Gesellschaft

Die märchenhafte Schönheit der Erde

Fotos von überwältigender Schönheit aus der Antarktis, aus Patagonien oder aus der Sahara zeigt „Genesis“, eine Schau des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.

Die grossformatigen Schwarzweissaufnahmen beeindrucken. Teils bizarre, teils scheinbar künstlich gehauene Silhouetten von Antarktis-Eisbergen wirken imposant und unergründlich – von perfekter Schönheit. So stellt man sich den Ursprung des Lebens auf unserer Erde vor. Der Titel der Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung Genesis deutet darauf hin, dass diese Assoziation beabsichtigt ist: Die Erde als Schöpfung in ihrer Schönheit zu zeigen und damit „unser Bewusstsein für ihre Kostbarkeit“ zu schärfen, das sei das Ziel der Kuratorin und Organisatorin Lélia Wanick Salgado.

Ein Eisberg zwischen Paulet Island und den Süd-Shetlandinseln auf dem Weddell-Meer. Antarktische Insel, 2005, © Sebastião Salgado / Amazonas images

Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat sich aufgemacht, die unberührtesten Gegenden der Erde zu fotografieren. In 32 Reisen mit kleinen Propellerflugzeugen, mit dem Schiff oder im Kanu, zu Fuss und sogar vom Ballon aus hat er Landschaften, Tiere, Wälder und Menschen aufgenommen. Er versteht sein Projekt als politischen Appell an die Zivilisation, einen Teil unseres Planeten in seiner Ursprünglichkeit zu bewahren. Acht Jahre hat er für Genesis aufgewendet, um die Schönheit, aber auch die Verletzlichkeit der Erde aufzuzeigen.

Eine Reise durch unberührte Landschaften

In der Ausstellung sind nicht weniger als 245 Fotografien anzuschauen, eingeteilt in fünf Kapitel entsprechend dem Kontinent, zu dem die Aufnahmen gehören: Planet South zeigt Seelöwen und Kormorane auf den Galapagosinseln, sowie Pinguine und Wale im antarktischen Südatlantik.

Grosse Sanddünen zwischen Albrg und Tin Merzouga. Tadrart, Südlich von Djanet, Algerien, 2009, © Sebastião Salgado / Amazonas images

In Sanctuaries streift Sebastião Salgado durch isolierte, artenreiche Zonen wie Madagaskar, Sumatra und West-Papua; er porträtiert Bewohner der Mentawai-Inseln und Menschen des Korowai-Volkes. In Africa fotografiert er Dünenwogen und Lava, dazwischen Grosswild und Nomaden aus dem Volk der Dinka im Sudan. In den Northern Spaces führt er uns Rentierherden am Polarkreis vor, die Kamtschatka-Halbinsel, die zerklüfteten Bergmassive Alaskas und die vom Eis gezeichneten Menschen mit ihren Schlitten, Hunden und Zelten. Zum Abschluss – Amazônia– präsentiert er Alligatoren und Jaguare an den Flussläufen des Amazonas, sowie das Volk der Zo’é im Dschungel, gleichsam einen Teil seiner ursprünglichen Heimat Brasiliens.

Die Frauen in dem Zo’é-Dorf Towari Ypy benutzen zum Färben ihrer Haut die roten Früchte des Urucum (Bixa orellana), die auch zum Kochen verwendet werden. Pará, Brasilien, 2009, © Sebastião Salgado / Amazonas images

Es sind aussergewöhnliche Bilder von aussergewöhnlicher Ästhetik, von märchenhafter Schönheit, durchkomponiert bis ins kleinste Detail. Salgado versteht seine Arbeit als Dokumentation intakter Flora und Fauna und indigener Völker.

Durch Ästhetik zu Nachhaltigkeit aufrufen

„Sebastião Salgado will auf die ökologischen und geologischen Veränderungen der Welt in den letzten fünfzig Jahren aufmerksam machen und das Bewusstsein des Einzelnen für die Vielfalt der Erde und die Notwendigkeit für deren Erhalt schärfen“, lesen wir in den Unterlagen. Wie in Filmen bekannter Studios sollen die Fotografien Emotionen wecken, statt nur an die Vernunft zu appellieren angesichts drohender Gefahren wie Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt. Formal sind die Bilder bewusst gestaltet: klare Linien und Strukturen, ein geschickter Einsatz von Hell und Dunkel sowie der verschiedenen Abstufungen von Grau.

