Kultur

Monteverdis hinreissende „Poppea“

Die Begeisterung für Monteverdis letzte Oper „L’incoronazione di Poppea“ im Opernhaus Zürich war szenisch wie musikalisch einhellig, ein Gesamtkunstwerk erster Güte.

„Schönheit – Wahnsinn“ lautet das Motto der diesjährigen Festspiele Zürich, und treffender kann die Neuinszenierung dieses geschichtsträchtigen Musikdramas gar nicht betitelt werden. Das Jahr 1977 ging in die Annalen des Zürcher Opernhauses ein, denn was Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle in den 70er Jahren aus der Taufe hoben, war nichts weniger als die Wiederauferstehung des Barockzeitalters, die daraufhin weltweit eine Renaissance erlebte. 2004 waren es nochmals Harnoncourt und Jürgen Flimm, welche der „Poppea“ in Zürich eine neuzeitliche Deutung verliehen. Und nun also eine frenetisch bejubelte Neuinszenierung durch den kongenialen Regisseur Calixto Bieto und den Barockspezialisten Ottavio Dantone.

Oper Zürich – L’incoronazione di Poppea – 2018 – © Monika Rittershaus

„Die ganze Welt ist ein Laufsteg“ – und ein Selfie-Spiegel / Fotos © Monika Rittershaus

375 Jahre sind es her, seit der 75-jährige Monteverdi noch kurz vor seinem Tod den mythologischen Stoffen seines „Orfeo“ und seines „Ulisse“ die historisierende „Poppea“ in der noch immer brennend aktuellen Dichtung von Francesco Busenello folgen liess. Kaiser Nero, der schrankenlose, blutrünstige und egomanische Gewaltherrscher diente als Vorlage, seinen Lehrer Seneca in den Tod zu treiben, seine angetraute Gattin aus dem Weg zu schaffen, um die ebenso machtbesessene Poppea heiraten zu können. Diese dekadente, hedonistische Gesellschaft ist eigentlich deckungsgleich mit heutigen Potentaten, die über Leichen gehen. Statt „America first“ setzte sich damals einfach „Nero first“ über alle moralischen Schranken hinweg. Hemmungslose Sexualität und Niedertracht sind der Freibrief zur Macht. Nero-Zitat: „Mich kümmert weder der Senat noch das Volk! Ich reisse dem die Zunge heraus, der mich tadelt.“

Regie und Ausstatterinnen (Bühnenbild: Rebecca Ringst, Video-Design: Sarah Derendinger, Kostüme: Ingo Krügler) wählen einen illuminierten, konzentrisch um das Orchester angelegten Laufsteg und eine Mittelachse auf die Bühne, beidseits von Zuschauern flankiert. Das schafft eine Unmittelbarkeit und Theatralik, die ungemein fesselt und einen physisch wie psychisch herausfordert. Die seitlichen Logen flankieren die Bühne mit monumentalen Bildschirmen, die jeden Moment des Geschehens mit Kameras festhalten: Die Selfie-Welt ist allgegenwärtig. Sex and Crime flimmern unablässig und reizen unsere Gehirnwinden. Jean-Pierre Ponnelle hätte seine Freude daran, denn Calixto Bieito bringt den gleichen verspielt-verstörenden, hautnahen Charme in die heiligen Hallen (wenn auch weniger romantisch) wie der Grossmeister anno dazumal.

Oper Zürich – L’incoronazione di Poppea – 2018 – © Monika Rittershaus

Poppea (Julie Fuchs) und Nerone (David Hansen) erliegen dem Machtrausch

Und was soll man zur Musik sagen? Ottavio Dantone muss sich entscheiden, aus den spärlichen Vorlagen zweier Abschriften eine Besetzung zu finden, welche den Raumverhältnissen des Hauses optimal entspricht. Das Resultat des seit Harnoncourt erprobten Orchestra La Scintilla mit ihm am Cembalo ist mit keinem Superlativ zu übertreffen: Musiziert wird schlichtweg magisch. Und die Sängerschar, die kaum je direkten Blickkontakt hat zum Dirigenten, setzt das Konzept mit betörender, traumwandlerischer Sicherheit um. Es sind prägende Herzmomente, die man nach gut drei Stunden, wie von Sinnen betrunken, verlässt. Hingehen, liebe Musikfreude, auch ein zweites Mal, denn Ohren und Augen haben kaum Gelegenheit, alles in sich aufzunehmen, was dieses Gesamtkunstwerk zu bieten hat. Es ist ein neuer Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte Monteverdis.

Das Opernhaus Zürich bäckt aus finanziellen Gründen hin und wieder auch kleinere Brötchen, aber wenn es aus Prestigegründen darauf ankommt, darf es auch einmal eine Hochzeitstorte sein. Es ist wohl eine budget-sprengende Besetzung, dafür stimmt einfach alles, jede kleinste Rolle ist untadelig in ein absolut stimmiges Ganzes eingemittet. Sie alle zu nennen, sprengt leider den zur Verfügung stehenden Platz einer Rezension.

Oper Zürich – L’incoronazione di Poppea – 2018 – © Monika Rittershaus

Seneca (Nahuel Di Pierro): Wiedergeburt mit Engelsflügeln

Es ist sowieso ungerecht, nur die Konzertgeigerin der ersten Scintilla-Stunde, Ada Pesch, und das Continuo und die einzelnen Orchestermitglieder nicht zu nennen. Aber online unter „poppea opernhaus zürich“ und im Einlageblatt des sehr lesenswerten Programmhefts sind alle aufgeführt.

Aber einige Namen müssen einfach sein. 2004 sang der Tenor Jonas Kaufmann (anstatt des damals üblichen Kastraten) den Nerone, nun singt der mit höchsten Höhen begabte Countertenor, David Hansen, die Herrscherrolle. Und besser ist die ekzessive Verstiegenheit und Selbstbeweihräucherung des Egomanen gar nicht zu besetzen. Die Titelpartie singt die inzwischen hochschwangere Julie Fuchs, und man bangt gar etwas um ihre Gesundheit angesichts ihrer restlosen Hingabe. Stéphanie d’Oustrac interpretiert Ottavia, die verstossene Gattin Nerones, ungemein fesselnd und hoch musikalisch. Nicht minder die androgyne Delphine Galou in der Hosenrolle Ottones, eigentlich mit Drusilla verbandelt, darstellerisch und stimmlich eine Idealbesetzung. Unbedingt Erwähnung finden müssen Nahuel Di Pierro, der den Seneca mit betörend kultivierter Strahlkraft versieht, Deanne Breiwick als quirrlig auftrumpfende Drusilla und Emiliano Gonzalez Toro mit tenoralem Schliff als Arnalta. Wer von einem Gesamtkunstwerk träumt, hier ist es Realität geworden.

Weitere Vorstellungen: Juni 27, 30, Juli 3, 5, 8, 12