FrontKulturDauer-Staccato zum Auftakt

Dauer-Staccato zum Auftakt

Zum 39. Mal findet auf der Zürcher Landiwiese ein Kulturfest der besonderen Art statt: das Zürcher Theater Spektakel unter neuer künstlerischer Leitung.

Das Zürcher Theater Spektakel ist heute eines der wichtigsten europäischen Festivals für zeitgenössische Formen der darstellenden Künste. Für das diesjährige Programm zeichnet erstmals Matthias von Hartz verantwortlich. Geboten wird wiederum eine vielfältige, spannungsreiche Palette an Theater-, Musik- und Tanzaufführungen aus unterschiedlichen Weltregionen. Zentrale Themen sind Migration, Postkolonialismus und Globalisierung.

Das diesjährige Spektakel präsentiert auf der Zürcher Landiwiese bis zum 2. September insgesamt 31 ausländische und 5 Schweizer Produktionen in mehr als 150 Vorstellungen auf zwölf Bühnen. Neu findet täglich abends ein Stammtisch mit Gastgebern statt, an dem über die Themen der Zeit und des Festivals diskutiert werden kann. Und neu kann man mit dem Kauf einer sogenannten Solikarte jemand anderem mit geringem Einkommen ein Ticket oder Getränk auf der Landiwiese ermöglichen. Und wie immer lädt das Theater Spektakel auf der Landiwiese mit ihren Strassenkünstlern sowie zahlreichen Restaurants und Bars auch ohne Theaterbesuch zum Verweilen ein.

«Wir Polen sind nur Menschen»

Am Eröffnungstag bei schönstem Sommerwetter besuchten wir zwei Vorstellungen aus Polen und Brasilien, die für die inhaltliche Qualität der Programmierung sprechen: «Hymne an die Liebe» von Marta Górnicka in der Werft und «Inoah» von Bruno Beltrão & Grupo de Rua auf der Seebühne. Eine Theater- und eine Tanzaufführung, die zwischen den Genres arbeiten und herausragend inszeniert sind.

Gemeinschaft im Marsch gegen alle, die fremd sind: Ausschnitt aus «Hymne an die Liebe».

«Hymne an die Liebe» ist eine assoziative chorische Collage, die unter die Haut geht. Es ist eine Art bunt gemischter polnischer Wutbürgerchor, der stampfend und geifernd vorgibt, das europäische Abendland gegen alles Fremde zu verteidigen. «Wir Polen sind nur Menschen», skandiert der über 20köpfige Chor. Eine Bekundung, an der es erst mal wenig auszusetzen gibt. Das Unbehagen wächst allerdings, als die Stimmen auf der Bühne sich ins Crescendo steigern und zu überlappen beginnen. Mehr und mehr zeigt hier eine Wegbeisser-Gesellschaft ihre Fratze, um sich nach innen und aussen abzuschotten. Gegen alle, die zu fremd scheinen, um polnisch zu sein: «Allen überflüssigen Völkern sagen wir: bye!». So etwas hat jetzt wieder Konjunktur, nicht nur in Polen.

Górnicka, die das Libretto für ihren Chor schrieb und die Performance live aus dem Publikum dirigiert, bezeichnet ihre «Hymne an die Liebe» als monströses «Völkisches Liederbuch» aus unterschiedlichen Versionen der Nationalhymne, von Märschen, patriotischen, völkischen und nationalistischen Liedern. Diese «Hymne an die Liebe» ist nicht sonderlich subtil, aber das Dauer-Staccato der Performerinnen und Performer brennt sich nachdrücklich in die Gehörgänge ein. Das Staunenswerte ist, wie es der Theatermacherin gelingt, ihren vielköpfigen Klangkörper mit viel präziser Bewegung, Nuancenreichtum und Fokusmomenten auszustatten und neuralgische Punkte der Gegenwart anzuprangern, ohne je plakativ aufzutrumpfen. Höchste Kunst. Dafür gabs am Premierenabend Standing Ovations.

Ungeheure körperliche Präsenz

Bruno Beltrão ist bekannt für seine tänzerische Dekonstruktion des Hip-Hop: Seine kraftvollen Choreografien verbinden Street, Breakdance und Hip-Hop mit zeitgenössischem Tanz. In «Inoah» bezieht er Position zur aktuellen politischen Situation in seinem Heimatland Brasilien. Vor dem Hintergrund der Korruptionsskandale habe ihn die Frage beschäftigt, so Bruno Beltrão, wie wir mit unserer Umgebung verbunden und durch ihre Geschehnisse und Ideologien geprägt sind.

Sturm aus Sprüngen, Headspins und Saltos: Ausschnitt aus «Inoah». (Fotos: Zürcher Theater Spektaktel)

Zehn Tänzer seiner Kompanie Grupo de Rua verhandeln diese Wechselwirkungen auf der Seebühne in pulsierenden Begegnungen zwischen Aggression und Ausschweifung, Konfrontation und Gemeinsamkeit. Zögernd tasten sie durch das Dunkel, bis plötzlich ein Sturm aus Sprüngen, Headspins und Saltos losbricht. Wie Bälle durchspringen sie den Raum, nähern sich einander an, verkeilen sich ineinander, um sich sofort wieder voneinander zu entfernen. Förmlich spürbar ist die pulsierende Energie und die ungeheure körperliche Präsenz der Tänzer, ihre Virtuosität, ihre Sprungkraft. Da werden Spannungszustände von grosser Wucht aufgebaut und wieder abgebaut. Getanzt wird überwiegend in einem dunklen Bühnensetting, die Tanzeinlagen mit monotoner Musik untermalt. Geboten wird eine intensive Choreografie, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch dafür gabs am ersten Abend langanhaltenden Applaus.

Mehr unter www.theaterspektakel.ch

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