FrontKolumnenAber sonst sind wir gesund!

Aber sonst sind wir gesund!

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen, die beiden Ehepaare: Früher hatten sie nebeneinander gewohnt, doch als Irene und Markus in eine Nachbargemeinde weggezogen waren, hatte man sich mehr und mehr aus den Augen verloren. Darum gab’s vor dem gemeinsamen Nachtessen in der Dorfwirtschaft – vor vielen Wochen verabredet – ein ganz herzliches Wiedersehen.

«Wie geht es Euch – seid ihr gsund und zwäg – wie ist es Euch ergangen in den letzten Jahren?» – «Danke gut, alles paletti!» gingen Fragen und Antworten hin und her, «alles bestens!» Und aufgestellt schritten Markus und Irene sowie mein alter Freund Jakob und seine Erna zum Apéro. Munter wurde parliert, von den Ferien vor zwei Jahren auf Cran Canaria berichtet – und dann passierte es. «Das war wohl in der Zeit, als ich mit meinem Hallux in der Klinik lag – eine ganz üble Sache!», begann Irene. Und die Wochen ihres anschliessenden Herumhumpelns wurden in allen Farben geschildert.

«Jaja, das kenne ich», nahm Erna den Ball auf. «Als mir vorletztes Jahr das linke Kniegelenk ersetzt wurde (gottseidank nur partiell), musste ich ewig in die Physiotherapie. Aber jetzt funktioniert mein Gelenk wieder tadellos, bloss die Narben…» – und schon wurde, gerade als die nette Servierdame die Suppe reichte, das Knie entblösst, auf dass es die Tischrunde gebührend bestaunen konnte.

Markus lächelte milde und benützte die Pause bis zum Hauptgang, um ganz dick aufzutrumpfen. «Also, das sind doch alles Bagatellen, verglichen mit meinem schweren Herzinfarkt!» Seine Frau hatte ihn im Hobbyraum zwischen Werkzeugen und dem Altpapier liegend gefunden und subito den Rettungswagen alarmiert, dessen Ziel dann die Uniklinik in der Hauptstadt war. «Nun gut, es war ja dann bloss eine leichte Kreislaufstörung gewesen, aber es hätte ja ein Infarkt sein können!», meinte der Erzähler, selbstgefällig in die Runde blickend.

Nur Jakob blieb auch während des Hauptgangs (ein exzellentes Filet Stroganoff) still; er war ja schliesslich kerngesund, noch nie im Spital gewesen. Dabei wäre er doch in dieser Runde eigentlich der Fachmann – seit 40 Jahren Mitglied des Samaritervereins. In dieser Zeit hatte er so manches Pflästerli aufgeklebt und einmal – ein einziges Mal – sogar einen Druckverband montiert. Aber sonst? Und so hörte er halt während des Desserts von permanenter Migräne, von zu hohem und zu tiefem Blutdruck, vom grauen Star, der seine Schatten voraus warf und von vielen, vielen Ärzten und ihren Fehlern oder ach so wunderbaren Händen, samt einer Gallenblasen-Operation – «laporoskopisch, müsst ihr wissen.» Als sich die beiden Ehepaare von einander verabschiedeten, schwärmten sie von diesem tollen Abend. «Und gottseidank sind wir alle gesund, geht es uns rundum gut!»

Auf dem dunklen Heimweg indessen geschah es: Jakob kam auf dem Glatteis ins Rutschen, stürzte und…den Rest können Sie sich ja vorstellen. Als er mit gebrochener Schulter in der Notfallaufnahme des Spitals lag, hatte er höllische Schmerzen, doch Jakob lächelte trotzdem still und zufrieden vor sich hin. «Beim nächsten gemeinsamen Nachtessen kann ich mitreden, werde ich mit von der Partie sein!» Und voll Vorfreude malte er sich den Gang der Dinge bereits in allen Facetten aus. «Hört mal, damals, als…»

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel