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Der letzte Besuch

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

In unserer weit verzweigten Verwandtschaft gab es eine Cousine – um einiges älter als ich und daher eigentlich eher eine Tante. Olga war allein stehend, was völlig logisch war, denn mit den Männern ging alles ebenso daneben wie so viel anderes in ihrem Leben.

Denn an Olga klebte das Pech. Das begann, als sie im zarten Alter von sechs Monaten aus der Wiege fiel und sich ein Ärmchen brach, derweil später bei der Fünfjährigen am Skihügel das rechte Bein an der Reihe war. Kaum in die Schule eingetreten, brannte das Zimmer im nahen Quartierschulhaus aus, so dass sie künftig den langen Weg in eine entfernte Bildungsstätte zu absolvieren hatte. Aus unerfindlichen Gründen fiel die an sich gute Schülerin durch die Lehrabschlussprüfung, und so reihte sich ein Missgeschick ans nächste.

Trotz allem war Olga eine freundliche, aufgeschlossene Frau, und die Verwandtschaft machte es sich zur an sich nicht unangenehmen Aufgabe, die zurückgezogen lebende Frau nicht vereinsamen zu lassen. Sie wurde recht fleissig zu Besuch eingeladen. Was sie, wie sie versicherte, sehr schätzte.

Das Pech schien sich mit zunehmendem Alter verflüchtigt zu haben, wobei – genau betrachtet – auch nicht mehr viel da war, das hätte fallieren können. Ihr Leben verlief ruhig, unauffällig, in geordneten Bahnen. Bis…ja, bis vor ein paar Monaten – da wurde alles anders. Olga war in ihrer Nachbarschaft zum Nachtessen eingeladen, und ein paar Tage später starb der Nachbar aus heiter hellem Himmel. «Du warst unser letzter Besuch!», schluchzte die Witwe; Olga fand das sehr tragisch und berichte jedem, der es hören wollte, davon.

Kurz darauf war sie – wie schon oft – bei einer Cousine eingeladen, die sich in der folgenden Woche im Spital einem kleinen Routineeingriff unterziehen musste. Doch es gab völlig überraschend Komplikationen, und die Frau starb während der Operation. «Olga war unser letzter Besuch!», berichtete der Witwer während des Leidmahls. Jetzt entstand Unruhe in der Verwandtschaft, vor allem auch, weil Olga bei der Rückreise von der Abdankung in jenem Zug sass, der auf einem Bahnübergang in einen Personenwagen krachte – mit tragischen Folgen.

Schnell machte die Rede vom «Todesengel» die Runde, und wen wundert’s, dass die Einladungen plötzlich aufhörten, niemand mehr die eigentlich freundliche Frau am Tisch haben wollte. Doch allmählich plagte uns das schlechte Gewissen. Meine Frau nahm allen Mut zusammen, griff zum Telefon und lud Olga nach längerer Zeit wieder mal zu uns ein. Mit grosser Freude nahm sie an, ein Nachbar werde sie mit dem Auto fahren, da sie sich den Fuss – einmal mehr – verstaucht habe.

Mit schwabbligen Beinen, zitternden Händen und voller düsterer Gedanken bereiteten wir das Essen zu, das pünktlich zur Mittagszeit bereit war, doch von einem Auto weit und breit keine Spur. Wir warteten und warteten und…bis das Telefon klingelte. Der Nachbar teilte erschüttert mit, Olga sei tot in ihrem Sessel gesessen, als er sie habe abholen wollen – einfach so gestorben. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, meine Frau und ich hätten uns nicht einigermassen erleichtert und mit leuchtenden Augen angeschaut…

Gestern waren wir an Olgas Beerdigung. Der letzte Besuch hatte bei ihr stattgefunden.

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