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Negativ kreativ

Manchmal denke ich, man sollte sich einfach an die linguistischen Holperer und den «kreativen» Umgang mit der Sprache in den Medien gewöhnen. Aufregen nützt eh nichts.

Unpassende, missverständliche und falsche Begriffe treten fast inflationär auf – und niemand kümmerts. Vielleicht, weil in den Redaktionen die Beiträge der Andern nicht gelesen werden. Oder weil Tempo immer mehr vor Qualität kommt. Und morgen ohnehin eine neue Zeitung erscheint.

Da soll eine Frau, so steht es im Bericht über einen Unfall, ein Auto in eine Lücke gestikuliert haben. Ist rein von der Sache her korrekt. Die Frau machte Gesten. Und trotzdem ist die Formulierung falsch – Stichwort sorgfältiger Umgang mit der Sprache. Sie weist ein, oder winkt, oder gibt dem Fahrer Zeichen.

Es soll Beweise geben, die als Weglampen fungieren. «Lampet» da etwas aus einem Beweis weg oder wird ein solcher etwas erhellt? Dann könnten Beweise ja auch als Laternen, Scheinwerfer, Kerzlein – oder sparsamer – als LED-Lämpchen bezeichnet werden. Wetten, diesen Text hat keine Leuchte geschrieben?

Dasselbe gilt für den Bericht über die Gäste, die sich anstummen. Jeder versteht, was gemeint ist – falsch ist es trotzdem. Wer nicht redet, ist stumm. Wenn aber zwei nicht miteinander reden, stummen sie nicht, sie schweigen. Wer blind ist, der blindet schliesslich auch nicht.

Noch mehr Zwischenmenschliches? Ein an irgendeinem Konflikt Beteiligter betont, er stehe den Vorwürfen nicht gegenüber. Also: Sie gehen ihn nichts an, betreffen ihn nicht. Oder wer ist schon mal Vorwürfen, Dritte betreffend, gegenübergestanden?

Ein Chefredaktor sitzt in seinem getäfelten Büro. Es gibt Tafeln, angebracht an den Hauswänden etwa oder im Verkehr. Und es gibt Täfeli. Die sind kleiner. «Betreten verboten» steht vielleicht drauf, oder sie können aus Zucker oder Schokolade sein. All das eignet sich schlecht für Bürowände. Dort findet sich aber vielleicht Täfer. Dann sind die Wände – jetzt aufgepasst – nicht getäfelt, sondern getäfert. Nur: Wer will denn wegen eines einzigen Buchstabens ein Büro aufmachen!

Manchmal sind nicht nur sprachliche Sünden sondern auch Denkfehler ein Ärgernis. Wenn zum Beispiel die Casinodichte in der Schweiz weltweit die höchste sein soll – gleich nach Macau und Monaco. Und die liegen ja bekanntlich auf dem Mond, oder was? Oder ist Platz drei auch Platz eins, wenns um die Schweiz geht? Könnte bei der WM in Russland hilfreich sein.

Wer volkloristische Ansichten hegt, liegt dagegen, so überlegungsmässig, genau richtig. Es sind Ansichten, die das Volk mehrheitlich teilt. Was soll daran falsch sein? Wenns doch so in der Zeitung steht! Wie auch die Erinnerung an die ersten Sonnenschirme auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Die währten nämlich nur fünf Tage. Dann wurden sie fortgewährt, äh, geweht.

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