FrontKulturDer lange Schatten Nikolaus Harnoncourts

Der lange Schatten Nikolaus Harnoncourts

1980 lösten Harnoncourt und Ponnelle mit „Idomeneo“ ein Erdbeben aus. 38 Jahre später ist alles weniger radikal: klinisch geglättet und wohlanständig musiziert. 

Am Samstag brachte 3sat Nikolaus Harnoncourts Vermächtnis, die letzten drei Mozart-Sinfonien, die er als zusammen hängende Trias deutete und nahtlos ineinander verwob. Ein Bekenntnis, das unter die Haut ging. Und sonntags durfte man gespannt sein, wie das Opernhaus Zürich das Erbe des grossen Mozart-Interpreten mit „seinen Scintilla-Musikern“ verwalten würde.

Am Aufgebot mit hochkarätigen Solisten  konnte es nicht liegen, auch nicht am von Ernst Raffelsberger zupackend einstudierten Chor. Aber die Inszenierung von Jetske Mijnssen verlor sich in orientierungsloser Personenführung, und die fahrbaren, steril-plakativen Betonwände von Gideon Davey und die etwas gar phantasielosen Kostüme von Dieuweke von Reij führten zu einem ziemlich ernüchternden Gesamteindruck.

Der aus der Antike bekannte Stoff erzählt vom kretischen König Idomeneo, dem Neptun den Schwur abnötigt, den ersten Menschen zu opfern, dem er nach seiner wundersamen Errettung aus Seenot begegnet. Dass es sein Sohn Idamante ist, führt zu schuldiger Verstrickung und nackter Verzweiflung, bis der Götterhimmel mit einem „lieto fine“ (einem glücklichen Ende) Gnade vor Recht walten lässt. Das Libretto von Giambattista Varesco hat allerdings seine Tücken und Schwächen, die man 1980, als es noch keine Obertitel gab, weniger zur Kenntnis nahm.

Das Volk trauert mit Ilia um die Toten des Krieges / Fotos © Monika Rittershaus

Ilia, trojanische Prinzessin und Kriegsgeisel auf Kreta, kann einem schon zu Beginn leid tun, wie sie – von der Regie verlassen – inmitten von sechs Särgen mit gefallenen Trojanern ihren Seelenschmerz wie eine Salzsäule kund tut. Die Solisten sind samt und sonders auf sich gestellt und beklagen händeringend und mit einer silbernen Pistole herumfuchtelnd auf der nackten Bühne ihr nacktes Schicksal. Der Chor schleppt unablässig Requisiten hin und zurück, Tische und Stühle und Bilderrahmen und Kerzen und kriecht und robbt als armseliger, elender Haufen halt immer dann auf die Bühne, wenn es wieder was zu singen gibt.

Idomeneo“ ist Mozarts radikalste und rebellischste Oper

Mozart war damals 24-jährig und emanzipierte sich mit dem bezüglich Ausdruckskraft und Expressivität kompromisslosen Werk der mittleren Schaffensperiode von seinem Vater Leopold. Deshalb ist dem Opus mit reinem Schönklang und Oberflächenpolitur nicht beizukommen. Doch Giovanni Antonini, der sich mit seinem Barockensemble Il Giardino Armonico als Temperamentsbündel einen schillernden Namen verschaffte und in Zürich mit „Alcina“, „Norma“ und „Nozze di Figaro“ als Dirigent schon einige Bewährungsproben bestand, schien prädestiniert für den „Idomeneo“. Leider sprang schon in der Ouvertüre der Funken nicht. Ob es am Respekt vor der sehr anspruchsvollen Partitur lag oder der lange Schatten Harnoncourts ihn lähmte? Immerhin war das Orchestra La Scintilla ja die Wiege für Zürichs Mozart-Zyklus, wenn auch mittlerweile eine jüngere Generation das Szepter übernommen hat.

Das Schicksal von Idamante (Anne Stéphany) liegt in den Händen der Götter

Es wurde zwar durchs Band virtuos und mit klangsattem, nie ausschweifendem Aplomb musiziert, aber Ereignischarakter hatte die Premiere nicht. Zu oft wurde in gemessenen Tempi dem Schönklang gehuldigt. Die Mozartschen Silberfäden, die Harnoncourt einst so unnachahmlich zum Leuchten brachte, und sein berückendes und kontrastreiches agogisches Fluidum stellten sich allzu selten ein. Was allerdings herausstach, war die äusserst gepflegte Artikulation in den sehr wichtigen Rezitativen und eine italienische Färbung, welche dem internationalen Ensemble zur Noblesse gereichte.

Unter den Sängerinnen verdienten sich neben Hanna-Elisabeth Müller als Ilia und Guanqun Yu als Elettra Anna Stéphany als Idamante die höchsten Lorbeeren. Bei den Männern assistierten Airam Hernandez als Diener Arbace und Ildo Song als Stimme des Orakels der Titelfigur Joseph Kaiser, der gesanglich wie darstellerisch fesselte und seine Zerrissenheit im Sinne der Werktreue immer wieder erschütternd zum Ausdruck brachte.

Weitere Vorstellungen: Februar 7, 10, 13, 16, 18, 23, 27, März 2

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