Kultur

Harnoncourts Vermächtnis

„…es ging immer um Musik“, eine Rückschau in Gesprächen, gehört zum verbalen Vermächtnis des epochalen Musikers und bahnbrechenden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt.

Mit dem Monteverdi- und dem Mozart-Zyklus, in den 70er und 80er Jahren am Opernhaus Zürich gemeinsam mit dem Regisseur und Bühnenbildner Jean-Pierre Ponnelle und dem Kostümbildner Pet Halmen realisiert, leistete Nikolaus Harnoncourt einen herausragenden Beitrag zur Interpretationsgeschichte des Musiktheaters. Seine Verdienste um die Authentizität klassischer Werkwiedergabe und historisierender Aufführungspraxis prägten ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte, bis er 2016 86-jährig verstarb.

Es sind nicht nur die in die Hunderte gehenden packenden Einspielungen Alter Musik, die Zeugnis ablegen für den singulären Dammbruch, den Harnoncourt mit seinem unermüdlichen Quellenstudium und dem historischen Instrumentarium auslöste. Und es sind auch nicht nur die fesselnden Live-Aufnahmen von der Klassik bis in die Moderne, welche die Erinnerung an eine aussergewöhnliche musikalische Biographie wach halten.

Auch zahlreiche Publikation und Bücher bezeugen seine Bedeutung für die Musikwelt bis auf den heutigen Tag. Besonders aufschlussreich ist die im Residenz Verlag erschienene „Rückschau in Gesprächen“ mit dem Titelzitat „…es ging immer um Musik“. Es ist ein Kaleidoskop von Interviews mit einer Vielzahl von Journalisten und Fachleuten, dazu veröffentlichten Beiträgen und Reden Harnoncourts, herausgegeben von der Publizistin Johanna Fürstauer.

Dem umfassenden Kompendium mit über 300 Seiten anhand einer kurzen Würdigung beizukommen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Darum sei dem Verfasser erlaubt, das Vermächtnis mit einer Auswahl weniger Zitate in den Blickpunkt zu rücken.

„Wir alle brauchen die Musik; ohne sie können wir nicht leben.“ 

Die Verleihung des Erasmuspreises 1980 nahm der Musiker zum Anlass, „die Kunst im allgemeinen, vor allem aber die Musik als emotionellste aller Künste“, als lebensnotwendig für die Entfaltung moralischer und gesellschaftlicher Qualitäten zu erachten: „Die Frage nach Ursprung und Wesen der Kunst hat die Menschen zu allen Zeiten beschäftigt. Philosophen und Dichter, Wissenschaftler und Theologen haben ihre Vorstellungen dazu geäussert.“

Nikolaus Harnoncourt war zeitlebens ein leidenschaftlicher und tief besorgter Mahner: „Nicht selbstzufriedenes Geniessen, sondern lebenslange Arbeit ist notwendig, um auf die Frage nach dem Bleibenden in der Kunst antworten zu können.“ Im einleitenden Kapitel „Kunst berührt“ widmet er sich seinen Jugenderinnerungen, wie er vom Bruder seines Vaters, einem der Gründer des Museums of Modern Art (MoMA), zur bildenden Kunst hingeführt wurde. Wir erfahren dann, wie er von Rothko, Breughel und Piero della Francesca fasziniert war und was die Malerei in ihm auslöste.

„Musik entsteht überall, wo Menschen sind.“

Auf die Frage „Was ist Musik“, habe er ein Leben lang nachgedacht – und sei zu keinem Resultat gekommen: „Musik ist, wie jede Kunst, für mich ein unerklärbares Rätsel.“ Ist es etwas Übernatürliches? „Ich habe es einmal so formuliert: Die Kunst ist die Sprache des Unsagbaren. Sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.“

Zum Hinweis, dass in der Schweiz die Musikförderung seit kurzem sogar in der Verfassung festgeschrieben sei, sagt Harnoncourt: „Wissen Sie warum? Weil es heisst, wer Musik gut lernt, ist besser in Mathematik. Der Grund für das Musikmachen ist die Mathematik. Das finde ich wirklich schlimm!“

Widerstand gegen das Dritte Reich

Der 1929 geborene Nikolaus war adliger Abstammung. Es drohte ihm als 15-jähriger aber noch der Einzug in die NS-Armee, denn seine engere Heimatstadt Graz war eine Hochburg der Nazis und erhielt den ominösen Ehrentitel „Stadt der Volkserhebung“. Wer um seinen Widerstandsgeist seit früher Jugend aber weiss, wird sich nicht wundern, dass und wie sich der Heranwachsende der Einflussnahme entzogen hat. Es geht also im Rückblick um weit mehr als um Musik. Dass er auch ein gewiegter Holzschnitzer war und ein ganzes Puppentheater auf die Beine stellte, gehört zu den wenig bekannten Reminiszenzen.

Orchestra La Scintilla vor dem Opernhaus Zürich: An der Wiege stand Nikolaus Harnoncourt

Antipoden: Harnoncourt und Karajan

Dass Karajan den jungen Cellisten in seinem damaligen Orchester, den Wiener Symphonikern, willkommen hiess und er ihm später als Dirigent handkehrum spinnefeind war, weil er u.a. ein ganz anderes Bach-Verständnis entwickelte und ihm zunehmend in der Sonne stand, gehört mit zur Legendenbildung beider Koryphäen. So verwehrte Karajan ihm zu seinen Lebzeiten den Auftritt an den Salzburger Festspielen. Harnoncourts Buch von der „Musik als Klangrede“ kann auch als Schrift gegen Karajans eigene Vision von seiner mit Eitelkeit zelebrierten Aura verstanden werden. Einen grösseren Gegensatz zwischen dem von den Medien mit göttlichen Insignien geweihten Pultstar Karajan und der ostentativen Bescheidenheit Harnoncourts, der lebenslang und ausschliesslich im Dienste der Werktreue musizierte, kann man sich gar nicht vorstellen. Einerseits wirft ihm Karajan den Fehdehandschuh hin, anderseits würdigt Harnoncourt die Verdienste seines ehemaligen Chefs mit differenzierter Ehrerbietung.

Worin bestand denn eigentlich die wesentliche Differenz? Harnoncourt: „Ich war eher gegen das übliche Musikleben. Man geht abends ins Konzert, um sich von der Arbeit zu erholen und Schönheit zu trinken. Ich war der Meinung, dass die Musik absoluten Vorrang hat, dass sie Einblicke gibt, dass sie überhaupt nicht zur Erholung taugt, wenigstens nicht die Musik, die wir machen. Dass es der Sinn von Musik ist, den Menschen zu erschüttern und ihn zu verändern.“

Wann ist je ein Buch mit derart luziden Erkenntnissen eines bahnbrechenden musikalischen Erneuerers publik geworden? Es beglückt die Lesenden, die dem Jahrmarkt der Eitelkeiten mit Misstrauen begegnen, und erinnert mit Herzblut an ein künstlerisches Gewissen, das wir dankbar in Erinnerung bewahren.

Nikolaus Harnoncourt „…es ging immer um Musik“

Eine Rückschau in Gesprächen, herausgegeben von Johanna Fürstauer (Umschlagbild: Marco Borggreve), erschienen im Residenz Verlag, ISBN 978 3 7017 3343 9