Kultur

Zwingli, der Rebell

Stefan Haupt hat mit «Zwingli» einen Spielfilm gedreht, der den Reformator und seine Zeit adäquat und berührend porträtiert und zulässt, auch die heutige Situation der Religionen zu hinterfragen.

Zürich im Jahr 1519. Die junge Witwe Anna Reinhardt lebt ein karges Leben zwischen Furcht vor der Kirche und Sorgen um die Zukunft ihrer drei Kinder, als in der Stadt die Ankunft eines Mannes für Aufruhr sorgt: Der junge Priester Huldrych Zwingli tritt seine neue Stelle am Zürcher Grossmünster an und sorgt mit seiner Bibelübersetzung und seinen Predigten gegen die Missstände der katholischen Kirche für heftige Diskussionen. Seine revolutionären Gedanken machen vielen gläubigen Katholiken, anfänglich auch Anna, Angst. Doch als sie beobachtet, wie Zwingli Nächstenliebe lebt und nicht nur predigt, gerät sie mehr und mehr in den Bann des charismatischen Priesters. Wer ist dieser Mann, der behauptet, dass es kein Fegefeuer gibt? Der Film «Zwingli» des Schweizer Filmemachers Stefan Haupt gibt darauf Antworten, soweit dies in zwei Stunden möglich ist.

Zwingli, eingekleidet im kirchlichen Ornat

Ein informatives Porträt, das Hintergründe ausleuchtet

Anna öffnet sich den neuen Glaubensansichten und einer neuen Liebe. Die Heirat zwischen Anna und Huldrych, bisher den Priestern verboten, wird zu einem Teil von Zwinglis Kampf gegen den Zölibat. Während Anna ihren Platz als eine der ersten Pfarrfrauen der Schweiz einnimmt, kämpft er für die innere Veränderung der Kirche: Denn er ist überzeugt, dass sich die Welt ändert, wenn alle Menschen die Bibel lesen, statt Anweisungen von der Kanzel zu erhalten, die nicht biblisch verankert sind. Mit seinen Gefährten macht er sich auf, das gigantische Werk auf Deutsch zu übersetzen und in seinen Predigten neu zu interpretieren. Er setzt sich ein, dass die breite Bevölkerung lesen lernt und soziale Verantwortung übernimmt, und Anna beginnt, die Dinge zu hinterfragen, eigenständig zu denken und ihren Mann in seinem Kampf zu unterstützen.

Doch Zwinglis Erfolg wird gefährlich. Seine Ideen entflammen beinahe einen Bürgerkrieg, gleichzeitig entbrennt im inneren Kreis ein Kampf um Macht und Deutungshoheit. Wie radikal sollen die Veränderungen sein? Wie schnell müssen alte Gewohnheiten abgeschafft werden? Anna mahnt dabei ihren Mann zu Zurückhaltung und Gottvertrauen. Doch je stärker er unter Druck gerät, desto mehr verhärtet er sich. Als die Ausbreitung des neuen Glaubens ins Stocken kommt, reformatorische Priester verbrannt werden und sich die katholischen Kräfte in der Eidgenossenschaft gegen Zürich formieren, wird die Beziehung von Zwingli und Anna auf eine harte Probe gestellt. Das, was er ihr gepredigt hat, schafft er nun selber nicht: Vertrauen und keine Angst zu haben. Am Ende ist Zwingli bereit, für die Reformation in den Krieg zu ziehen, seine Liebe dafür zu riskieren und in der Schlacht bei Kappel 1531 sein Leben zu verlieren. Das Einzige, was Anna am Ende über ihren Verlust hinweghilft, ist Ulrichs Botschaft: Gott liebt die Menschen, auch wenn sie Fehler machen.

