FrontKulturDer Henker als Herzog

Der Henker als Herzog

Höchst lustvoll und burlesk: Regisseur Jan Bosse inszeniert am Schauspielhaus Zürich «Mass für Mass» von William Shakespeare.

Der stets gefragte Dramatiker William Shakespeare (1564 – 1616) war ein knallharter Realist. Das Zürcher Schauspielhaus hat sich wohl recht absichtsvoll für das Stück «Mass für Mass» entschieden. Es ist komisch und tragisch zugleich, erzählt von Scheinmoral, Intrigen, Korruption. Und das ist in allem, was in diesem Stück verhandelt wird, dem heutigen Publikum angesichts der aktuellen Weltenlage sattsam vertraut.

Im Kerker (v.l.): Hans Kremer als Mönch verkleideter Herzog Vincentino, Klaus Brömmelmeier als Henkermeister Elbov, Milian Zerzawy als Pompey.

Beschämt über den Sittenzerfall in seiner Stadt täuscht Herzog Vincentino eine Reise vor und setzt seinen fanatischen Angelo als seinen Stellvertreter und Regenten ein. Vincentino selbst verkleidet sich als Mönch und bleibt unerkannt als Beobachter in der Stadt. Angelo geht gnadenlos gegen unsittlichen Lebenswandel vor. Sein erstes Opfer ist der Edelmann Claudio, den er, weil er seine Verlobte vor der Hochzeit geschwängert hat, zum Tode verurteilt. Claudios Schwester Isabella, als Novizin moralisch unverdächtig, bittet bei Angelo um Claudios Leben. Doch Angelo will Claudio nur freigeben, wenn Isabella mit ihm schläft. Angelo misst mit zweierlei Mass. Im Titel klingt es an.

Pendelschlag zwischen Komödie und Tragödie

Regisseur Jan Bosse inszeniert das komplexe Beziehungsgeflecht der Charaktere höchst lustvoll und burlesk. Da hat Slapstick, den die Akteure genussvoll ausspielen, ebenso Raum wie die schwer zu übertreffende Sprachkunst Shakespeares. Die einzelnen Charaktere bilden die ganze Bandbreite zwischen menschlichem Laster und Tugend ab und reizen so Shakespeares Absicht, ein Stück der Extreme zu schaffen, vortrefflich aus. Geboten wird ein Stück voller dramatischer Tiefen und komischer Höhen, durchwoben mit den Abgründen der menschlichen Seele und den unlösbaren Fragen nach dem Wesen der Gerechtigkeit. Die Inszenierung mit vielen aktuellen Anspielungen (Fake News, Me-Too) hält durchgehend ihre Spannung und nutzt dabei gekonnt den Pendelschlag zwischen Komödie und Tragödie. Dafür gabs am Premierenabend viel Applaus.

Daniel Strässer als Herzogenvertreter Angelo.

Gespielt wird in einem multivariablen Bühnenbild auf der Drehbühne, bestehend aus einem aus Baumaterialien zusammengeschusterten Labyrinth. Die eine Hälfte ist mit Trennwänden völlig abgedeckt, die andere offenbart ein Häusergewirr mit Thronempore in luftiger Höhe (Bühnenbild: Moritz Müller). Mit jeder Drehung verändert sich die Sichtweise. Alles ist eine Frage der Perspektive. Hinzu kommen von Spiegeln reflektierte Videoprojektionen, in denen die Akteure scheinbar durch die Luft wirbeln. Ein stimmiges Bühnenbild, das präzise in das vertrackte Beziehungsgeflecht passt.

Grossartige Schauspielleistungen

Mit bekannter Spielfreude schlüpft das Ensemble in seinen Rollenreigen in Roben und überzeugt mit starken Leistungen, allen voran Daniel Strässer als Herzogenvertreter Angelo. Grossartig, wie er anfänglich als verklemmter smarter Jüngling puristisch agiert, dann scheinheilig herumeiert, schliesslich mit dem Ausspruch «Meine Lüge wird deine Wahrheit übertrumpfen» Isabella kaltschnäuzig erpresst. Lena Schwarz als Isabella stellt kein Unschuldslämmlein vor, sondern zeigt eine resolute Frau her, die Angelos Angebot mit einer Mischung aus kühlem Stolz und Naivität begegnet, aber nicht mal im Traum daran denkt, sich für ihren Bruder wegzuwerfen, und an ihrer Stelle Angelos ehemalige Braut Mariana (Lisa-Katrina Mayer) ins Lotterbett schickt.

Lena Schwarz als Novizin Isabella. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

In der Rolle des alten Herzogs Vincentino wie auch inkognito als Mönch liefert Hans Kremer ein beeindruckendes Bild eines ambivalenten Herrschers, der sich aus seiner Verantwortung stiehlt und genussvoll die Grauzone zwischen moralischer Konsequenz und zwischenmenschlicher Dynamik mitverfolgt, um dann den gerechten Richter mimen zu können. Eine Kategorie für sich ist Klaus Brömmelmeier als stotternder Henkermeister Elbov. Grandios, wie er unterwürfig laufend Worte verdreht und das Spiel um Recht und Gesetz ins Lächerliche manövriert. Dass er anstelle der versöhnlichen Hochzeiterei zum Schluss von Vincentino zum Herzogennachfolger gekürt wird, ist die folgerichtige Konsequenz dieser narrativen Aufführung und ein wenig verheissungsvoller Ausblick in unsere Gegenwart, die von Narren und Despoten regiert wird.

Weitere Spieldaten: 16., 20., 22., 24., 27. April, 15., 17. Mai, 13. Juni.

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