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Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti

Das Kunstmuseum Winterthur inszeniert eine aufschlussreiche Begegnung zwischen Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti.

Um Ferdinand Hodler kommen Kunstinteressierte in diesem Jahr nicht herum. Genf, wo der berühmte Maler vor hundert Jahren gestorben ist, zeigt sein Schaffen übrigens im Museum Rath, wo Hodler seine Bilder zum ersten Mal zeigen durfte. (s. Bericht von Fritz Vollenweider) In einer übersichtlichen, gut ausgewählten Schau sind nun auch in Winterthur Werke von Hodler zu sehen, dazu Werke von Alberto Giacometti. Das mag überraschen, solange wir uns nicht näher auf die einzelnen Werke dieser beiden einzigartigen Künstler einlassen. Exemplarisch werden zwei wichtige Vertreter zweier Kunstepochen gegenübergestellt und je genauer wir ihre Werke betrachten, desto deutlicher erkennen wir interessante Bezüge zwischen ihnen.

Ferdinand Hodler, Selbstbildnis, 1912. Öl auf Leinwand, 35,5 x 27 cm Kunst Museum Winterthur

Ferdinand Hodler war zu seiner Zeit nicht nur in seiner Heimat, sondern auch international der berühmteste Schweizer Künstler. Wer sich mit Malerei befasste, musste sich unweigerlich mit ihm auseinandersetzen. Doch zur Familie Giacometti hatte Hodler eine besondere Verbindung: Giovanni, Albertos Vater, und er waren befreundet, Hodler besuchte die Familie im Bergell und zeigte sich vom speziellen Licht im Engadin begeistert. Er wurde der Taufpate von Albertos jüngerem Bruder Bruno (1907 geboren). Wir können also sicher sein, dass der junge Alberto (1901 geboren) Hodler und dessen Art zu malen kannte.

 

 

Hodler malte grossformatige Bilder, auf denen er kraftvolle Personen darstellte – der «Holzfäller» gehört zu den bekanntesten. In Winterthur hängt «Der Redner«, in kräftig rotem Anzug, die rechte Hand zeigt nach oben; dieser Redner spricht mit vollem Engagement, fast wirkt er demagogisch. Daneben hängt ein weiblicher Rückenakt, ausdrucksvoll in Form und Farbe, mit dem symbolistischen Titel «Linienherrlichkeit«, und mitten im Raum steht eine übergrosse, schmale Figur von Giacometti. Zwei unterschiedliche Ansätze, den Menschen darzustellen: Bei Hodler steht der Mensch im prallen Leben, ist Ausdruck seiner Gefühle und Überzeugungen; Giacometti hingegen zeigt den Menschen als Wesen zwischen Erde und Himmel. Die Figur ist zwar fest mit der Erde – hier mit dem Sockel – verbunden, aber ihr Kopf strebt in den Himmel. Gesicht, Hände, Zeichen menschlichen Ausdrucks, sind nur noch angedeutet.

Ferdinand Hodler, Blick ins Unendliche, 1913–1916. Öl auf Leinwand, 138 x 245 cm Kunst Museum Winterthur

Noch deutlicher erkennen wir diese Gegensätze in den Darstellungen von Gruppen. Giacometti hat viele grössere und kleinere Gruppen von Figurinen in Bronze geschaffen. Sie mögen im ersten Moment starr wirken, beim genauen Hinschauen bemerkt man jedoch feine Bewegungen. In Winterthur bildet «La clairière» den Gegenpol zu Hodlers symbolistischen Gemälden, «Die Wahrheit» und die «Empfindung«, von der es mehrere Varianten gibt. Auf Hodlers «Blick ins Unendliche«, das fünf blau gewandete Frauen zeigt, von denen jede eine andere Handhaltung hat, antwortet Giacomettis hängende Plastik: an einem dünnen Arm eine übergrosse Hand, die fünf Finger gespreizt.

Alberto Giacometti, La clairière (Place 9 figures), 1950 59,5 x 65,5 x 52 cm Kunst Museum Winterthur Depositum der Alberto Giacometti–Stiftung © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich

Ferdinand Hodler direkt neben Alberto Giacometti anzuschauen, ermöglicht uns, beide mit neuen Augen zu sehen, ihre Haltung und ihren Stil zu erkennen. Das gilt auch für Themen, in denen die beiden ähnliche Themen bearbeiten. Ferdinand Hodler malte Valentine Godé-Darel, seine letzte Geliebte, auf dem Totenbett. Er fertigte sogar eine Bronzebüste von ihr an, die das schmale Gesicht der schon kranken Frau zeigt und durchaus etwas vom 50 Jahre später arbeitenden Giacometti vorwegnimmt. Giacometti seinerseits zeichnet seine Mutter am Ende ihres Lebens ganz intensiv. Der Kopf der alten Frau verschwindet fast im Dunkel, diese Zeichnung geht ebenso ans Herz wie Hodlers Valentine im Tod.

Auch in den Portraits der beiden Künstler finden sich Entsprechungen. Hodler fertigte im Laufe seines Lebens über 40 Selbstbildnisse an. Von Giacometti sind nur wenige vorhanden. Ausser in seiner Jugend, als er sich wohl selbst im Bild kennenzulernen versuchte, hat er seinen Bruder Diego immer wieder dargestellt. Die beiden haben in Paris eng zusammengearbeitet, dort war Diego wohl der engste Helfer seines Bruders.

Alberto Giacometti, Monte Forno, um 1923. Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm Privatbesitz © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich

Berge als malerisches Thema spielen sowohl bei Hodler als auch bei Giacometti eine Rolle. Doch ist die Museumsbesucherin überrascht, ein Bild des 22jährigen Giacometti zu sehen – es könnte auch von Hodler stammen. Hier versucht der junge Mann sich im Stile seines Vaters – beziehungsweise des Freundes seines Vaters. In seinen späteren Jahren verliert Giacometti das Interesse an expressiven Farben, seine Bergbilder sind in Blautönen gehalten oder Zeichnungen in verhaltenen Grautönen. Kein Vergleich zu den kraftvollen Berglandschaften, die Hodler geschaffen hat.

Ferdinand Hodler, Das Wetterhorn, um 1912. Öl auf Leinwand, 65 x 88,5 cm Kunst Museum Winterthur

Die Ausstellung in Winterthur ist nicht sehr umfangreich, überzeugt aber durch die ungewohnten Kontraste. Dem hundertjährigen Jubiläum angemessen, ist der Ferdinand Hodler gewidmete Teil etwas umfangreicher als die Auswahl von Giacomettis Werken.

«Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti. Eine Begegnung» im Kunstmuseum Winterthurbeim Stadthaus ist noch bis 19. August 2018 geöffnet.

Veranstaltungen

Francis Bacon und Alberto Giacometti sind zur Zeit gemeinsam in der Fondation Beyelerausgestellt.

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