Huldrych und Anna als Liebespaar

Ulrich Zwingli und der Film «Zwingli» sprechen die gleiche Sprache

Dass man den Zwingli-Film nicht mit Hollywood-Serien vergleichen soll, steht wohl ausser Zweifel; der Film spricht Menschen an, die sich für den Zürcher Reformator und die damalige Auseinandersetzung zwischen Katholiken und den Reformatoren sowie ihren Anhängern interessieren. Auch der Vorwurf, der Film sei wie Schulfernsehen oder ein Wikipedia-Eintrag gemacht, scheint mir deplatziert; denn auch diese erfüllen ihre Aufgabe, indem sie die Sprache ihrer spezifischen Publika sprechen, genau wie Stefan Haupt im Film die Sprache eines breiten Publikums sprechen lässt. Der historische Zwingli und der Zwingli im Film sprechen die gleiche Sprache: jene des damaligen und jene des heutigen Volkes.

Reformation war und ist mehr als die Entstehung einer neuen Konfession. Sie prägt unsere Denk- und Lebensweise wie kaum eine andere Bewegung, hinterlässt Spuren auch ausserhalb der kirchlichen Welt und beeinflusst die gesellschaftlichen Verhältnisse weltweit. Historiker bezeichnen Ulrich Zwingli als den «wichtigsten Beitrag der Schweiz zur Weltgeschichte». Was Zwingli auslöste, hat unsere Gesellschaft bis heute tief greifend verändert. Sein Wirken legte unter anderem den Grundstein für das heutige Sozial- und Bildungswesen. Auch nach 500 Jahren ist die Reformation noch aktuell.

Disputationen mit dem Theologen Zwingli

Ein grosser Schweizer Historienfilm…

Stefan Haupts Oeuvre umfasst mehr als ein Dutzend Werke, kurze und lange Dokumentar- und Spielfilme, beginnend mit «Utopia Blues» und «Das Lied für Argyris», über «Sagrada» und «Der Kreis», bis hin zu «Finsteres Glück». Mit «Zwingli» hat der 1951 in Zürich geborene Filmemacher den Beweis erbracht, dass er auch grosse Filme drehen kann. Und das mit Bravour! Erfolgreich war er bei der Auswahl der Schauspieler und Schauspielerinnen und ihrer Führung auf dem Set, in der Dramaturgie und beim Einsatz der Digitaltechnik. All dies fussend auf dem akribischen Studium der historischen, theologischen und kulturellen Fakten und Feinheiten des Drehbuchs von Simone Schmid und seiner Regie, die alles zu einem Gesamtwerk vereint.

Neben zahlreichen Unterlagen, welche für die Schulen zum Zwingli-Jahr und zum Film bereitgestellt wurden, soll hier auf einen achtseitigen Beitrag im «Beobachter» vom 21. Dezember 2018 hingewiesen werden, der auch im Internet heruntergeladen werden kann.

Gefallen in der Schlacht bei Kappel

… über den weiter nachzudenken, sich lohnt.

Filme, auch historische, schaut man stets aus dem Hier und Jetzt. So beziehe ich auch Zwingli automatisch auf die Gegenwart: zu mir, die heutige Welt, die aktuelle Situation in den Religionen und Kirchen. Ich sehe beispielsweise das im Film in der Fastenzeit aus Protest veranstaltete Wurst-Essen im Bezug auf die auch heute im Judentum und im Islam gültigen Ess-, Trink- und Fastenregeln. Ich denke, analog dazu, weiter an die teils rigiden religiösen Kleider-Normen, die immer wieder Konflikte auslösen. Noch brisanter wird das In-Beziehung-Setzen von damals zu heute, wenn ich die «verbotene» Ehe von Anna Reinhart und Huldrych Zwingli mit der Sexualmoral des heutigen Katholizismus oder des orthodoxen Judentums und Islams vergleiche. Ihre Ehe und ihr Verständnis der Sexualität war damals eine Provokation, und ist es noch heute. Und die bereits zu Beginn der Reformation aufflackernde Gewalt lässt mich an die vielen späteren religiös begründeten Kriege denken.

Es scheint, dass es noch viele Reformationen braucht. Zu solchem und ähnlichem Weiterdenken hat der Film «Zwingli» mich motiviert. Das ist eine seiner vielen Qualitäten, und dafür danke ich Stefan Haupt.

Titelbild: Huldrych Zwingli vor der Zürcher Bibel

Regie: Stefan Haupt, Produktion: 2018, Länge: 124 min, Verleih: Ascot-Elite