FrontKolumnenDigital Switzerland

Digital Switzerland

Unsern ersten nationalen Digitaltag haben wir am 21. November hinter uns gebracht. Das habe ich mir nicht entgehen lassen. Und jetzt?

Aktuell sein ist alles! Der erste Digitaltag der Schweiz wurde lange voraus angekündigt. Das Thema wurde in den Medien gehörig aufgepumpt. Und immer noch lese ich täglich kleine und grosse Texte darüber. Mal sind sie ernsthaft, mal sarkastisch, mal kritisch. Also komme auch ich mit meiner Betrachtung nicht zu spät.

Selbstverständlich wollte ich mir das Ereignis in der Zürcher Bahnhofhalle nicht entgehen lassen. Mit GA und SBB wagte ich den Katzensprung. Meine Erinnerungen an solche Veranstaltungen in der grossen Bahnhofhalle sind gut. Aber, es gab Einschränkungen. Es stand nicht soviel Platz wie üblich zur Verfügung. Im Hintergrund drängten sich bereits die für den Weihnachtsmarkt bereit gestellten Häuschen.

Bei Anlässen z.B. über Forschungsergebnisse im Gesundheitswesen konnte ich jeweils mit einem Blick erfassen, worum es an einem einzelnen Stand ging. Um das Ohr, das Herz, den Fuss! Aber diesmal war es anders. Überall Punkte, Linien, Kreise und andere nicht entzifferbare Symbole. In einem Holzhaus drängten sich Menschen, auf Pritschen auf dem Bauche liegend, in überdimensionierte Brillen starrend. Leider traute ich mir nicht zu, da auch einen Platz zu ergattern.

Dem Publikum standen viele junge Leute für Auskünfte zur Verfügung. Sie trugen beschriftete Jacken: „Google“ hiess es da etwa. Eine nette junge Frau sprach mich an. „Kann ich Ihnen etwas erklären?“, fragte sie. „Ja“, sagte ich erfreut, „erklären Sie mir etwas“. „Da wäre ein 3-D-Drucker zu sehen“, meinte sie. Interessierte mich nicht. „Vielleicht etwas mit dem Handy?“, fragte sie. Ich klaubte mein kanariengelbes, nigelnagelneues, aber trotzdem immer noch altmodisches Nokia hervor. „O“, sagte sie mit einem erkennenden Blick, „aber da verstehen Sie sicher bereits alles“. Natürlich nickte ich, obwohl das nicht hundertprozentig zutraf. Dann unterhielten wir uns noch über den kleinen Roboter, der in der Nähe mit dem Publikum „interagierte“. Wie ich erfuhr, war er auch Tänzer.

Meine Rettung im Menschengewühl war das riesige Podium, auf das ich zugeschoben wurde. Das Menschengewühl bestand vor allem aus zahlreichen Männern jüngeren und mittleren Alters! Das Podium war eine Bühne mit fünf Stühlen und fünf Beteiligten. Ich erkannte Bundesrat Johann Schneider-Ammann, ich erkannte den Rektor der ETH. Die anderen blieben mir fremd, ausser, dass der Moderator durch seine Funktion auffiel. Es war viel davon die Rede, dass man auch die Frauen für die digitale Welt gewinnen wolle, da habe es noch Potenzial. „Aber nicht mit einem Podiumsgespräch, an dem keine einzige Frau beteiligt ist“, dachte ich.

Etwas später kam ich noch in den Genuss einer Unterhaltung zwischen dem SBB-Chef Andreas Meyer und Giacobbo. Um selbstfahrende Züge durch die Neat ging es, um die Servierwagen, die einen früher mit Kaffee und Gipfeli, oder, gegen Mittag, mit einem Schöpplein Schweizer Weisswein versorgt hatten. Und um wunderschöne neue Speisewagen, die soeben ausgeliefert worden seien. Aus dem Gespräch schloss ich, dass sich das Bahnfahren in den nächsten Jahren noch nicht grundlegend verändern wird. Beruhigend!

Ich schnappte mir das erklärende Magazin mit dem Titel „Schweiz 4.0“ und fuhr nachhause. Meine Gedanken schweiften. Wie war das jetzt am Sonntag zuvor gewesen? Wir hatten einen jüngeren Rechtsanwalt aus Zürich in der Runde gehabt und ihn gefragt, ob seine Kanzlei den Digitaltag auch begehe. „Selbstverständlich“, meinte er ernsthaft. „am Morgen ein Referat, gegen Mittag ein Referat, am Abend ein Referat“. Da packten wir die Gelegenheit beim Schopf und baten ihn, uns zu erläutern, was ein Algorithmus sei. Er erklärte und erklärte und erklärte. Wir von der älteren Generation konnten nicht so rasch folgen. „Hör mal“, sagte ich ihm, „was macht Ihr denn mit uns, wenn wir mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten können?“. „Sorry“, meinte er, „wenn ich das so brutal sage: Aber Ihr sterbt aus!“ Dem hatten wir nichts entgegen zu setzen!

Hatten wir aber doch! Wir packten unsere Gläser und stiessen an, auf jede analoge Stunde, die wir in naher Zukunft noch zusammen zu geniessen gedenken!

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel