FrontKulturEine jämmerliche und teuflische Gestalt

Eine jämmerliche und teuflische Gestalt

Im Lügendickicht gefangen: Regisseurin und Intendantin Barbara Frey inszeniert am Schauspielhaus Zürich Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“.

Der klassische Fall ist bekannt. Dorfrichter Adam muss gewissermassen über sich selbst richten. Witwe Marthe Rull will, dass ihr ein wertvoller Krug ersetzt wird, den ein nächtlicher Eindringling bei ihrer Tochter Eve auf der überstürzten Flucht zerbrochen hat. Sie verdächtigt Eves Verlobten Ruprecht. Nur Adam und Eve wissen, welcher Lüstling den Sündenfall begehen wollte und auf dem Rückzug noch ordentliche Schrammen davontrug. Es wäre ein leichtes für den nach Gusto richtenden Adam, seine Verfehlung im Verfahren zu vertuschen. Doch ausgerechnet an diesem Gerichtstag kommt der Gerichtsrat Walter, um das Amt in der fernen Provinz zu überprüfen. Das Unheil nimmt für Adam seinen Lauf. Und im aussichtslosen Bemühen, jede neue Wendung mit Bauernschläue zum eigenen Vorteil zu nutzen, verheddert er sich so sehr im Lügendickicht, dass es eine Freude fürs Publikum ist. So weit die Geschichte bei Kleist.

Eine geschundene und gequälte Kreatur

Im Bühnenbild von Muriel Gerstner, einem leeren Raum mit Drehhäuschen, bestehend aus mehreren Kammern, der Adams Zuhause und zugleich Gerichtssaal ist, spielt sich eine zuweilen rätselhafte Dramaturgie ab. Im Dunkeln leuchtet der nackte Adam, der sich am Boden liegend wie eine Schlange windet und „Evchen“ ruft. Eine geschundene und gequälte Kreatur mit Blut und Wunden am ganzen Körper, lädiert vom perfid arrangierten Besuch bei Eve, das bevorstehende Unheil wohl ahnend. Dann hellt sich die Bühne auf und die skurrile Verhörgeschichte nimmt ihren Lauf. Nach und nach werden Klägerin und Zeugen durch das Drehhäuschen in den Gerichtssaal katapultiert und vom Dorfrichter, der sich zwischenzeitlich eine Richterrobe umgehängt hat, und Gerichtsrat befragt. Der wahre Lügner und Täter wird entlarvt und schleicht sich nackt davon. Und splitternackt präsentieren sich zum Schluss alle Protagonisten in den Kammern des kreisenden Drehhäuschens.

Von links: Hans Kremer als Gerichtsrat Walter, Grahamn F. Valentine als Zeugin Brigitte, Friederike Wagner als Witwe Marthe, Inga Busch als Ruprecht, Lisa-Katrina Meyer als Tochter Eve, Michael Tregor als Schreiber Licht und Markus Scheumann als Richter Adam. (Fotos: Matthias Horn)

Regisseurin und Hausherrin Barbara Frey fokussiert sich von Beginn weg auf das aussichtslose Unterfangen Adams, die eigene Haut retten zu wollen. Präsentiert wird eine jämmerliche und teuflische Gestalt eines Dorfrichters ohne Würde und Glaubwürdigkeit. Frey vertraut auf die ungebrochene Kraft der Kleist`schen Sprache, zelebriert Adams Lügendickicht zum Gaudi des Publikums genüsslich ausladend. Doch die Wahrheitsfindung wird teils zur Farce. Schon das Verhältnis zwischen Adam und Walter verwirrt. Schnell scheint der eine zu wissen, dass der andere schuldig ist und dass es nurmehr darum gehen kann, das Gesicht der Gerichtsbarkeit zu wahren. Auch der korrekte und steife Schreiber Licht gehört dazu, der von Anfang alles durchschaut und wohlwissend selbst egoistische Pläne verfolgt. So entsteht ein Schwarzweissbild, dem vertraute und plausible Zwischentöne fehlen. Bei der Premiere am Samstagabend zeigt sich das Publikum beeindruckt von der Deutung der beliebten Komödie und applaudiert kräftig.

Grossartige schauspielerische Leistungen

Die dichte, eher leise und zurückhaltende Inszenierung Freys prägen grossartige schauspielerische Leistungen. Das gilt vorab für Markus Scheumann, der die Parade-Rolle als alter, längst aus dem Unschuldsparadies vertriebener Dorfrichter Adam wahrlich dämonisch spielt. Schlangengleich windet er sich als entblösster Verhandlungsführer von Lüge zu Lüge, bis das Lügengeflecht in sich zusammenbricht und zum Schluss nur die nackte Flucht bleibt. Hans Kremer gibt einen verhaltenen und eher zögerlichen Gerichtsrat Walter, der mehr an der Gesichtswahrung als an der Wahrheitsfindung interessiert ist. Laut empört spielt Friederike Wagner die über ihren zerstörten Krug lamentierende Witwe Marthe Rull, während Lisa Katrina Meyer die anrührend seelische Not leidende Tochter Eve überzeugend zurückhaltend gibt. Michael Tregor als steifer und hinterlistiger Gerichtsschreiber Licht und Inga Busch als zu Unrecht Beschuldigter Ruprecht wirken etwas gar statisch eingesetzt. Nicht so Graham F. Valentine als Zeugin Brigitte, die mit erfrischender Komik das durchtriebene Lügenspiel Adams zu Fall bringt.

Weitere Spieldaten: 23., 27. Oktober, 3., 8., 13. November, 2., 4., 8., 15., 19. Dezember

Vorheriger ArtikelLiebeserklärung an Havanna
Nächster ArtikelDer Apéro vor dem Apéro

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel