FrontKolumnenGrosse Klappe, kleines Hirn, etwas Herz

Grosse Klappe, kleines Hirn, etwas Herz

Das Buch von Reimer Gronemeyer, das ich vor wenigen Tagen auf Seniorweb besprochen habe, regt offensichtlich zum Nachdenken an. Das entnehme ich einer Zuschrift.

Sie lautet: «Beim Lesen des Textes suchte ich nach einer Botschaft von Gronemeyer. Mir scheint, dass wir – Junge, Mittelalterliche, Alte – alle überfordert sind. Wir sind seit Jahrhunderten gleich gebaut – grosse Klappe, kleines Hirn, manchmal etwas Herz. Nur unser Umfeld hat sich enorm verändert. Tempo und Inhalt. Damit kommen wir nicht klar, das gestehen wir uns nicht ein. Die einen werden zornig, die anderen zynisch, gewalttätig, wieder andere depressiv oder ein Mix daraus. Wir sind alle potenziell Bremer Stadtmusikanten».

Dass sich überhaupt jemand meldete, freute mich ungemein. Und ich denke, auch der Buchautor hätte seine helle Freude an diesen Zeilen. Und könnte sich voll verstanden fühlen. Beim ersten Durchlesen musste ich dem Schreibenden zustimmen. Und fühlte mich trotzdem herausgefordert.

Aber was reizte denn meinen Widerspruchsgeist? Die Gleichstellung mit den Bremer Stadtmusikanten konnte es nicht sein. Denn im Märchen der Brüder Grimm treffen sie ja im Wald auf ein Räuberhaus. Sie vertreiben die Räuber und setzen sich an deren festliche Tafel. Und weiter lautet der Text: «Den vier Bremer Musikanten gefiel es aber so wohl darin, das sie nicht wieder heraus wollten.» Das ist ihnen ja wohl zu gönnen. Sie haben wirklich «etwas Besseres als den Tod» gefunden, dem sie sich durch ihre Flucht entzogen hatten.

Es stimmt, wir befinden uns in einem Umfeld, das sich rasant verändert. Und wir haben Mühe, uns immer und immer und immer wieder neu anzupassen. Ich kann mich erinnern, wie «verrückt» ich es fand, als der erste Mensch auf dem Mond landete. Ich besitze sogar ein wunderbares Buch «Der Heimatplanet», erschienen 1989, das Bilder der Erde enthält, die vom Mond aus aufgenommen wurden. Von Zeit zu Zeit betrachte ich diese Bilder andächtig.

Haben uns diese Expeditionen und Bilder dazu gebracht, unseren «Heimatplaneten» zu hegen und pflegen, zu schützen, ihm alle nur erdenkliche Sorge zukommen zu lassen?

Heute ist auch dieser Zweig der menschlichen Mobilität in unsere Vorstellungwelt integriert. Wenn ich mich recht erinnere, war in den Medien von Firmen in den USA zu lesen, die private Ausflüge ins All organisieren oder am Vorbereiten dieses neuen Geschäftszweiges sind. Und kürzlich waren Bilder eines «Monster-Flugzeuges» mit Namen «Stratolaunch» zu sehen, welches in Zukunft Satelliten ins Weltall schiessen soll. Bewegt das bei uns jemanden ausserhalb der Gruppe der Raumfahrtinteressierten?

Was ist unser aller Reaktion auf solche und ähnliche Nachrichten? Zorn, Zynismus, Depression oder alles zusammen, wie in der eingangs zitierten Zuschrift geäussert wird?

In meiner Generation führen wir viele Gespräche zu solchen Themen. Es sind unter anderem auch die naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, die uns bewegen. Wir erinnern uns an unsere Kindheit, als entsprechende Ideen ins Reich der Märchen verwiesen wurden.

Tatsache ist, dass wir gar nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen, dass viele dieser «Träume» nun Wirklichkeit geworden sind. Im Gegensatz zu anderen Träumen, wie demjenigen von Martin Luther King (1929-1968), der sich in seiner berühmten Rede von 1963 «I have a dream» wünschte, dass wir diese Wahrheit für selbstverständlich halten: «Dass alle Menschen gleich erschaffen sind».

Tatsache ist aber auch, dass wir nicht mehr mit Schreibfedern aus Metall schreiben, wie in der Primarschulzeit. Tatsache ist auch, dass unsere Lexika noch ihren angestammten Platz im Büchergestell einnehmen. Wir uns aber unsere Informationen mit der nötigen Sorgfalt aus dem Internet holen. Obwohl kürzlich irgendwo geäussert wurde, das Internet sei keine Bibliothek, sondern eine Deponie.

Und wie lautet die Schlussfolgerung aus all diesen Überlegungen? Wir passen uns an in unserem Verhalten, in unseren Fertigkeiten. Aber unsere Anpassung beunruhigt uns. Wir möchten Verantwortung für die Folgen unseres Handelns übernehmen, aber das gelingt uns nur teilweise.

Wie viele unserer Gespräche enden doch mit dem folgenden oder einem ähnlichen Satz: «Wir können die Welt nicht ändern». Zorn, Zynismus, Gewalttätigkeit oder Depression wollen wir uns nicht ergeben. Das Wohlbehagen der Bremer Stadtmusikanten in ihrer «splendid isolation» im Räuberhaus wird aber definitiv nie mehr unsere Grundbefindlichkeit sein. Dafür wissen wir heute zu viel!

Kevin W. Kelley, Hrsg.: «Der Heimatplanet», 1989 Deutsche Erstausgabe, in der Schweiz erhältlich über buch 2000, Postfach 89, 8910 Affoltern a.A.

ISBN 386 150 0299

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