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Die Lust am Zuhören

Die schönsten Bilder entstehen im Kopf, die packendste Unterhaltung ist die, bei der man nicht auf die Mattscheibe starren muss. – Eine Lanze für das Radio in der Schweiz

Im SRF2-Wissenschaftsmagazin vom 13. Januar 2018 berichtete Thomas Häusler von Forschungen einer britischen Ethnologin. Sie war seit Anfang dieses Jahrtausends immer wieder auf die Philippinen gefahren, um dort die Strukturen der Agda zu erforschen. Dieses Volk ist eines der wenigen, das noch abgeschottet von moderner Zivilisation lebt, nicht sesshaft ist und sich von der Jagd, dem Fischfang und von Früchten, Kräutern und Wurzeln ernährt. Unter anderem wollte die Forscherin herausfinden, wie man sich in diesem Volk eine gute Stellung erwirbt, welche Tätigkeit die höchste Achtung erhält. Es sind nicht die Jäger, es sind nicht die Stammesältesten, es sind die Geschichtenerzähler. Erzählen, schliesst die Ethnologin daraus, ist nicht nur ein beliebter Zeitvertreib, sondern trägt auch zur Festigung der Gemeinschaft bei.

Die Erzählkunst und – komplementär – das Zuhören sind ein wichtiges Element jeder Kultur. Wenn solche Erzählrunden nicht in Gemeinschaft entstehen, dann kann das Radio diese Funktion übernehmen. Hörsendungen sind das bessere Fernsehen, las ich vor kurzem, denn Hören fördert die Konzentration, es regt die visuelle Fantasie an und entspannt gleichzeitig.

Kultur sei ein unerlässliches Bindemittel einer Gesellschaft, so äusserte sich der gegenwärtige Bundespräsident Alain Berset kürzlich sinngemäss. Deshalb nehme die Kulturförderung einen wichtigen Platz in seinem Ressort ein. Die SRG ist allerdings nicht dem Bundesamt des Inneren unterstellt, sondern dem Bundesamt von Doris Leuthard, dem Amt, das u.a. für Kommunikation zuständig ist. Dennoch: Ob und vor allem wie Information und Kultur in einer Gesellschaft gepflegt werden, entscheidet über den Zusammenhalt. Diesen zu gewährleisten, ist eine öffentliche Aufgabe, Teil des Service Public und darf nicht privaten – gewinnorientierten – Unternehmen überlassen werden.

Auch das Radio braucht eine gesicherte Finanzierung

In der gegenwärtigen Debatte um die Initiative zur Abschaffung der Fernseh- und Radiogebühren wird allenthalben nur über das Fernsehen gesprochen, denn dahinter steht knallhartes Business. Gewiss, Radiosendungen sind weniger kostspielig, aber wir brauchen sie! Es muss Sender geben, seien es Radio- oder Fernsehsender, die unabhängig von kommerziellen Interessen produzieren. Darin liegt doch der Sinn dieser Institutionen, die in Deutschland «öffentlich-rechtliche Anstalten» heissen. Sie werden aus öffentlichen, d.h. staatlichen Mitteln finanziert, haben aber den Auftrag, ohne Parteienanbindung und ohne Abhängigkeit von der Wirtschaft zu senden.

Als solche Radios in den Wohnungen standen, mussten die Hörerinnen und Hörer Beromünster einstellen, um Schweizer Radio zu hören. Blaupunkt Röhrenradio «Florida» 1954  ©  Eckard Etzold / commons.wikimedia.org

Das Schweizer Radio geniesst bei unseren süddeutschen Nachbarn hohes Ansehen. Nicht selten höre ich von Verwandten oder Bekannten in Freiburg i.Brsg., dass sie mit Vorliebe die Nachrichten von Radio SRF hörten, da fühlten sie sich umfassend und verlässlich informiert. Die Sendung «Rendez-vous am Mittag» feierte vor kurzem ihr 50-jähriges Bestehen und wirkt auch heute nicht altbacken und verstaubt. Das gleiche gilt für ihre Schwestersendung am Abend «Echo der Zeit». Wer solche Sendungen mit denen in kommerziellen Radiosendern vergleicht, merkt die Unterschiede.

Die Mehrsprachigkeit der Schweiz kostet

Ein wichtiger Umstand verteuert die schweizerischen Radio- und Fernsehsender: Sie müssen dreisprachig, mit den rätoromanischen Sendungen sogar viersprachig ausgestrahlt werden. Da sich ausserdem die Mentalitäten und Interessen der Romands, der Tessiner von denen der Deutschschweizer unterscheiden, muss es also mehrere Sendeanstalten geben. Wenn die Sprache darauf kommt, sehen meine Freunde in Deutschland darin stets einen Vorteil: «Du hast es gut», sagen sie mir, «du kannst Dich auch im Französischen oder Italienischen üben.» Das stimmt: DRS2 Kultur führt zusammen mit Espace2 und Rete2 regelmässig Konzerte durch, den Pavillon suisse, der von Musikredakteuren aller drei Regionen moderiert wird. Dabei sind nicht nur die Sprachen interessant, besonders die Temperamente machen die anschliessenden Interviews spannend.

Noch besser lassen sich unterschiedliche Blickwinkel in zwei Schwesterpogrammen beobachten: in der Deutschschweizer «Diskothek im 2» und in «Disques en lice» von Espace2. Das ist Hörgenuss und zugleich Gehör- und Interpretationsschulung in zwei leicht unterschiedlichen Ansätzen, wo die Zuhörenden nicht nur viel über die vorgestellten Stücke erfahren – in «Disques en lice» z.B. letzthin über Othmar Schoecks wunderschönes ‹Notturno› – sondern auch darüber, wie individuell Musik wahrgenommen wird.

Es gibt noch viele Sendeformate, die ich vorstellen könnte, um die Qualität von SRF2 Kultur zu unterstreichen: «52 beste Bücher» oder «Musik für einen Gast» sind zwei Sendereihen, die nicht verschwinden sollten. Kurz gesagt: Das Schweizer Kulturleben würde empfindlich beeinträchtigt, wenn Radio und Fernsehen mangels Gebühren eingestellt oder kommerzialisiert würden.

Deshalb:
Nein zu den desaströsen Folgen einer Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren.
Ja zu sorgfältig gestalteten Sendungen, die zu den Pfeilern der mehrsprachigen Schweiz gehören.

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