Kultur

Prinzessinnen, Krähen und arme Leute

Alte Geschichten aus Burma, die das Herz berühren, gesammelt vom einem Kenner des südostasiatischen Raumes.

Nach vielen Reisen und mehreren Romanen über Südostasien legt Jan-Philipp Sendker gemeinsam mit Lorie Karnath und Jonathan Sendker nun ein Buch mit Märchen und Fabeln aus Burma vor. Im Nachwort erzählt er, wie ihm ein alter Freund in Burma auf die Frage nach etwas Charakteristischem über das Land zum Abschied drei alte, angestaubte Bücher schenkte. „Märchenbücher“, wunderte sich Sendker. „Ja“, erwiderte sein Freund, „Märchen erzählen sehr viel über ein Land und seine Menschen, ihre Kultur, ihre Werte.“

Deshalb erfahren wir in Das Geheimnis des alten Mönches nichts über das moderne Burma, nichts über die westlichen Einflüsse wie Fast Food und Handy-Abhängigkeit, sondern über die Menschen, die heute schnell ins Landesinnere fliegen, früher aber zu Fuss über Land gingen – in ihrem Inneren sind sie immer noch die gleichen. „Der Wandel des 21. Jahrhunderts berühre noch lange nicht die alten Wurzeln der Kultur, Facebook hin oder her“, zitiert Sendker seinen Freund. – Und so erschliesst uns diese Sammlung schöner, amüsanter, trauriger und witziger Geschichten die Gefühle und das Leben der einfachen Menschen, fast besser als eine Reise in dieses Land, das ja in letzter Zeit durch die Flucht der Rohingya in die Schlagzeilen geriet. Von diesem Volk lesen wir nichts, wohl aber davon, dass in Burma viele verschiedene Volksstämme leben, die bis zur Kolonialherrschaft der Engländer von vielen kleinen Königen regiert wurden.

Wie überall in Märchen spielt auch in diesen das Unerklärliche, das Magische eine wichtige Rolle. Es gibt Geister, die in Bäumen leben und von den Vorübergehenden mit Respekt beachtet werden. Solche Naturwesen heissen in Burma Nats, sie beschützen zumeist Häuser, Flüsse, Pagoden, und es empfiehlt sich, ihnen Opfergaben zu bringen. Natürlich kann einem, wenn man vom Unglück verfolgt ist, auch ein böser Nat begegnen. Ausserdem glauben die Menschen an Nagas, Erd- und Wasserwesen, die manchmal als faszinierende Menschen erscheinen. Astrologen haben grossen Einfluss, aber es gibt auch Skeptiker, die manchen Astrologen misstrauen. Im Vorwort erzählt Sendker, wie er aus Neugier mit einem Freund einen Astrologen aufsuchte und von dessen Aussagen verblüfft war.

Immer wieder werden wir überrascht vom Witz und der Raffinesse der Figuren, so findet zum Beispiel in der ersten Geschichte ein Hase eine ganz einfache Lösung in einem Streit zwischen einem kleinen Jungen und einem Tiger. Berührend ist die Erzählung über die weisse Krähe und einen mit Pflichten überhäuften Prinzen, in der wir erfahren, wie es dazu kam, dass Krähen schwarze Federn haben und nicht wie früher strahlend weisse. Wie in vielen Geschichten kommt dabei auch ein kostbarer Rubinring vor. In Burma findet man bekanntlich viele Edelsteine, so verwundert es nicht, dass diese auch in den Märchen oft den Verlauf der Handlung entscheidend beeinflussen.

Märchen handeln von den grundlegenden menschlichen Schwächen: Habsucht, Dummheit, Angst oder der Sehnsucht nach Glück. Das finden wir auch in der Geschichte über zwei fahrende Händler, der eine ein Schlitzohr, der andere ehrlich. Es ist ein Spass zu lesen, wie der eine durch seine Gier den Kürzeren zieht.

Auch die Mönche haben nicht alle einen guten Ruf, in diesem Falle vertrauten die Dorfbewohner ihrem eigenen Mönch und liessen sich nicht von denen beeindrucken, die der König in Zeiten von Zwietracht ausgesandt hatte, um zu prüfen, ob die Menschen noch den Lehren des Buddha folgten. Natürlich gelingt es dem Dorfvorsteher, den Mönch aus der Hauptstadt auf listige Art ratlos stehen zu lassen. Diese und viele anderen Geschichten sind nur zwei oder drei Seiten lang.

Zu den längeren Märchen gehört die Geschichte eines jungen Mannes, der zwar körperlich stark und eine rasche Auffassungsgabe besass, aber unbegabt für schulisches Lernen. Der Lehrer schätzte ihn allerdings sehr und gab ihm drei Ratschläge mit auf den Weg: „Nur wer sich auf die Reise begibt, erreicht sein Ziel. Nur wer Fragen stellt, erhält Antworten. Wer weniger schläft, hat mehr vom Leben.“ – Der Junge hält sich an diese Weisheiten und findet sein Glück.

Jan-Philipp Sendker, 1960 in Hamburg geboren, war viele Jahre Amerika- und Asienkorrespondent der Illustrierten Stern. Nach seinen langjährigen Auslandsaufenthalten kehrte er im Jahr 2000 nach Deutschland zurück. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam. Damals erschien seine sehr beachtete Porträtsammlung Risse in der Großen Mauer. Sein Roman Das Herzenhören (2002) wurde ein Bestseller, dem noch einige weitere folgten, die alle in Asien spielen. Seine Bücher sind in mehr als 35 Sprachen übersetzt.

Der Autor ist wohl ein echter Büchernarr, in Burma freundet er sich mit Buchhändlern, Antiquaren und auch mit einem Restaurator an, der alte Bücher vor dem Verfall bewahrt. Zum Schluss eines Besuches bei ihm schenkt dieser seinem europäischen Gast ein Buch aus dem Jahr 1902. Sendker bedankt sich und bemerkt respektlos, das Buch sei ja schon ein bisschen alt. Der alte Burmese antwortet: „Das stimmt, aber die Seele eines Volkes ändert sich nicht so schnell.“ Das gibt den Geist dieser Sammlung treffend wieder.

Geschichten, die das Herz berühren – gesammelt und erzählt von Jan-Philipp Sendker gemeinsam mit Lorie Karnath und Jonathan Sendker. Blessing Verlag 2017. 287 Seiten. ISBN: 978-3-89667-581-1. Auch als E-Book und als Hörbuch erhältlich.