FrontKulturWas bedeutet Schreiben?

Was bedeutet Schreiben?

Die Ostschweizer Autorin und ihre so ausdrucksvollen wie oft auch Geheimnisse bergenden Texte.

Am kommenden 17. April feiert Helen Meier ihren 89. Geburtstag. Sie darf auf ein umfangreiches Lebenswerk zurückblicken, sich auch an einigen namhaften Preisen freuen, mit der ihr literarisches Wirken ausgezeichnet worden ist.

Der vielseitig engagierte Literaturwissenschafter Charles Linsmayer hat in der Reihe «Reprinted by Huber» (Huber Verlag Frauenfeld / Orell Füssli Verlag) seit 1987, also im Erscheinungsjahr 2017 des vorliegenden Bandes seit dreissig Jahren, 34 Bände herausgegeben. Der erste Band war Annemarie Schwarzenbach gewidmet. In der ganzen Reihe findet man bekannte, unbekannte und vergessene Schweizer Autorinnen und Autoren. Zu allen schreibt Charles Linsmayer ein sorgfältig und umfassend recherchiertes Nachwort, welches biografische Daten allgemeiner Art wiedergibt und auch individuelle, manchmal gar spezielle Umstände des Lebens und Schaffens der Schreibenden offenbart. Obschon das alles nicht von didaktischer Absicht geprägt ist, wird die Reihe «Reprinted by Huber» dennoch zu einem eindrücklichen Nachschlagewerk und Zeitzeugnis von zahlreichen Glanzpunkten der Schweizer Literatur. Im Falle dieses Bandes stand dem Herausgeber und Biografen die Autorin persönlich als Gesprächspartnerin zur Verfügung. Zu mehreren Gesprächen trafen sich die Beiden, was zu besonders reichen und genauen Fakten und Werkinterpretationen führen konnte.

Was Charles Linsmayer davon mit wissenschaftlicher Genauigkeit in seinem Nachwort wiedergibt, zeugt von grossem Respekt gegenüber der Autorin, von intensiver Empathie auch dem Werk gegenüber und von starker literaturwissenschaftlicher Sachkompetenz. Man liest seine Berichte und Überlegungen mit wachsendem Interesse. Sie bieten eine nicht zu unterschätzende Hilfe für das Verständnis der Texte Helen Meiers.

Vieles davon kam auch an der Buchvernissage in Bern zum Ausdruck (DAS THEATER an der Effingerstrasse), wo Heidi Maria Glössner die Zitate zu der Werkeinführung von Charles Linsmayer las und danach Helen Meier auf gewinnende Weise im Gespräch mit dem Herausgeber und Biografen über ihr Leben und ihr Werk sprach.

«Schreiben heisst das Innen nach aussen kehren. Aber so, dass es immer noch innen bleibt.»

Dieses Bekenntnis der Autorin stellt Charles Linsmayer seinem biografischen Nachwort als Titel voran. Das Zitat ist gleichsam ein Schlüssel zum Verständnis des Geheimnisvollen, oft auch Rätselhaften in den Erzählungen Helen Meiers. Gerade das ist das Faszinierende an ihrem Werk. Einerseits sind die Texte höchst sprachmächtig, treffsicher im Ausdruck und reich an Bildern. Die rhythmische Gliederung der Satzreihen wie der einzelnen Sätze wirken anfeuernd und mitreissend zugleich, sie fesseln und ziehen so richtig in die Geschichte. Andererseits begegnet man immer wieder Rätselhaftem, Zurückhaltendem – und auch offensichtlich Zurückgehaltenem. Immer noch «innen gebliebenes» halt. Die Erzählungen der Autorin stützen sich auf ihre Erfahrungen, und nicht nur auf erfreuliche. Sie schildern äusserlich wahrnehmbare Vorgänge offen und spontan nachvollziehbar. Dennoch bleibt immer wieder das Ureigene, der Kern – und damit auch manchmal die ganze Wahrheit des Erlebten – noch verschleiert. Es schwingt erkennbar ein Nichtgemeintes mit, welches die ganze Dimension des Geschilderten, des Erlebten nicht voll preisgibt. Man soll es, einem lesenden Schatzgräber gleich, aktiv, doch keinesfalls mühsam aufspüren.

Alle diese Geschichten von Lebens- und Berufserfahrungen, von Familie, Heimat, Liebe, von Sexualität, von Suchen, Erleben, Schauen, auch von Verschmähen, Wegstellen, Liegenlassen, Vergessen, von Nichtwollen, Nichtkönnen, Nichterfüllen…: Manchmal glaubt man dahinter Trauriges, Bitteres zu spüren, eine in die Seele verschlossene, ins Innere des Körpers weggesperrte verzweifelte Enttäuschung. Beschreibende Ausdrücke splittern wie Späne eines Werkstücks von Erinnertem ab, welches konzentriert im Innern bleiben will. Manche dieser immer wieder geschriebenen Reihen von aufgezählten Adjektiven oder Substantiven kringeln sich gleichsam in der Glut der unterdrückten oder offenbarten Leidenschaften, der verdrängten, der isoliert weiter glühenden Partikel von nicht Eingestandenem, vielleicht gar nicht Gelebtem, dem Entfalten nicht Erlaubtem.

Bei allem diesem Geheimnisvollen ist Helen Meiers Sprachgewandtheit überzeugend persönlich, offen anschaulich, bilderreich, stark erlebt und gestaltet. Der Autorin Umgang mit den Materialien der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit führt zu packenden und vielseitigen Leseerlebnissen.

Der Inhalt des «Lesebuchs» umfasst Teile aus zahlreichen über die Jahre hinweg publizierten Werken der Autorin und vermittelt somit einen reichen Querschnitt durch ihr Schaffen. Eine besondere Kostbarkeit ist der Erstdruck von «Walensee», einer Erzählung, die den Tod des Lebensgefährten und die davon verursachte lange dauernde und nachhaltig beschwerliche Bewältigung schildert. Auch dieser Text ohne Lamento, ohne Wehleidigkeit und wieder mit manchem, was «innen bleibt». Die vielfältigen Schönheiten der sprachlichen Gestaltung, der Wechsel zwischen sachlichem Bericht und Verinnerlichung des Geschehens wecken gerade deshalb einfühlsamen Respekt vor der betroffenen Frau und ihrer hohen literarischen Meisterschaft.

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