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Das Lügenchristkind

Für meine unvergessliche «schöne Bescherung» muss ich weit zurückdenken. Bis zu meinem vierten Lebensjahr. Und zu einer meiner ersten Erinnerungen überhaupt.

Ich sehe die Szene noch heute vor mir: Ich stehe auf der Schwelle zu unserem Kinderzimmer, das gleichzeitig Mutters Arbeitsraum ist. Meine kleine Schwester stolpert über etwas und schlägt ihren Kopf am metallenen Unterbau von Mutters Nähmaschinenmöbel an. Und dann ist überall Blut und grosse Aufregung und ich sitze im Wohnzimmer unserer Nachbarn.

Weshalb man mich beschuldigte, meine Schwester gestossen zu haben, weiss ich nicht mehr. Dass ich mich energisch gegen einen solch falschen Vorwurf gewehrt habe, kann ich mir allerdings denken – mein Gerechtigkeitssinn war auch später ziemlich ausgeprägt.

Glückseliges Weihnachtsfest

Ja, und dann kam Weihnachten. Meine Grosseltern waren da und noch andere Verwandte. Ich bekam eine Puppe geschenkt. Die schönste aller Puppen! Sie hatte grosse Schlafaugen und «echtes» Haar. Ich war selig, mochte gar keine weiteren Geschenke mehr auspacken.

Aber es wurde noch schöner: Mein Vater ging zur Haustüre und kam mit dem richtigen, echten Christkind zurück. Mit dem Christkind im langen weissen Kleid, mit grossen Flügeln – die es komischerweise wie einen Rucksack an Tragriemen umgehängt hatte – und mit langem blondem Haar.

Das ganz grosse Glück

Und lieb war das Christkind! Es strich mir über die Haare, lobte mich ausgiebig – ich war ja auch ein braves, eher scheues Kind – und zeigte sich begeistert, als ich ihm ein Sprüchlein aufsagen konnte. Sicher wurden auch alle andern vom Christkind begrüsst, aber das habe ich vergessen. Ich stand einfach nur da mit meiner neuen Puppe im Arm und war rundum glücklich.

Mein Vater begleitete das Christkind wieder ins Treppenhaus und zur Haustüre und ich weiss noch, dass ich etwas irritiert war, dass es nicht zum Wohnzimmerfenster hinausflog. Mit so grossen Flügeln!

Harte Landung

Als mein Vater zurückkam, schaute er mich ernst an: Das Christkind habe ihm  gesagt, es habe gesehen, dass ich meine Schwester sehr wohl geschubst hätte, als sie sich ein Loch im Kopf zuzog.

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich pfefferte meine neue Puppe unter den Christbaum und kauerte mich in eine Ecke und war durch nichts zu bewegen, weiter an der Weihnachtsfeier teilzunehmen. Bis heute spüre ich diese  Enttäuschung, diesen Schmerz. Von der Weihnachtsseligkeit – päng – in die abgrundtiefe Verzweiflung. Das Christkind lügt!

Ein fataler Fehler

Ich rührte die Puppe, über die ich mich so gefreut hatte, nicht mehr an und wollte auch keine weiteren Geschenke von diesem Lügenchristkind auspacken. Viele Jahre später – ich war schon erwachsen – sagte mir mein Vater, der sich sehr wohl an diese unglückselige Episode erinnern konnte, er habe mir doch nur eine Lektion erteilen wollen, aufzeigen, dass lügen sich nicht lohne. Weil das Christkind im Himmel alles sehe. Dass er mit seinem Vorwurf daneben lag, habe er aufgrund meiner Reaktion sofort gemerkt – aber da war das Malheur halt schon geschehen.

Vom Pöstler nahm ich meine neue Puppe, mein heissgeliebtes «Sylveli» gerne an. Das Geschenk vom Lügenchristkind allerdings liessen meine Eltern kommentarlos verschwinden.

Einige Zeit später lag am Mittagstisch neben meinem Teller ein Päckli. Der Pöstler habe das gebracht, sagten meine Eltern – einem vierjährigen Kind genügt diese Erklärung vollauf. In der Schachtel lag eine wunderschöne Babypuppe – ohne Haare zwar und auch ohne Schlafaugen. Ich schloss mein «Sylveli» sofort ins Herz und es begleitete mich durch mein ganzes Leben. Bis heute.

Späte Erkenntnis

P.S. Im Jahr darauf wurde mir bei der Vorbereitung zum Krippenspiel im Kindergarten erstmals bewusst, dass das Kind in der Krippe kein Mädchen, sondern ein Bub gewesen war. Was mich gar nicht wunderte. Wusste ichs doch: Das Lügenchristkind war eine Betrügerin, denn aus einem kleinen Knäblein wurde sicher nie eine Frau im weissen Kleid und mit langen goldenen Locken.

Blöd nur, dass meine Eltern so gar nichts wissen wollten von meiner haarscharfen Logik und ein Gespäch über das Lügenchristkind immer sofort abblockten.

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