FrontKolumnenEin heisser Sommer

Ein heisser Sommer

Wird der kühlere Herbst die Welt beruhigen, mehr Vernunft, mehr Gelassenheit in die Politik bringen? Und in der Schweiz: Beruhigt sich der Berg?

Diesmal war alles ganz anders. Nichts war mehr so wie früher. Ein Ereignis nach dem andern hielt die Welt in Atem. Trump drohte Nordkorea. Sollte der junge, berndeutschsprechende Diktator Kim Jong Un sein Nuklear-Waffenprogramm weiterentwickeln, würden die USA nicht vor militärischen Sanktionen gegen das kommunistische Nordkorea zurückschrecken. Kim Jong Un, der 2011 das Erbe seines Vaters antrat und seither in Pyongyang regiert, schärfte seine Raketen und drohte der Weltmacht mit nuklearen Vergeltungsschlägen. Die besonnenen Generäle, die sich neu um Trump im Weissen Haus gruppieren, hielten ihren unberechenbaren Präsidenten im Zaum. Ein Nuklearschlag würde zweifellos weit verheerendere Auswirkungen nach sie ziehen, als dies eine einmalige Intervention wohltun würde. Es drohte ein Weltkrieg.

Im Süden Europas brannten die Wälder, in Portugal kamen Menschen, die mit ihren Autos flüchteten, darin ums Leben. In Italien stieg das Thermometer während Tagen, gar Wochen auf über 40 Grad. Die Winzer bangen um ihre Ernten, gar um ihre Existenz. In Barcelona schlugen IS-Terroristen scheinbar aus dem Nichts zu. Was sich im Nachhinein als Verzweiflungstat herausstellte, hätte, wäre ihr Plan umgesetzt worden, der Terrorakt von einem noch nie erlebten Ausmass sein sollen. Die Kathedrale von Barcelona, die Sagrada Familia, hätte wohl während eines Gottesdienstes gesprengt werden sollen. Der IS, der immer stärker isoliert wird, immer stärker in ihrem selbst bezeichneten Kalifat im Irak an Boden verliert, in Syrien militärisch eingeschnürt wird, will, dass seine Getreuen in Europa Rache dafür nehmen. Wie in Nizza vor einem Jahr, vor Weihnachten in Berlin, dieses Jahr in London, nun Barcelona: Mit Lastwagen, Lieferwagen, Autos rasen sie einfach in Gruppen von Menschen, die sich friedlich in diesen Städten bewegten.

Und ganz aktuell hat ein ganz ungewöhnlicher Bergsturz das kleine Dorf Bondo im bündnerischen Bergell in die Weltmedien katapultiert. Zweimal stürzte eine riesige Schlammlawine zu Tal, begrub wohl acht Wanderer in ihren Massen. Wanderer, die sich trotz Warnungen ins Gebiet wagten. Die wohl, wie wir, vom Klimawandel wissen, die aktuelle Gefahr aber einfach noch nicht so richtig zur Kenntnis nehmen wollen. Wie dies ein anderer ganz grosser tut: Donald Trump.

Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir in den Redaktionen immer einen Horror vor dem Sommer hatten: Saure Gurkenzeit. Nichts passierte und dennoch waren die Spalten in der Zeitung, waren die 25 Minuten in der Hauptausgabe der Tageschau zu füllen. Wir heckten Artikelserien aus, versuchten Hintergrund-Geschichten zu aktualisieren, die sonst der Aktualität jeweils zum Opfer fielen. Wir schufen selber Ereignisse, in dem wir Abenteuer inszenierten, Leute ins vergangene Jahrhundert versetzten, um mit ihnen am Bildschirm zu erleben, wie es damals war. Irgendwie schafften wir es immer. Die Zeitungen wurden zwar dünner. Im Fernsehen zog ein Sommerprogramm ein, das meistens genauso gefiel oder kritsiert wurde, wie zu den normalen Jahreszeiten.

Diesmal sind es aber dramatische Ereignisse, die den Sommer prägten und das, was der Sommer doch eigentlich auch immer bot, überschatteten: Entspannung, ein kühlendes Bad im Wasser, eine bezaubernde Wanderung in den Bergen, ein gemütlicher Grillabend im Garten.

Doch Hand aufs Herz: Sind wir nicht dennoch gut über den Sommer hinweggekommen? Haben wir nicht das Auf und Ab des Wetters in unserer Hemisphäre, mal kalt, mal heiss, irgendwie doch genossen? Haben wir nicht ein wahrhaftig gutes Buch gelesen, beispielsweise die Biografie von Wolf Biermann, der uns zeitgeschichtlich in die Jahre 1939 bis 2016 entführt? Haben wir vielleicht wieder mal zum Buch „Bonjour tristesse“ von Françoise Sagan gegriffen, das uns vor langer Zeit, als Jugendliche am Sommerstrand, von der Liebe und der Traurigkeit erzählt hatte. Oder ganz anders: Haben wir uns vielleicht sogar amüsiert an der Berichterstattung über die kommende Bundesratswahl? Lange und immer längere Geschichten darüber prägten den innenpolitischen Sommer. Die Suche nach den Kandidaten, noch wichtiger: nach Kandidatinnen. Wir lasen über ihre Vorzüge, ihre Schwächen, über das, was sie verdienen und eigentlich als Politikerinnen gar nicht verdienen dürften. Die Medienleute suchten immer nach neuen Geschichten, gruben nach möglichen Skandälchen, erstellten Vergleiche, mutmassten und werweissten und füllten damit Zeitungsspalten und Sendeminuten.

Und ganz tröstlich: Von Anfang war klar, wer Didier Burkhalter in der Landesregierung ersetzen wird: Ignazio Cassis, nun ein ganzer Tessiner, seit er das italienische Bürgerrecht abgelegt hat. So betrachtet, war bei uns auch diesen Sommer alles im grünen Bereich. Bis am letzten Mittwoch, als uns die Bilder aus Bondo erreichten. Wir wurden plötzlich gewahr, dass die Auswirkungen des Klimawandels eben auch bei uns angekommen sind. Bondo könnte sich wiederholen, auch im Wallis und im Berner-Oberland. Über 100 Felswände werden bereits überwacht. Leben wir eben doch nicht auf einer Insel der Glückseligen? Und können nun doch nicht mehr die Welt aus einem sicheren Hort heraus betrachten, auch und gerade im Sommer?

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