Gesellschaft

„Schatten der Reformation“

Das Zürcher Stadthaus beherbergt im Rahmen des Reformations-Jubiläums bis 2. März 2019 eine klug konzipierte Ausstellung, die Licht und auch Schatten nachgeht.

„Verfolgt, verdrängt, vergessen?“ ist das von Peter Niederhäuser herausgegebene und im Chronos-Verlag erschienene Buch übertitelt. Es beinhaltet eine Fülle von wichtigen Kapiteln zur Reformationsgeschichte, verfasst von Theologen und HistorikerInnen. Da die Platzverhältnisse im Stadthaus auf den 3. Stock beschränkt sind, liefert der erhellend illustrierte Buchband neben der Ausstelllung eine breite Palette an wichtigen historischen Fakten und aktuellen Fragestellungen.

Auffällig ist, wie sachlich und unverkrampft die Publikation den mustergültig thematisierten Abriss im Stadthaus ergänzt und ausweitet. Dazu zählte auch die Eröffnungsrede von Stadtpräsidentin Corine Mauch. Zitat: „Bipolarität, Widerstreit und Gegensätze prägen die Zeit der Reformation und das Geschehen während der Wirkungszeit von Huldrych Zwingli. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung zwischen dem Bischof von Konstanz und Zwingli mit seinen Mitstreitern oder mit den Täufern aus theologischer Sicht. – Unsere Ausstellung  stellt Sachverhalte, die im Buch wissenschaftlich aufgearbeitet sind, kurz, prägnant und fassbar dar.“

Maja Ingold, verdiente Präsidentin des Vereins „Schatten der Reformation“, benennt mit Blick auf die Herausforderungen der Moderne ihr Anliegen: „Es steht unserer Zeit gut an, im Rahmen des Jubiläums nicht nur an die bekannten Protagonisten des Umbruchs zu erinnern, sondern uns bewusst zu werden, dass der Siegeszug der Reformation gleichzeitig Personen und Gruppen in den Schatten stellte, die damals oder auch später verfolgt, verdrängt oder einfach vergessen wurden.“

Stadthaus Zürich, 3. Stock: Ausstellung zu 500 Jahre Reformation

Von besonderem Interesse ist auch der Beitrag von Irene Gysel, langjährige „Wort zum Sonntag“-Sprecherin, zum Kapitel „Frauen und die Reformation“. Unter „Schattenzeit“ vermerkt sie: „Auf die Reformation folgte für Frauen eine finstere Zeit. Etwas zugespitzt gesagt, waren das 16. und 17. Jahrhundert für die Frauen die schlimmsten zwei Jahrhunderte in der europäischen Geschichte.“

Wegweisend für Zürich ist das Beispiel der Äbtissin des Fraumünsterstifts, Katharina von Zimmern, welche die Abtei in weiser Voraussicht der Stadt übergab. Sie wolle damit nach bestem Gewissen vor Gott und ohne Einfluss von aussen eine blutige Auseinandersetzung vermeiden.

Ein aktueller Verweis zu „Parallelen zu heute – eine zweite Reformation?“ sei noch aufgeführt: „Die Parallelen der Zeit vor 500 Jahren sind frappant. Da ist die plötzliche Zugänglichkeit und Verbreitung von Wissen durch ein neues Medium, damals durch den Buchdruck, heute durch das Internet“.

Katharina von Zimmern, Äbtissin des Fraumünsterstsifts / Bild © Gregory Gilbert-Lodge

Pfarrer Ueli Greminger zitiert in seinem Beitrag Hugo Loetschers Horizonterweiterung mittels Umkehr „über die Brücke zur Herkunft“, die er seinem letzten Buch „War meine Zeit meine Zeit“ entnimmt: „Ich verstehe das Bild so: Der moderne Mensch hat in religiöser Hinsicht die Seite gewechselt und dabei seine Herkunft abgestreift. Er schämt sich des dürftigen Restes von Religion, den er noch hat. Aber es gibt Momente, wo er die seelische Verankerung in der Religion vermisst.“

Es geht explizit nicht um eine Beweihräucherung von Zwinglis reformerischem Tatendrang, sondern primär um die Aktualität der Reformation, ihre spürbaren Nachwirkungen und gesellschaftlichen Prägungen im heutigen Zürich.

Eine Vielzahl von Rahmenveranstaltungen, Vorträgen und Vorlesungen ergänzen und erweitern die folgenreiche Thematik.

Öffentliche kostenlose Führungen, jeweils von 18-19 Uhr:

  • 25.10., 13.11., 4.12.18 und 17.1., 28.2.19

Volkshochschule Zürich: Die dunkle Seite der Reformation

29.11., 6.12., 19.30 Uhr / 13.12. 2018, 17.45 mit Führung Stadthaus

Im Rahmen des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation werden viele moderne Errungenschaften auf diesen Umbruch zurückgeführt. Der Vortragskurs untersucht, inwiefern diese tatsächlich eine uneingeschränkte Erfolgsgeschichte war und wie «tolerant » und «freiheitlich» die Reformatoren waren.

Der Vortragskurs zur Ausstellung «Schatten der Reformation » erinnert an Personen und Strukturen in Zürich, die Teil sind der grossen Geschichte, oft aber vergessen oder verdrängt wurden.

Weitere Veranstaltungen:

siehe  www.stadt-zuerich.ch/ausstellungwww.staatsarchiv.zh.ch, www.filmpodium.chhttp://reformiert.info und www.st-peter-zh.ch

Buchpublikation: „Schatten der Reformation“, Hg. Peter Niederhäuser, Chronos Verlag Zürich, ISBN 978-3-0340-1445-8