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Aufmerksamkeit ist alles

Von der „Aufmerksamkeitsfalle“ spricht Matthias Zehnder in seinem Buch zum Thema: „Wie die Medien zu Populismus führen“.

Das Buch von Matthias Zehnder ist gut zu lesen, kurzweilig geschrieben und überzeugt in der Beweisführung. Natürlich richtet er seine Aufmerksamkeit auf die Medien. Aber, Achtung, die Konsumentinnen und Konsumenten werden genau so unter die Lupe genommen. Und mit dem Lesen schleicht sich bei mir ein Gefühl ein, als ob ich meine Gewohnheiten auch gelegentlich überprüfen müsste!

Zwar bin ich nicht auf dem neuesten Stand der Elektronik. Aber wenn es passt, höre ich jeweils zur Stunde die Radionachrichten. Und wenn es nicht passt, kann ich immer noch bei meinem Mac Safari einstellen und auf News klicken. Und da habe ich dann Auswahl im Überfluss. Auch dieses Thema spricht Matthias Zehnder an. Er nennt es das „Schlaraffenlandproblem“.

Im medialen Schlaraffenland

Ein grosser Vorzug des Buches ist, dass wir auf unterhaltsame Art den langen Weg geführt werden, den die Medien gegangen sind. Unterschiede zu heute werden mit historischen Beispielen verständlich gemacht. „Weimar 1715“ heisst es da. Und wir erleben einen jungen Mann, wie er durch die Stadt mit etwa 5000 Einwohnern geht, welche Geräusche er hört und welche er, im Gegensatz zu heute, nicht hört. Aber, er erlebt noch Stille. Wie er am Sonntag in die Kirche geht, wo der dreissigjährige Johann Sebastian Bach auf der Orgel eine eigene Toccata spielt! Welches Erlebnis!

„Verglichen mit dem jungen Mann von 1715 leben wir heute im medialen Schlaraffenland: Medien sind immer und überall praktisch beliebig verfügbar“, führt Zehnder aus und stellt Fragen zu den „Auswirkungen der grenzenlosen Verfügbarkeit“. Zum „Umgang mit den Medien: ist mehr besser oder wäre weniger mehr?». Und: „Was geben wir unseren Kindern für ihren Umgang mit den Medien mit?». Was geben wir unsern Enkeln mit?, muss sich unsere Generation fragen.

Zehnder weist uns auf einen grundlegenden Unterschied im Funktionieren der Medien hin, der sich in den letzten Jahren eingestellt hat. Früher konnten diese davon ausgehen, dass sie die Aufmerksamkeit des Publikums hatten, diese nicht erst noch erobern mussten. Die Tageszeitung war abonniert, was man am Radio hören und am Fernsehen sehen wollte, war vielfach Routine. Es bestand eine Beziehung zwischen Publikum und Medien, sozusagen eine Treue.

Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Wir leben im medialen Schlaraffenland, sind gemäss Zehnder zu Bufett-Hoppern geworden, picken da etwas, klauben dort, was uns attraktiv scheint. Vor uns liegt ein geographisch unbeschränkter Markt. Als Einschränkung kann noch die fehlende Beherrschung der Sprache wirken. Was daher für die Medien heute zählt, ist die Aufmerksamkeit. Und diese muss mühsam, täglich, stündlich erobert werden.

BBB, oder Blut, Brüste und Büsi

Was ist Aufmerksamkeit? Zehnder zitiert Georg Franck, der darüber ein Buch geschrieben hat. Franck nimmt den englischen Sprachgebrauch zu Hilfe und unterteilt Aufmerksamkeit in „awareness“ und „attention“. Der erste Begriff beschreibt gleichsam einen „Stand-by-Zustand“ des Bewusstseins. Der zweite Begriff betrifft die Fokussierung auf ein Ziel, einen Gegenstand.

Und welches Medium gewinnt? Dasjenige, das die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann! Und womit wird das erreicht? Als ich das Rezept zur Kenntnis nahm, musste ich laut lachen. Es heisst, in Zehnders Worten: BBB oder „Blut“, (Unfälle, Verbrechen, Gefahren) „Brüste“ (Busenblitzer oder, je nach Niveau, eher nackte Körper im Rahmen von Gesundheitsthemen), „Büsi“ (junge Tiere jeder Art. Sie sind doch allesamt putzig).

Zehnder zeigt auch auf, wie Nachrichten nüchtern, sachlich daherkommen können. So sachlich, dass sie beinahe übersehen werden. Oder wie man sie mit Emotionalisieren, Skandalisieren, Personalisieren in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt.

Meine banale Schlussfolgerung ist: So machen es die Medien. Es geht ihnen letztlich auch um das wirtschaftliche Überleben. Aber, das ist der springende Punkt, wir vom Publikum wollen das auch so! Auch die souveränsten Medienkonsumenten fahren ab auf clevere Schlagzeilen, attraktive Teaser, umwerfende Bilder!

Die heutige Situation würde auch von uns Konsumierenden einige Veränderungen an Gewohnheiten, Urteilsvermögen, Disziplin verlangen. Aber, hat Zehnder in seinen Ausführungen nicht auch auf ein Gedicht von Erich Kästner 1899 – 1974) mit dem Titel: „Entwicklung der Menschheit“ hingewiesen? Es beginnt so:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
Behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
Und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
Bis zur 30. Etage.

Und nach einlässlicher Beschreibung all der Fortschritte und Erfindungen des Menschengeschlechts folgt die letzte Strophe:

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
Bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund
Noch immer die alten Affen.

Leider heute noch zutreffend. Einziger Kritikpunkt: Ich würde das Gedicht nicht mehr nur auf die „Kerls“ beschränken!

Matthias Zehnder: Die Aufmerksamkeitsfalle, Zytglogge Verlag AG, Basel, 2017; ISBN 978-3-7296-0951-8

Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit, Verlag Hanser, Erstauflage 1998; ISBN 978-3-446-19348-2

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