FrontKulturDer "Anschluss" reloaded

Der «Anschluss» reloaded

Éric Vuillard beschreibt im Buch „Die Tagesordnung“ wie aus Finten und Drohungen Weltgeschichte werden konnte.

Ist es statthaft, nach der Lektüre eines neuen Buchs beglückt zu sein? Auch dann, wenn es die Machtübernahme der Nationalsozialisten erzählt, das Treffen Görings mit den grossindustriellen Patrons, das zum Wahlgewinn der Hitlerpartei massgeblich beitrug, den unfreiwilligen Besuch des österreichischen Kanzlers Kurt von Schuschnigg auf dem Berghof bei Hitler, den Abschiedslunch, den der britische Premier Neville Chamberlain für den vom Botschafter frisch zum Nazi-Aussenminister ernannten Joachim von Ribbentrop gab, den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich, den Verrat bei der Münchner Konferenz im Zeichen des Appeasements.

Wiens Gruss an den Führer nach der geschichtlichen Grosstat.
Als erste Stadt des Grossdeutschen Reiches war es der Haupstadt der Ostmark, Wien, beschieden, den Führer in ihren Mauern nach seiner geschichtlichen Grosstat zu sehen und ihn in einem unbeschreiblichen Begrüssungsjubel des Dankes der Ostmark zu versichern.
Unser Bild zeigt die Wagenkolonne des Führers bei der Einfahrt in die Wiener Innenstadt. Im Hintergrund links das Tegetthoff-Denkmal

Der «Anschluss» ist vollzogen: Hitlers Wagenkolonne am Praterstern in Wien. Foto: Bundesarchiv

Gewiss das alles steht in zahllosen Geschichtsbüchern, das Personal ist bekannt, aber so waren diese Geschichten noch nie zu lesen, so detailversessen und bösartig, so locker lässig und zugleich präzise bis zum Smalltalk beim Londoner Lunch. Diesen hat unter anderen Winston Churchill in seinen Tagebuchnotizen beigesteuert, die zu Éric Vuillards immensen Quellen gehörten. Jahrelang studierte er alle denkbaren Informationsträger, Filme, Fotos, Akten, Zeitungsberichte, Briefe, Zeitzeugen-Dokumente.

Sie sind jedem Historiker zugänglich, werden aber oft als weniger wichtig beiseitegelegt, ihre inneren Zusammenhänge übersehen. Aus diesen Informationen aus den Kulissen des gigantischen Schauspiels der Machtergreifung schöpft Vuillard, wenn er die bekannte Geschichte sprachgewaltig und kreativ neu erzählt, komplexe Faktenberge zu einem Film aus Wörtern ediert, der einen bis zur letzten Zeile nicht mehr los lässt. Die Lektüre der „Tagesordnung“ erfordert keine geistige Schwerarbeit auch kein Lexikonwissen, selbst wenn es nützlich sein kann, Fakten und Personen zu kennen. Im Gegenteil, das Buch liest sich wie ein spannender Roman, einer, der einen im innersten packt und zugleich bestens unterhält.

Münchner Konferenz am 29. September 1938. Von links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Ciano. Im Hintergrund (zwischen Führer und Duce) Ribbentrop und Weizsäcker, rechts Saint-John Perse. Foto: Bundesarchiv.

Wie nah das Tragische beim Lächerlichen liegt, wie Szenen einer Komödie in den Abgrund eines Kontinents führen, zeigt uns Vuillard umfassend auf nur 110 Seiten eines schlanken Buchs. Beispielsweise am 12. Februar 1938, als Kanzler Schuschnigg zu Hitler in den Berghof zitiert wird: „Als Skiläufer verkleidet trifft er am Bahnhof ein – das Alibi für seine Reise ist ein Wintersportaufenthalt. Und während man seine Skiausrüstung im Zug verstaut, wird in Wien rauschend gefeiert. Es ist Fasching; die fröhlichsten Daten überschneiden sich mit den finstersten Zusammenkünften der Geschichte.“

Eric Vuillard, Historiker, Filmemacher, engagierter Zeitgenosse. Foto: A. Savin, wikicommons

