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Wie wir morgen leben

Denkanstösse für das Zeitalter der Langlebigkeit – erfrischend unkonventionelle Zukunftsentwürfe zum Leben des Einzelnen, der Familie und der Gesellschaft

Wir als Seniorinnen und Senioren mögen sagen, dass wir das Jahr 2050 wohl nicht mehr erleben werden. Aber wer von uns hat nicht Kinder und Enkel oder Nichten und Neffen, über deren Zukunft wir uns sehr wohl Gedanken machen. Während der Blick zurück, die Frage nach der Geschichte heutzutage nur bedingt Interesse findet, haben Zukunftsszenarien zur Zeit Konjunktur. Die Zukunft der AHV stand in der Schweiz ja gerade zur Diskussion – und entschieden ist noch nichts.

«Wie wir morgen leben. Denkanstösse für das Zeitalter der Langlebigkeit» – dieses Buch befasst sich mit genau solchen Themen: Fragen zur Tatsache der Alterung der Gesellschaft, die Frage nach neuen Lebensmodellen und wie diese von der Bevölkerung beurteilt werden, und Fragen zu Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen, für die Gesellschaft insgesamt und für die Wirtschaft.

Medizin und Technik haben im Laufe des letzten Jahrhunderts umwälzende Fortschritte gemacht, dazu verändert die Digitalisierung den Alltag, das Berufsleben, eigentlich fast alle Lebensbereiche. Gerade die bessere medizinische Versorgung, vor allem aber auch die günstigen Lebensbedingungen fördern die Lebenserwartung. Über diese «gewonnene» Zeit nachzudenken und ihre Möglichkeiten auszuloten, dazu soll dieses Buch anregen. Oft wird nämlich das Alter nur als «defizitäres Alter» angesehen, solche Analysen beziehen sich nur auf die letzte Lebensspanne und lassen die immer zahlreicher werdenden Jahre des «aktiven Alters» ausser Acht.

In diesem Buch sollen neue Gestaltungsräume im Zeitalter des langen Lebens aufgezeigt werden und Fragen zum Nachdenken anregen: Was sind Alternativen zum herkömmlichen Lebensmodell? Welche neuen Märkte entstehen? Welche Art von Innovation ist gefordert, und welche Entwicklungen wollen wir fördern?

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Ein kurzer erster Teil nennt Fakten zur Alterung der Gesellschaft, behandelt das Alter im öffentlichen Diskurs und die Kräfte, die Veränderungen bewirken. Im zweiten Teil werden Szenarien nach Lebensbereichen vorgestellt, von der Gründung einer Familie, über Lernen und Arbeiten bis zum Tod. Den Erkenntnissen und Möglichkeiten, die sich aus dem Stand der Forschung ergeben, wird anschliessend entgegengestellt, welche Haltung die Menschen dem gegenüber einnehmen. Ein letzter allgemein gehaltener Teil befasst sich mit den Handlungsfeldern, die sich dem Einzelnen, der Gesellschaft und der Wirtschaft eröffnen.

Das Kapitel «Wie wir morgen eine Familie gründen» stellt auf einer Seite die Problematik vor, anschliessend werden in grafischen Darstellungen und kurzen Texten verschiedene Szenarien präsentiert, als Beispiel seien genannt: Eltern werden in der zweiten Lebenshälfte, Kinder vor Karriere oder alternierende Rollenverteilung. Nicht alles ist vollkommen neu, vieles wird in seiner Verwirklichung konsequent weitergedacht – und ob sich die Schwangerschaft mit 60 je durchsetzt, bleibe dahingestellt. Bei der Bevölkerung findet nämlich dieses Szenario keine Zustimmung: Reife Eltern sind gut für das Kind, doch mit 60 ist es zu spät, lautet die Zusammenfassung der Umfrage. Und: Eine späte Elternschaft führt zu Generationenkonflikten und dem Risiko, nicht für das Kind sorgen zu können.

Das Kapitel «Lernen» skizziert eine Entwicklung, die schon längst begonnen hat: lebenslange Weiterbildung. Dass eine Karriere nur einen Lebensabschnitt erfüllt, halten auch heute schon viele Menschen für wünschens- und anstrebenswert. Der Mensch erhält so im Laufe seines Erwerbslebens immer neue Impulse, eben auch um selbst weiterzulernen. Befürchtet wird allerdings, dass Expertenwissen verloren geht, da niemand mehr lange genug Erfahrungen sammelt, sondern schon wieder mit etwas anderem beschäftigt ist. Ausserdem besteht nach Meinung der Befragten die Gefahr der Überforderung.

«Szenarien für Modelle beim Abschiednehmen» behandelt so brisante Themen wie «Selbstbestimmt aus dem Leben gehen», digitale Unsterblichkeit oder Streben nach Unsterblichkeit. Wie in allen Kapiteln werden Chancen und Risiken gegenübergestellt und ironisch illustriert. Es erstaunt nicht, dass die Umfragen zeigen, dass das Streben nach einem ewig verlängerten Leben von einer Mehrheit abgelehnt wird. Die Schreibende war jedoch überrascht zu lesen, dass eine Mehrheit glaubt, die Unsterblichkeit sei in Reichweite des technischen Fortschritts.

Dieses Buch ist das Resultat der Arbeit des Think Tank W.I.R.E. (WEB FOR INTERDISCIPLINARY RESEARCH & EXPERTISE). Es basiert auf aktuellen greifbaren Forschungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und berücksichtigt den Menschen, nicht die Umwelt. Welche Veränderungen unsere Lebensbedingungen durch den Klimawandel erfahren könnten, ist hier kein Thema. Ob wir Lesenden die Szenarien als Hoffnung erweckende Utopien anschauen oder als Schrecken erregende Dystopien – das bleibt uns selbst überlassen.

Simone Achermann, Stephan Sigrist:
WIE WIR MORGEN LEBEN. Denkanstösse für das Zeitalter der Langlebigkeit.

Herausgegeben von W.I.R.E.
NZZ LIBRO 2017; 220 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-03810-259-5

Siehe auch: Fritz Vollenweider, Interview mit dem Co-Präsidenten der Vereinigung für Zukunftsforschung

Alle Bilder: © The W.I.R.E

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