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Geheimtipp Cilento

Wandern und Kultur erleben in einer Landschaft der StilleSüditaliens

Reisende bemerken rasch, dass die Cilento-Küste unverbaut geblieben ist. Mal fällt sie steil und schroff zum thyrrenischen Meer ab, oft aber verschmelzen das Grün der Berge und das Blau des fernen Meeres sanft miteinander. Schluchten, Serpentinenstrassen zu den Bergdörfern und immer wieder für Süditalien untypisch dichte Wälder bilden die Landschaft. Hier herrscht eindeutig die Natur. Nicht umsonst ist der südliche Zipfel Kampaniens seit 1991 Nationalpark und zählt seit 1998 zum UNESCO-Welterbe.

Blick auf Sant’Angelo a Fassanella

I ragazzi fanno la guida – die Burschen machen die Führung“, gibt uns der Wirt des Gasthofs an der Piazza von Sant’Angelo a Fassanella Bescheid. „Und fahren Sie mit dem Auto hin – es ist bequemer als zu Fuss!“ Wir folgen dem Rat, obwohl wir wandern möchten. Der Weg erweist sich als kurz. Am Ende gibt’s weder Platz zum parkieren noch zum wenden. Doch die eigentliche Schwierigkeit zeigt sich erst jetzt, eine breite Strassentreppe mit niederen Stufen, hoch hinauf zu einem in den Fels gemauerten Campanile. Und da, unglaublich, rumpelt einer mit dem Auto wirklich Stufe um Stufe aufwärts.

Wir mühen uns zu Fuss nach oben. Die Ragazzi, zwei freundliche Männer im besten Alter, erzählen, wie sie – damals noch jung – den eingestürzten Kirchturm wieder aufbauten. Die Dorfgemeinschaft funktioniere noch heute, obwohl viele der Jungen aus dem Dorf weggezogen seien.

Die Glocke im Campanile

Auf einer Holzleiter steigen wir hinauf in die Glockenstube. Einer der Führer schlägt die Glocke mit dem Klöppel. Lange hallt der Schall nach. Eine Frau aus Neapel atmet auf und seufzt „welche Stille!“ Wir stehen neben dem Turm auf einer Kanzel in der überhängenden Felswand und schauen auf das Städtchen und die grüne Kette der Monti Alburni. Ja, ein Friede liegt über der Landschaft.

Einer der Ragazzi bricht die Stille. „Stille hat ihren Preis! Sie schränkt auch ein,“ und ergänzt: „Sie kann auch töten – nämlich Möglichkeiten und Initiativen.“ Neben den Erdbeben sei Arbeitslosigkeit ein Hauptgrund für die Emigration.

Uralter Pilgerort

Vorbei an zwei freudlich blickenden Wächterlöwen, welche das Portal tragen, gelangen wir in eine Höhlenkirche. Das hohe Grottengewölbe beherbergt drei Altäre. Auf einem steht die Statue des Erzengels Michael aus weissem Marmor. Die Höhle wurde schon in prähistorischer Zeit bewohnt und wird heute für Gottesdienste und Musikaufführungen benutzt. Zur Zeit des Stauferkaisers Friederich II. (1194 – 1250) herrschte schon ein reger Pilgerbetrieb. Auch heute ist die Höhle ein bekanntes Pilgerziel.

Höhlenkirche Sant’Angelo a Fassanella

Der Führer nimmt jeden von unserer Gruppe am Arm und deutet auf eine Stelle oben an der Felswand. In der Tat, da ist ein Flügelpaar aus rötlichen Strichen zu erkennen. Es sollen die Spuren der Flügel des heiligen Michael sein. Zweites Indiz sind kleine Löcher gefüllt mit Wasser, heiligem Wasser, exakt für drei Finger. Unsere Neapolitanerin bekreuzigt sich damit.

Angeblich der Abdruck der Flügel des Erzengels Michael

Ein wahres Wunder aus der heutigen Zeit, genauer, als 1000 Euro noch eine Million Lire waren, ist die Spende einer Dorfbewohnerin von 50 Millionen Lire. Sie hatte den Betrag in einem TV-Wettspiel gewonnen und für die Renovation des Hauptaltares gestiftet.

Herden und Hunde

Auf dem Foto im Reisehandbuch sieht er geheimnisvoll aus, der kopflose Krieger; und eine halbstündige Wanderung durch den Wald kam uns gerade gelegen. Der Weg noch aufgeweicht und mit tiefen Pfützen vom nächtlichen Regen, stellenweise mühsam. Kuhgeläute. Plötzlich lautes Gebell, drohendes Hundegebell aus verschiedenen Richtungen. Ich bleibe stehen und gebe, im Moment selber kopflos, den Besuch beim Krieger ohne Kopf auf.