Vuillard hält sich an die Fakten, beschreibt Gespräche oder zitiert Reflexionen der Protagonisten, ohne zu interpretieren, aber er legt seinen Gedanken keine Zügel an, wenn er kommentiert. So bekommt das Buch eine Authentizität, die einen mitunter kalt den Rücken hinunterläuft. Beispielsweise wenn er die Szene mit den Krupps, von Opels, von Fincks vor unseren Augen Revue passieren lässt. Vierundzwanzig Patrons, die Crème der deutschen Grossindustrie hatte sich im Reichspräsidentenpalais am 20. Februar 1933 zu einem Geheimtreffen eingefunden, bei dem sie „mit Bestechnungs- und Schmiergeldern bestens vertraut“ zackig aufgefordert ihre ersten Zahlungen für das NS-Regime leisten – es geht um den Gewinn der absoluten Mehrheit bei den letzten freien Wahlen. Dazu verspricht Göring die Abschaffung der Gewerkschaften. Die groteske Szene wird nochmals erwähnt, Vuillard spricht von Kriegsgewinnlern und Zwangsarbeit und führt in die Gegenwart.

1933 hatte Gustav Krupp astronomische Summen gezahlt, 1958 im Zuge der Wiedergutmachung war sein Eingeständnis zu zahlen die perfekte Werbung, dann wurde die Summe je überlebenden Juden auf 500 Dollar reduziert: „Als sich noch mehr Deportierte medeten, liess der Konzern sie wissen, dass er leider zu weiteren freiwilligen Zahlungen nicht mehr in der Lage sei: Die Juden hätten ihn schon zu viel Geld gekostet.“ Die vierundzwanzig von damals waren nur Männer, aber sie haben Imperien hinterlassen, denen wir täglich begegnen, führt Vuillard ins Heute: „Sie sind unsere Autos, unsere Waschmaschinen, unsere Reinigungsmittel, unsere Radiowecker, unsere Hausversicherung und die Batterie in unserer Uhr.“

Gustav Krupp auf dem Buchcover Eric Vuillard, Die Tagesordnung. Matthes&Seitz Berlin 2018

Es ist die Lüge, der Hinterhalt, das Übertölpeln von zunächst verunsicherten Kontrahenten, Schauspielerei vor manipulierten Massen, während die Opposition radikal ausgemerzt wird, die Vuillard antreiben, sich mit dem nationalsozialistischen Zerstörungsregime zu befassen. Wie raffiniert die Hauptdarsteller sich ins beste Bild rückten, zeigt er überzeugend anhand der damaligen Medien, der gleichgeschalteten Presse, der manipulierten Wochenschauen, der raffiniert geplanten Telefonate fürs Archiv. Da sind wir gleich wieder im hier und jetzt, bei Fake News etc.

Vielleicht die verrückteste Groteske in dem so kurzen wie reichen Text von Vuillard ist der Einmarsch der deutschen Panzerarmee – ein klägliches Debakel an der Grenze, denn statt dass die unbesiegbare ihrem Ruf gerecht durchs Land rollte, gab es wegen Treibstoffmangels und Pannen an den Panzern nichts als einen Riesenstau am 12. März 1938. Der Anschluss war trotzdem vollzogen, die begeisterten Österreicher warteten geduldig auf Hitler.

In der Rezension der ZEIT von Éric Vuillards Tagesordnung heisst es lakonisch: „Wie viele Regalmeter wurden geschrieben, um das Geheimnis der Machtergreifung zu erklären? Ein kleines Buch aus Frankreich ist leichtsinnig genug, die Lösung des Rätsels in fünf Worten zusammenzufassen: «Die Welt gehorcht dem Bluff».“

Vor der Lektüre staunt man, dass ein dünnes Buch mit dem Sachtitel Die Tagesordnung mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Nach der Leküre ist es keine Frage mehr. Éric Vuillard, Jahrgang 1968, ist Historiker, Journalist und Filmemacher.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. 128 Seiten, EPUB. Originaltitel: L’Ordre du Jour (Französisch)
Übersetzung: Nicola Denis. Erschienen: 2018 ISBN: 978-3-95757-581-4 Preis: 13,99 €
Von dem Autor sind im Verlag Matthes&Seitz weitere Bücher auf deutsch erschienen.

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