FrontKolumnen100 Jahre Helmut Schmidt

100 Jahre Helmut Schmidt

Eine Zeitreise durch Hamburg: eine Stadt, die sich zu vermarkten weiss

Ein Mann, eine Stadt, eine Philharmonie, ein Hauptpastor der Stadtkirche, eine Zeitung, übergross in ihren Massen, die Mélange macht es aus. Helmut Schmidt, der Weltökonom, starb am 10. November 2015. Am 23. Dezember 2018 wäre er genau 100 Jahre alt geworden. Fast 97 Jahre hat er gelebt, gewirkt und Gedanken hinterlassen, die noch heute, oder erst recht heute, Gültigkeit haben.

Jetzt drei Jahre später wird er zum eigentlichen Botschafter seiner Heimatstadt, in der er bei der Flutkatastrophe 1962 als Innensenator das bewies, was ihn 1974-82 bis in den Bundeskanzler-Bungalow in Bonn brachte: als Macher. Schon im Hamburger Flughafen, neu „Helmut Schmidt-Flughafen“, zwar noch nicht offiziell, ist sein Portrait in der Eingangshalle nicht zu übersehen.

Gerade jetzt nach der doch recht seltsamen Regierungsbildung der populistischen Parteien in Italien, nach dem Aufkommen von Rechtsaussen-Parteien, gerade in Deutschland mit der AfD, nach dem aufkeimenden Nationalismus in Ungarn, in Polen, würden ihn seine Kolleginnen und Kollegen in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ gerne zu Rate ziehen. Theo Sommer, selbst 88 Jahre alt, der langjährige Chefredaktor der „Zeit“, der Helmut Schmidt 1982, nachdem dieser die Vertrauensabstimmung gegen Helmuth Kohl im Bundestag verloren hatte, als Mitherausgeber der Publikation holte, meinte im Gespräch im grossen Konferenz-Raum der Zeitung: „Helmut Schmidt wäre schneller auf Emmanuel Macron zugegangen, anders als Angela Merkel hätte er schneller und vor allem glasklar auf die Europa-Vorschläge Macrons reagiert. Mit der Erweiterung der EU wäre er sorgsamer umgegangen, wobei Sommer einräumte, dass auch er interessanterweise die Aufnahme Griechenlands in die EU nicht verhindert hatte, trotz seines Sachverstandes.

Helmut Schmidt hat aber nicht nur intellektuelle Spuren in der „Zeit“ hinterlassen. Sein ehemaliges Büro ist bis jetzt unberührt geblieben. Und der Rauchgeruch oder der Rauchduft der Mentholzigaretten des Kettenrauchers Schmidt ist auch jetzt noch nicht aus dem Raum entwichen. Immerhin: Die Wirtschaftsredaktion der „Zeit“ hat das Vorzimmer etwas aufgeräumt und einen Fussball-Kasten aufgestellt. Entweiht ist dadurch das Büro wohl noch nicht, doch es ist neues Leben eingekehrt.

Verlässt man das Helmut-Schmidt-Haus, in dem früher auch „Der Spiegel“ und der „Stern“ produziert wurden, ist der Weg nicht weit zur Elbphilharmonie. Rückt man dem neuen, dem gigantischen Wahrzeichen Hamburgs auf dem Wasser näher, erscheint sie wie ein grosses Schiff, betritt man das Werk der Basler Architekten Herzog & de Meuron durch die lange Rolltreppe, ist man in einen hellen Tunnel versetzt. Und auf der Plaza spürt man die Weite, die Weltoffenheit der Hafenstadt. Und im grossen Saal ist das zu erleben, was grosse Kunst ist: beispielsweise ein Konzert des Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin oder einen Liederabend mit Joyce di Donato, organisiert von „Zeit-Reisen“*. Noch nicht ganz angenommen haben die Hamburger das neue Wahrzeichen. Das Umschreiten des Werkes ebenerdig ist nicht möglich. In der rechten Ecke wird ent- und versorgt. Und das tägliche Verkehrschaos nach Vorstellungsende mit den rund 2000 Konzertbesuchern nervt die Einheimischen.

So bleibt für die Hamburger die St. Michaelis-Kirche, „Der Michel“, auch weiterhin das echte Wahrzeichen der Stadt. Und der Hauptpastor Alexander Röder, ein begnadeter Redner, weiss, wie Hamburg entstand, weiss, wie Hamburg heute „tickt“, und er weiss zu differenzieren zwischen orthodoxen und liberalen Lutheranern, zwischen Calvinisten und Evangelikalen, weiss, was Katholiken bewegte und bewegt. Und selber fühlt er sich befreit, orientiert sich nach dem Licht, nach dem Osten und schwärmt vom Bild, das bis 1906 in der damaligen, aber abgebrannten Kirche über dem Altar hing. Jesus stand im hellen, offenen Licht in einer offenen Landschaft, voller Zuversicht. In der wiederaufgebauten Kirche ist es („leider“) ein lutheranisch klassisches Bild: Jesus bei der Auferstehung über dem Grab.

Zuversicht verbreitete auch Helmut Schmidt, er blieb aber immer realistisch, wenn er sinngemäss meinte: «Überhöhte Emotionalität und überbordende Leidenschaft gehören nicht in die Politik, herzhafte Leidenschaft für die Vernunft aber schon.»

Nur zu wahr!

zeitreisen.zeit.de

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