FrontKolumnenSie steinigten ihn

Sie steinigten ihn

Keine Schlagzeile aus dem Boulevard! Steht so geschrieben in der Apostelgeschichte am Ende des 7. Kapitels. Es betrifft den heiligen Stephanus. 

Ich meinte, es werde einfach sein, einen ansprechenden Text über den heiligen Stephan zu schreiben, dem der Tag nach Weihnachten, der Stephanstag, gewidmet ist. Da hatte ich mich getäuscht. Diese Persönlichkeit war mir überhaupt nicht mehr präsent. Und der Stephanstag war einfach ein Tag mehr im weihnachtlichen Fest-, Kommerz- und Feiertagskalender! Ist der Stephanstag arbeitsfrei, sind die Geschäfte geöffnet, wird die Post gebracht? Das sind die einschlägigen Fragen!

Die wirkliche Geschichte von Stephanus, die wir in der Apostelgeschichte nachlesen können, spielt in einem rauen Umfeld und hat ein tragisches Ende.

Es ging sehr unruhig zu in der Gemeinde der ersten Christen in Jerusalem. Intern waren sie „ein Herz und eine Seele“, wie es in der Apostelgeschichte heisst. Niemand erhob Anspruch auf Besitz. Sie hatten alles gemeinsam. Aber in der Öffentlichkeit waren sie umstritten. Die Apostel erzählten von Jesus und es geschahen Zeichen und Wunder durch sie. Das erweckte bei den Vertretern der offiziellen Religion, des Judentums, Neid und Missgunst. Der amtierende Hohepriester erliess einen Haftbefehl. In der Nacht öffnete aber ein Engel die Gefängnistür. Und die Apostel gingen hinaus in den Tempel und verkündeten weiter ihre Botschaft. Das führte zu einem Wortgefecht in der Sitzung des Hohen Rates. Dorthin hatte man sie bringen lassen. Mit ihrem Festhalten an der Auferstehung Jesu brachten sie die Anwesenden in Zorn. „Als sie dies hörten, ergrimmten sie, und am liebsten hätten sie die Apostel umgebracht“. Es war dann ein Mitglied des Hohen Rates, Gamaliel, der zur Besonnenheit mahnte. Er vertrat die Meinung, wenn diese neue Botschaft ein Werk von Menschen sei, werde sie sowieso versanden. Wenn aber Gott dahinter stehe, so sei jeder Widerstand sinnlos. Mit dem Verbot, weiter von Jesus zu reden, wurden die Apostel wieder entlassen. An dieses Verbot hielten sie sich natürlich nicht.

Die Zahl der Anhänger der Apostel nahm zu und es entstand ein Bedürfnis nach organisatorischen Strukturen für die Gemeinde. Es galt, nach aussen weiter die Botschaft zu verkünden. Aber auch das Gemeinschaftsleben, so zum Beispiel das gemeinsame Essen, musste strukturiert werden. Daher wurden angesehene Männer gesucht, sieben an der Zahl, welche für den Dienst an der Gemeinschaft zuständig sein sollten. Zu dieser Gruppe gehörte auch Stephanus, ein glaubensstarker Mann. Die Gruppe wurde beauftragt, indem die Apostel für sie beteten und ihnen die Hände auflegten.

Stephanus kam im Volk sehr gut an. Er vollbrachte „Wunder und Zeichen“, heisst es von ihm. Wer mit ihm das Streitgespräch über die neue Botschaft suchte, konnte nicht gewinnen. Da wurden über ihn Gerüchte gestreut, er führe lästerliche Reden gegen die heilige Stätte, den Tempel, und gegen das von Moses überlieferte Gesetz.

Und auch er musste sich vor dem Hohepriester rechtfertigen. Seine Rede ist in der Apostelgeschichte vollumfänglich festgehalten. Sie zeugt von einem breiten Wissen über die Geschichte des Judentums und von einem tiefen Verständnis für den religiösen Gehalt der jüdischen Lehre. Aber er übte auch massiv Kritik und nannte die Repräsentanten Verräter und Mörder an dem einen Gerechten, dessen Kommen von den Propheten vorausgesagt worden sei. Und er rief sogar aus, er sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen!

Die Wirkung der Worte auf die Zuhörenden war katastrophal. „Da brachen sie in ein tobendes Schreien aus, hielten sich die Ohren zu und stürzten sich in vereinter Wut auf ihn, um ihn zur Stadt hinaus zu stossen und zu steinigen“, heisst es. Heute würden wir das einen Lynchmord nennen. So nebenbei wird auch noch darüber informiert, dass die Wütenden ihre Oberkleider bei einem jungen Mann deponierten, der Saulus hiess. Saulus hatte der Ermordung zugestimmt.

Es sind harte Fakten, die uns in der Geschichte von Stephanus zugemutet werden.

Natürlich gehen sie in der heiter-besinnlichen Stimmung der Nachweihnachtszeit unter. Aber sie spielen sich in ähnlicher Art auch heute, weltweit, immer wieder ab.

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