Da Elefanten (Loxodonta africana) in Sambia von Wilderern gejagt werden, haben sie Angst vor Menschen und Fahrzeugen und laufen meist schnell in den Busch. Hier nähert sich der Elefant unserem Fahrzeug. Wir fuhren schnell weg. Kafue-Nationalpark, Sambia, 2010, © Sebastião Salgado / Amazonas images

Die Bilder zu betrachten, ist eine Augenfreude – aber kommt die Botschaft an? Fühlen sich die Besucherinnen und Besucher nicht wie im Märchen, in einem Raum, zu weit entfernt von unserer Welt? Salgados Blickwinkel steht der üblichen Sicht von Wissenschaft und Medien konträr entgegen: Er fokussiert auf das Ideal, nicht auf Zerfall oder Zerstörung.

Dem Fotografen ist es mit seinem Anliegen ernst. Er hat sich schon seit Jahrzehnten persönlich engagiert: Das von ihm gegründete Instituto Terra pflanzte in den letzten zwanzig Jahren im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais über zwei Millionen neue Bäume auf einem durch Rodung versteppten Gebiet und begann damit die Wiederaufforstung des Regenwalds.

 

In der oberen Xingu-Region im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso fischt eine Gruppe Waura-Indianer im Piulaga-See nahe ihres Dorfes. Das obere Xingu-Becken ist Heimat einer ethnisch vielfältigen Bevölkerung. Mato Grosso, Brasilien, 2005, © Sebastião Salgado / Amazonas images

In eigener Regie plant Salgado seit 1973 Fotoprojekte in Schwarzweiss und fotografierte über Jahre das Leben der Menschen in ärmsten Verhältnissen verschiedenster Weltgegenden. Von 1986 bis 2001 widmete er sich hauptsächlich der Dokumentation des Endes des Industriezeitalters sowie der globalen Migration – nicht nur von Flüchtlingen und Vertriebenen, sondern auch Zuwanderern in den Megastädten der Dritten Welt.

Weckruf statt Klagerede

Sebastião Salgado, 1944 in Brasilien geboren, lebt und arbeitet in Paris; er zählt allgemein zu den sozial engagierten Dokumentarfotografen. Von Beruf Ökonom arbeitete er zunächst in der Verwaltung der International Coffee Organisation (ICO). Erst seit 1973 arbeitet er als Fotojournalist. Sebastião Salgado war zunächst Mitglied in der Agentur Magnum, vermarktet seine Fotos seit langem in seiner eigenen Agentur Amazonas Images. Er wurde mit zahlreichen Fotopreisen ausgezeichnet.

Die Frauen der Mursi und der Surma sind die letzten Frauen der Welt, die Lippenteller tragen. Im Mursi-Dorf Dargui im Mago-Nationalpark bei Jinka. Äthiopien, 2007, © Sebastião Salgado / Amazonas images

Mit diesen Informationen versehen, wirken die Bilder der Mädchen und Frauen im Regenwald auf mich wie kunstvoll arrangiert, die Frauen mit dem Lippenschmuck wie ein Künstlerportrait. – Aber vielleicht sehen sich die Menschen in den Amazonaswäldern als Künstler. Vielleicht ist es an mir, meine Sehgewohnheiten zu ändern, die Menschen in ihrer bedrohten Heimat nicht nur als bemitleidenswert, stets benachteiligt anzusehen. Salgado zeigt sie in ihrer Lebensfreude, in ihrem Stolz – vielleicht zu Recht. Darüber nachzudenken, wäre wohl auch ein Ziel dieser Ausstellung. Sie wird schon seit einigen Jahren in vielen Städten und Kontinenten gezeigt.

Museum für Gestaltung Zürich, bis 23. Juni 2019