FrontGesellschaftSieben Wochen zu Fuss unterwegs

Sieben Wochen zu Fuss unterwegs

«Von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz» sind Regula Jaeger und Markus Maeder gewandert. In «Fussgang» berichten sie darüber.

Nein, es ist kein weiteres Buch über eine Pilgerreise, sei es an einen Wallfahrtsort oder wohin auch immer. Die beiden Fussgänger berichten unprätentiös und unterhaltsam von einer Reise zu Fuss durch die Schweiz in neunundvierzig Wanderungen zwischen Februar / März und November vom oberen Zürichsee bis ans Ende des Genfersees. Jede Etappe – Gang genannt – hat verschiedene Tagesschritte, dazwischen gibt es «Leergänge» und Erholungsphasen.

Eine Botschaft wollen die beiden nicht daran knüpfen, schreiben sie im Nachwort: «Wir gehen einzig und allein zu Fuss, weil wir es uns wert sind, und weil wir die Welt zu nehmen versuchen, wie sie ist, bis wir eine bessere haben.» Entstanden ist ein reichhaltiges Tagebuch, ebenso kurzweilig wie zum Nachdenken anregend, anfangs vorwiegend von Regula Jaeger notiert, schliesslich für das Buch von Markus Maeder ergänzt, bearbeitet und redigiert. Ganz- oder doppelseitige Fotos setzen Verschnaufpausen zwischen den Gängen. – Auch vom Essen in mehreren Gängen handelt das Buch zuweilen.

Beide sind offensichtlich geübte Wanderer, denn sie setzen sich oft grosse, weit entfernte Ziele. Wir Lesenden können selbst auf der Karte nachverfolgen, welchen Weg Regula und Markus genommen haben. Die Tagesetappen sind genau genannt, im Anhang findet man die Adressen aller Unterkünfte, Hotels oder einfacher Gasthäuser; in der Genfer Gegend ist es ein Motel mit dem Charme der 50er Jahre. «Über alle Berge» heisst das Buch im Untertitel. Daran halten sich die beiden Fussgänger. Städte oder auch nur Agglomerationen meiden sie soweit wie möglich. Stattdessen geht ihr Weg von einem Wandergebiet zum anderen, durch die Innerschweiz ins weite Berner Oberland.

Lesen kann genauso amüsant sein wie wandern, denke ich, während ich den beiden auf ihren Schneeschuhen durch das Mythengebiet folge. Denn vom Wetter lassen sie sich nicht abschrecken, anfangs liegt Schnee auf ihren Wegen, später gibt es immer wieder Regentage und auf der letzten Etappe macht ihnen die frühe Novemberdämmerung zu schaffen. Überall begegnen ihnen Einheimische oder Fremde. Es ist wohl eher Regula, die einen Schwatz beginnt, doch beide interessieren sich für Land und Leute – da gibt es vieles, worüber wir staunen, lachen oder den Kopf schütteln können.

Ist es möglich, dass die beiden Unermüdlichen im Laufe der Wanderwochen müde und  schweigsamer werden? Während in der ersten Hälfte des Buches viele fröhliche Gespräche protokolliert werden – dazwischen gibt es immer wieder besinnliche oder reflektierende Passagen -, scheinen die Gespräche knapper zu werden, je tiefer die beiden in die Romandie vordringen. An der Sprache kann es nicht liegen. Zwischen Gsteig im Berner Oberland und Rougemont bereiten sie sich explizit darauf vor, den Röstigraben zu überschreiten. Liegt es an den Etappenzielen? In Montreux weht ein anderer Wind als zwischen Seelisberg und Tannibüel. An den Ufern des Genfersees findet das Bergwandern allmählich sein Ende. Je mehr sie sich Genf nähern, desto weniger «Fussgängerluft» spüren sie, obwohl sie auch dort selbstverständlich zu Fuss unterwegs sind. – Am Ende des Wegs seufzt die muntere Regula nur «heigaa» . . .

Trotzdem: Es macht grossen Spass, Regula Jaeger und Markus Maeder in Gedanken auf ihren Gängen zu begleiten. Mit besonderem Vergnügen lese ich Kapitel über die Orte, die mir auch bekannt sind. Zum Wandern regt das Buch allemal an. Das Ziel muss ja nicht gerade Genf sein.

Markus Maeder, Regula Jaeger, Fussgang.
Von zu Hause über alle Berge bis ans Ende der Schweiz
NZZ Libro Zürich, 2017. 352 Seiten mit 31 farbigen Abbildungen.
ISBN 978-3-03810-258-8

Webseite Fussgang

Züri liest – am 26. 10. 2017 mit Regula Jaeger und Markus Maeder

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