FrontKolumnenVordenker der „Postmoderne“

Vordenker der „Postmoderne“

Vom Ende der grossen Erzählungen, das war ein Anliegen des französischen Philosophen Jean-François Lyotard, geboren 1924 in Versailles und gestorben 1998 in Paris.

Jean-François Lyotard war der politisch umstrittenste Philosoph des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Die Epoche, die wir mit ihm erlebten, hatte durch ihn ihren Namen bekommen: Lyotard war der Erfinder und Vordenker der „Postmoderne“.

Er hatte in seinem Buch „La condition postmoderne“, es ist 1979 erschienen, das Wissen der höchstentwickelten Gesellschaften analysiert. Und stellte ergebnisoffen fest: „Früher wurde das wissenschaftliche, literarische, theologische und philosophische Wissen, die «grossen Erzählungen“ so genannt, ausschliesslich im akademischen Rahmen vorgestellt und vorgetragen.“

Vor rund sechzig Jahren wurden die so genannten „grossen Erzählungen“ ins Englische übertragen, d.h. in das Wort „narrativ“. Aus Lyotards „grand récits“, gemeint waren sie, die Hauptwerke der abendländischen Wissenskultur, die man – ginge es nach Lyotard – am besten ersetzen sollte.

Für Lyotard gab es jene drei „grossen Erzählungen“: Aufklärung, Idealismus, Historismus. Diese bilden seit Beginn des 20. Jahrhunderts – eben von Lyotard „Postmoderne“ genannt – keine Zielorientierungen mehr. Zum Beispiel: die Emanzipation des Individuums, das Selbstbewusstsein des Geistes, die Idee eines sinnhaften Fortschritts der Geschichte hin zu einer Utopie. Das sind im Wesentlichen die „grossen Erzählungen“, die sich selbst nur beglaubigten durch ihre Übermittlung, ohne Argumente und Beweise zu liefern. „Denen“, so Lyotard, „kann man nicht mehr glauben.“

Die Folge ist, dass es auch keine Projekte der Moderne mehr geben kann, keine grossen Ideen von Freiheit und Mut, Sozialismus, womit eine allgemeine Geltung zu verschaffen wäre. Den „Metaerzählungen“ wird kein Glaube geschenkt. Man kann sagen, dass selbst die „Trauerarbeit“ abgeschlossen ist. Für ein Grossteil der Menschen ist die Sehnsucht nach den «grossen Erzählungen“ verloren gegangen.

Lyotards Anliegen war die „Delegitimierung der Wissenschaft». „…geht man ihr nur ein wenig nach und vergrössert man ihre Tragweite, wie das Wittgenstein auf seine Art dachte – oder Denker wie Martin Buber und Lévinas auf ihre Art es machten, so bereitet eine wichtige Strömung der Postmodernität den Weg: Die Wissenschaft spielt ihr eigenes Spiel, sie kann die anderen Sprachspiele nicht legitimieren.“

„Gut so!“, urteilt Lyotard. Es triumphiert endlich der Dissens über den Konsens, denn das Einzelartige, Einzelne mit den kleinen Erzählungen werden nicht mehr vom allgemeinen „terrorisiert“ sein. Pluralität ist möglich geworden. Das bedeutet allerdings: Nicht der Konsens, den der Philosoph Habermas zur vernünftigen Instanz erklärte, „sondern der Dissens (= der Widerstreit) ist der unaufhebbare und zu bewahrende Kern vernünftiger Auseinandersetzung (Chr. Helferich). Für die Bedingungen des Wahren greifen die Spielregeln der Wissenschaft, es gibt keinen anderen Beweis als nur den Konsens der Experten.

Die kleinen Erzählungen sind Fabeln, Mythen, Legenden, 2-Zeilen-Geschichten. Diese fragen nicht nach ihrer eigenen Legitimierung. Sie beglaubigen sich selbst durch ihre Übermittlung, sind, wie gezeigt, zu keiner Zeit einer Argumentation und den Beweisen unterworfen gewesen.

Da es nach Lyotard keine Einheit der Vernunft noch der Sprache gibt, entschied er sich zum „freien Philosophieren“, verankert in der Existenz der Alltagssprache, ohne Effizienzgier, gerade ohne die Überheblichkeit der Wissenschaft; nicht mehr mit Hilfe eines konziliaren, „obersten“ Prinzips, Gott genannt. Vielmehr: Es beim Probieren belasssen, „probalité“. Eher und einfach: Reden, schreiben, arbeiten, regellos, wie ein Künstler, der auf kein Wissen zurückgreift.

Lyotard entschied sich für die Legitimierung des Wissens durch Paralogie. Er verwendet dabei als Basis „Paradigmen“ und Paralogie, nicht im Sinn von vernunftwidrig, sondern mit den Bedeutungen von: paralogisches Denken, Denkstörungen, Gehemmtes Denken, Gegendenken, Nebendenken; Croire, Dire penser.

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