FrontKulturHöllisches Spiel um den Erhalt der Erde

Höllisches Spiel um den Erhalt der Erde

Grossartiges Familientheater: Christina Rast inszeniert «Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch» nach Michael Ende am Schauspielhaus Zürich.

Es ist fünf Uhr am Silvester-Nachmittag. Beelzebub Irrwitzer – Mitglied des Zauberrats und mit dem Teufel im Bunde – erhält unangemeldeten Besuch. Herr Made kommt im Auftrag des Leibhaftigen höchstpersönlich. Mit unbestechlicher Buchhalterseele erinnert er den Schwarzmagier an dessen Versäumnisse im laufenden Jahr: Irrwitzer hat vertragliche Verpflichtungen. Darunter Tierarten ausrotten, Flüsse vergiften, Bäume vernichten oder auch das Weltklima manipulieren. Doch Irrwitzer ist im Soll geblieben. Nun droht höllische Pfändung. Irrwitzer muss sich nun mit seiner ungeliebten Tante zusammentun, der Geldhexe Tyrannia Vamperl: Für beide gibt es nur eine Möglichkeit, den Rückstand an Zerstörung noch vor Mitternacht aufzuholen: den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, weil dieser alle guten Wünsche in böse verwandelt. Aber natürlich haben die bösen Mächte auch Gegenspieler: Jakob und Maurizio, einen räudigen Raben und einen Strassenkater. Die beiden gegen viele Klischees erdachten Antipoden sind Spione des hohen Rates der Tiere. Denn auf die Menschen ist bekanntermassen kein Verlass im Kampf um den Erhalt der Erde.

Meisterliche Unterhaltung mit Tiefgang

Michael Ende hat mit diesem Buch, seinem letzten Roman, für Jung und Alt ein wirklich witziges Werk geschaffen. Und das trotz oder gerade wegen der kreativ verpackten Kritik am Machtstreben der Mächtigen und dem Raubbau an der Natur. Regisseurin Christina Rast hat daraus einen grandiosen Theaterabend auf der Pfauenbühne gestaltet, ein Meisterstück der Unterhaltung mit Tiefgang. Die Schauspieler liefern die ganze Bandbreite ihres schauspielerischen und komischen Könnens. Heiterer und aufmüpfiger ist selten zum Ausdruck gebracht worden, was Märchen für kleine und grosse Zuschauer so kostbar macht. Dafür gabs am Premierenabend tosenden Applaus.

Der von Franziska Rast, der Schwester der Regisseurin, genial gestaltete Bühnenraum besticht durch eine schauerlich-gespenstische Atmosphäre, die nichts Gutes ahnen lässt. Der Zauberer Irrwitzer haust in einer heruntergekommenen Bretterbude mit allerlei Laborutensilien und Schreckgegenständen, Lichteffekte und Videoprojektionen sorgen für satanisch-höllische Stimmung, im Hintergrund verkündet eine digitale Uhr lärmend die verbleibenden Stunden bis Mitternacht, in der Bühnenmitte thront siedend und brodelnd der Wunschpunsch-Topf. Christina Rast hat die von Ende in den 1980er Jahren selbst geschriebene Spielfassung mit aktuellen Bezügen angereichert, so dank einem LSD-Trank namens «Luzifers Salto Dimensionale» eine Reise in die vierte Dimension. Und auch Kinder sind kurz mit von der Partie, spielen störende Quäl- und Elementargeister.

Friederike Wagner als Tyrannia Vamperl (links) und Hans Kremer als Beelzebub Irrwitzer mit dem dampfenden Wunschpunsch-Topf.

Geboten werden eine wunderbare Parodie und ein wahres Kostümfest. Gekleidet wie Monster- und Science-Fiction-Figuren aus der Filmwelt agiert das diabolische Duo auf der Bühne, Beelzebub Irrwitzer (Hans Kremer) in einem giftgrünen Mantel, mit spitzer Nase, abstehenden Ohren und Glatzkopf, Tyrannia Vamperl (Friederike Wagner) im glänzenden Steifrock und mit aufgesteckten Haarbüscheln auf der Glatze. Grossartig, wie die beiden den Wunschpunsch mit fataler Nebenwirkung brauen, ihre verheerenden Wünsche zunehmend lallend verkünden und in einem besoffenen Durcheinander enden, derweil der Zaubertopf laufend seine Farbe von giftgrün auf schwefelgelb wechselt.

Eine Fantasiewelt voller Symbolkraft

Als Rabe Jakob im Federkleid zeigt Claudius Körber eine Meisterleistung seines Könnens. Einfach sensationell, wie er mit seinem ganzen Körper den Vogel nachäfft, stolz und verschlagen herumhüpft und den molligen Kater bezirzt. Nicht minder eindrücklich spielt Vera Flück, reichlich gepolstert, den orange-weiss gestreiften Kater Maurizio di Mauro, mal schnurrend anschmiegsam, mal teuflich hinterlistig. Zu guter Letzt entdeckt der Kater doch noch sein opernhaftes Stimmorgan, singt melodiös «What a Wonderful World» in einer Bearbeitung von Louis Armstrong.

Claudius Körber als Rabe Jakob Krakel (lins) und Vera Flück als Kater Maurizio di Mauro. (Fotos: Raphael Hadad)

Keine Frage, geboten wird eine gruselig-heitere Fantasiewelt voller Symbolkraft, die Gross und Klein gleichermassen begeistert und deren Botschaft aktueller denn je ist angesichts des Klimawandels und der Umweltzerstörung. Auf höchst unterhaltsame Weise und ohne pädagogischen Mahnfinger wird ein höllisches Spektakel vermittelt, das nachdenklich stimmt und zu Gesprächen anregt. Für Grosseltern mit Enkelkindern ab 7 Jahren ist ein Theaterbesuch sehr zu empfehlen.

Weitere Spieldaten: 19., 24., 27. November, 2., 8., 9., 16., 22., 23., 26., 31. Dezember, 2. Januar

 

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