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Basar der Ideen

Die schweizerische Internetmorgenzeitung «Republik» schrieb kürzlich über Ideen. Ich fühlte mich angesprochen. Ich habe auch immer zu viele davon.

Die Internetzeitung «Republik» erscheint am frühen Morgen auf dem Bildschirm. So weit so gut, besonders für Menschen, die zur Arbeit hasten müssen. Für mich kommt sie zu früh. Ich nehme ein Auge voll und bin von der Ernsthaftigkeit der Themen und der Komplexität der Ausführungen sofort überfordert. Klicke sie deshalb zur Seite. Damit ich mich später in Ruhe damit befassen könnte. Das geschieht aber selten.

Als ich aber vor einigen Tagen mit noch etwas Schlaf in den Augen las, dass die Redaktion der Republik ausgebauten Copyright-Gesetzen skeptisch gegenüber stehe, war ich sofort hellwach.

Ist da etwas im Tun und ich habe es übersehen, fragte ich mich? Auf nationaler, europäischer oder internationaler Ebene? Prompt fand ich eine Medienmitteilung der Rechtskommission des Nationalrates vom 18. Mai 2018. Sie hatte Anhörungen zur Botschaft des Bundesrates über eine Änderung des Urheberrechtsgesetzes durchgeführt. Die Eintretensdebatte und die Detailberatung werden im Verlaufe des Jahres folgen. War das der aktuelle Bezug der Republik-Redaktion?

Aufmerksam geworden durch meine Internetrecherchen fing ich mit dem Lesen der Zeilen nochmals von vorne an. Und musste lachen. Ich war ihnen auf den Leim gegangen. Das Wort «skeptisch» hatte mich sofort auf den Pfad der Ernsthaftigkeit geführt. So war es aber gar nicht gemeint, im Gegenteil.

Das hielt mich nicht davon ab, mich mit diesen skeptischen Einwänden auseinander zu setzen. Sie waren eine echte Herausforderung!

Punkt eins lautete, Ideen seien überschätzt. An einem langen Tag produziere man nämlich erstaunlich viele. Da kann ich nur zustimmen. Ich habe auch immer zu viele Ideen und zu wenig Mitmenschen, die mir diese abnehmen und umsetzen. Ein Beispiel: Vor bald fünfzig Jahren wurden in unserem Lande in einer denkwürdigen Volksabstimmung auch den Frauen die politischen Rechte zugestanden. Meine Idee ist, dass jemand die Anpassungsleistung der Männer in der Zeit von 1971 bis heute untersucht und würdigt. Die war und ist nämlich nicht klein.

Das kann ich aber erzählen, wo und wem ich will, ein Echo bekomme ich nicht. Bei den meisten hapert es schon am Verständnis. Was soll denn das, fragen sie. Andere finden meine Überlegungen «kein Thema». Vermutlich zu wenig sexy!

Ein lieber Kollege, zehn Jahre jünger als ich, schaute mich zuerst etwas erstaunt an. Und sagte dann: «Ja, wenn ich meinen Sohn und meinen Schwiegersohn betrachte, wie die mit ihrer Familie umgehen, muss ich Dir recht geben. Das ist ganz anders als ich es erlebt und auch selbst praktiziert habe!». Aber dass diese Veränderungen einer näheren Betrachtung wert wären, zog auch er, Sozialwissenschaftler von Beruf, nicht in Betracht!

In Punkt zwei stand in der Republik, wenn Ideen zu rigide geschützt würden, würde echte Zustimmung strafbar. Denn «wirklich überzeugte machen ein Plagiat». Es wurde ein Zitat von Oscar Wilde genannt, der gesagt haben soll: «Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung».

Schon begann ich Schreckensszenarien zu entwerfen. In Zukunft werden Algorithmen alle Texte nach Plagiaten absuchen. Und ich werde gegen mich selbst prozessieren müssen. Weil ich eigene, jahrzehntealte Ideen, wieder aufgenommen und neu bearbeitet habe, ohne Quellenangabe. Der Algorithmus weiss ja nicht, dass ich mit mir selbst identisch bin. Wie sollte er auch? Und Plagiat ist Plagiat!

Das tönt absurd. Aber wenn ich mir die Geschichte mit Facebook und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung durch den Kopf gehen lasse, ist die Überlegung so absurd auch wieder nicht. Eine Zeitung aus Texas hatte im Vorlauf zum Unabhängigkeitstag vom 4. Juli 18 die Unabhängigkeitserklärung in Abschnitten bei Facebook veröffentlicht. Ein Abschnitt erschien nicht, und von Facebook kam die Mitteilung, er verstosse gegen die Regeln zur Hassrede.

Die Zeitung räumte ein, dass der fragliche Abschnitt einiges enthalte, was als Hassrede eingestuft werden könne. Einen Tag später erklärte Facebook die Intervention als Fehler und gab auch den inkriminierten Abschnitt frei. Er enthielt Ausführungen über «gnadenlose Indianer-Wilde und deren Art der Kriegsführung …», und war aus dem historischen Kontext zu verstehen. Aber Facebook ist nicht historisch gebildet. Da geht es zwar nicht um ein Plagiat, aber um die «Macht» der Algorithmen. Wer wird sie in Zukunft bändigen?

Punkt drei gegen zu sehr ausgebaute Copyright-Gesetze lautete: «Sowohl in der Wissenschaft wie in der Kunst gilt: Wirkung hat nur, was möglichst oft zitiert wird. Bei Licht besehen ist Kultur nichts anderes als eine Kette von geistigen Diebstählen».

Dieser zweite Satz verkürzt und vereinfacht so raffiniert eine ganze Kette von Gedankengängen, dass ich ihm im Augenblick auf ebenso knappem Raum nichts entgegen zu halten wusste. Ich war sozusagen sprachlos.

Und rettete mich virtuell in die ebenso bewährte wie nichtssagende und langweilige Standardformel: «So kann man diese Sache auch betrachten!»

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