Meine Frau geht weiter, ohne Probleme. Da zeigt sich der erste Hund, gross wie ein Kalb, mit einem Welpen hinter dem Gebüsch. Dass er sich nicht nähert und der Zuruf meiner Frau geben mir Mut und siehe da, kein Hund folgt mir. Offensichtlich beschränken sie sich auf ihren Job, die im Wald streunenden Kühe zu bewachen.

Links in den Steinen: L’Ancetre, Relief aus vorchristlicher Zeit

Durch Ginster und Felder mit violettblauen Natternkopf geht es zwischen Felsbändern aufwärts. Ein Meer von hüfthohen Grashalmen, praktisch ohne Spur, und plötzlich stehen wir vor ihm. Der Krieger ist mannshoch, abweisend, aus einem felsigen Wall als Halbrelief gemeisselt. Er trägt eine kurze Tunika, deutlich zu sehen sein Schwert. Ein Speer in seiner Hand ist mit Phantasie zu erahnen.

Steinerner Krieger aus vorchristlicher Zeit

Im lokalen Dialekt wird er „l’Antece“ genannt , der Ahne. Das macht die Deutung nicht einfacher. Handelt es sich um eine Wächterfigur oder um einen lukanischen Kriegsgott? Die Skulptur wird auf das 5. und 4. Jh. v.Chr. datiert. Schmückte sie einen heiligen Berg oder bewachte sie einen Übergang? Wie auch immer, die erratische Skulptur weckt die Fantasie. Zusätzlich belohnt werden wir durch den atemraubenden Blick bis hin zum Meer.

Affiche im Gasthof zu deutsch: Wer trinkt um zu vergessen: der ist gebeten, vor dem Trinken zu zahlen.

Der Cilento wurde von der Natur großzügig bedacht mit dunkler, satter Vulkanerde, auf der das ganze Jahr über Gemüse und Obst gedeihen. Über allem steht die Tomate, kleine Pomodorini, die büschelweise an der Sonne getrocknet werden, vor allem aber die birnenförmige San Marzano, aus der Sugo bereitet wird. Stundenlang muss der Tomatensud auf kleiner Flamme köcheln, damit er Säure und Wasser verliert. Würzmittel sind Oliven, Kapern, Oregano, Knoblauch, Peperoncino und Basilikum.

Das Meer bestimmt die Küstenküche mit Sardellen, Meerbarbe, Goldbrasse, Schwertfisch, Seezunge, Makrele, Tintenfisch und vor allem Mies- und Venusmuscheln. Gemüse wird in Öl eingelegt, gefüllt, grilliert, mit Zitrone, Knoblauch und Peperoncino gewürzt.

Darüber hinaus gibt es ausgezeichnete Käsesorten. Die Ebene von Paestum ist das Herzland des Büffelmozzarella. Schaukäsereien laden zum Entdecken und zum Probieren ein. Weitere frische Käsesorten sind der Scamorza, den man gern geräuchert oder vom Grill isst, und der hellgelbe Provolone. Zu allem passt das kräftige Landbrot.

Büffel sind die Milchlieferanten für den Mozzarella di Bufala.

Die Bedeutung der mediterranen Ernährungsweise rückte in den 50er und 60er Jahren in den Blickpunkt des Interesses. Forscher untersuchten den Lebensstil und dieErnährungsgewohnheiten von mehr als 12 000 Männern aus sieben verschiedenen Ländern rund ums Mittelmeer. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine mediterrane Ernährungsweise sowohl zur Vorbeugung eines  Herzinfarkts als auch zur Minderung des Risikos einiger Krebsarten beiträgt. Die Küche des Cilento wurde im Jahr 2010 offiziell als dieta mediterranea in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen

Kampanien hat natürlich auch seine Weine, und das schon seit 3000 Jahren. Vollmundige Rotweine sind Taurasi und Falerno; den Letzteren gibt es rot aus der Primitivorebe, aber auch weiss aus der klassischen Falanghinatraube. Der Taurasi hingegen wird aus der berühmten süditalienischen Rotweintraube Aglianico gekeltert.

Teaserbild: Freundlicher Löwe am Tor zur Höhlenkirche. Foto: Ziegler157
Fotos: Justin Koller

Mehr über den Cilento finden Sie hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Cilento
Nähere Angaben zum Nationalpark gibt es hier:
http://www.cilento-nationalpark.de/beilage/geo.html

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