacher Partner war, sondern unter dem Rollenzwang als Familienvater litt: „Schwer war ich niedergedrückt. Lästig wurde mir meine liebste Frau und die Gesellschaft der Kinder,“ zitiert Pirmin Meier das Bekenntnis, das der Eremit später gegenüber einem Dominikanerpater abgegeben hatte.

Der Hof verwaiste nicht, zwei der Söhne waren erwachsen, als Niklaus von Flüe ihn verließ. Dorothee kümmerte sich um die Einsiedelei im Ranft, der Kontakt zwischen den Eheleuten brach nicht vollständig ab. Besucher, die zu Bruder Klaus wollten, meldeten sich bei Dorothee an, darunter das erwähnte habsburgische Erzherzogpaar. Sie war eine angesehene Frau, unterstützte ihren Mann auf dessen schwierigem Weg in die Abgeschiedenheit, war auch in seinem Todeskampf zugegen. Bruder Klaus hinterließ ein Testament, nicht seine gut versorgte Familie begünstigend, sondern den Sigrist und Knecht Hensli im Ranft, der ohne je Lohn zu bekommen, seine Pflicht getan hatte.

In den Kapiteln mit der Wirkungsgeschichte nimmt der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli einigen Raum ein. War es Zufall, dass Zwinglis Lateinlehrer Heinrich Wölflin in Bern der erste Biograph des Bruder Klaus war, so waren sich der Visionär aus Obwalden und der Prediger aus der Ostschweiz in manchen Dingen nahe: Beide stammen aus ähnlichen Verhältnissen, beide haben Erfahrung im Krieg, was sie zu Gegnern der Reisläuferei macht; Korruption und Raffgier der Kirche lehnen sie ab. Der fromme Analphabet mit dem großen Charisma teilt mit dem gebildeten Humanisten und Reformator einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit.

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