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Flüchtlinge im vollen Boot

Mit dem Roman „Die Brille des Nissim Nachtgeist“ beschreibt Lotte Schwarz auch ihr Emigrantinnenschicksal

Lästig und störend sind sie, die Flüchtlinge, und Emigranten, die bei uns Zuflucht suchen, das ist eine weit verbreitete Ansicht hierzulande. Sie gilt heute genau so wie in den 30er und 40er Jahren, als Juden und Linke vor dem Nazi-Regime im Deutschen Reich flüchten mussten und bei uns Zuflucht suchten.

Nun ist ein Buch erschienen, welches das prekäre Dasein in der Emigration gestern und heute gültig behandelt, auch wenn es aufgrund der Geschehnisse vor und während des 2. Weltkriegs geschrieben wurde. Lotte Schwarz, die Autorin war den Nazischergen gerade noch rechtzeitig entkommen, indem sie als Dienstmädchen in die Schweiz emigrierte.

Lotte Schwarz (1910 – 1971)

Die ausgebildete Bibliothekarin arbeitete einige Jahre als Zimmermädchen in der Pension Comi an der Ekkehardstrasse, bis sie dank einer Scheinheirat im Sozialarchiv eine Stelle bekam. Die Besitzer der Pension, das Ehepaar Friedmann war in den frühen Zwanzigerjahren aus der jungen Sowjetunion geflohen und hatte sich einbürgern können. In ihrem Haus nahmen sie auf, wer immer eine Bleibe brauchte, im Lauf der Zeit und der fatalen polititschen Entwicklung in den Nachbarländern waren es immer mehr Flüchtlinge, Linke und Juden. Als jedoch der Hausherr starb und die arbeitsfähigen Flüchtlinge während der Kriegsjahre in Lager interniert wurden, verkaufte die Familie Friedmann das Haus.

Diese Zwangsgemeinschaft unter den Fittichen der grosszügigen und warmherzigen Frau Friedmann, alias Paksmann und ihres Gatten, des russischen Revolutionärs Herrn Paksmann hat Lotte Schwarz in ihrem Roman Die Brille des Nissim Nachtgeist literarisch umgesetzt. Ein humorvoller, mit scheinbar leichter Feder geschriebener Text über schwere Schicksale. Erzählt wird linear, von A bis Ankunft in Zürich bis Z wie Zeit gewinnen in der Auseinandersetzung mit der Fremdenpolizei. So beginnt der Text mit einer Beschreibung von Bahnhofstrasse und Bürkliplatz samt Musikpavillon sowie der Ankunft von Lisette, der Ich-Erzählerin am Arbeitsort, der Pension Comi, die von 1921 bis 1942 in Betrieb war.

In diesem Roman wird die Emigrantenpension Comi in Zürich porträtiert

Hier tut sich ein Panoptikum von unterschiedlichen Menschen auf, die einen haben noch Vermögen und die Chance, eine Schiffspassage nach Amerika zu kaufen, andere haben ihre nackte Haut gerettet und müssen, um zu überleben Schwarzarbeit leisten, ein 13jähriger Bub schockiert die zumeist jüdischen Comi-Bewohner mit seiner unverhohlenen Bewunderung für Hitler, während seine Mutter die Wäsche der Pension flickt, ein Sänger übt fast ständig – des Sängers Fluch, denkt sich Lisette, das Zimmermädchen. Hinter den kleinen Freuden und Ärgernissen, den witzigen Episoden und absurden Szenen in der Pension, welche Schwarz munter und mit viel Ironie erzählt – mir fallen Romane von Irmgard Keun, auch Gedichte von Mascha Kaleko ein – schimmert immer wieder die Tragik durch, die Ausweglosigkeit angesichts der drohenden Massnahmen der Fremdenpolizei, der Furcht vor Verrat, der Erniedrigung, die zum Alltag der Emigration gehört.

Wie einer der Pensionäre in den Verdacht kommt, ein Bücherdieb zu sein atmet die Gemeinschaft auf, weil er «wenigstens» kein Jude sei. „‘Kein Jude…‘, wiederholte Nissim Nachtgeist laut, ‚Signora hat das erlösende Wort gesprochen, und die verängstigte Comi atmet auf. Sind denn alle verrückt geworden, dass man den Juden nicht einmal ihren Anteil an Verbrechen gönnt?‘“ Oft kippen ganz simple Erzählstränge ins Grauen oder auch mal in Zynismus, um dann wieder im Pensionsalltag mit Essen, Wäsche waschen, Zimmer aufräumen, Klatsch mithören oder Trost spenden weiterzulaufen. Viele dieser zentralen Aussagen, die einen Aphorismensammler erfreuen könnten, verpackt Lotte Schwarz in Gespräche der Bewohner im Treppenhaus oder im Speisesaal. So fragt man sich, ob denn dieser Bücherdieb auch wirklich Retep heisse, aber die „Schriftenlosen“ könnten ja sagen, was sie wollten: „Eine ihrer wenigen Freiheiten,“ legt die Autorin einem anderen Emigranten in den Mund. Oder auch: „Es ist ein Kunstgriff des Nichtjuden, die Juden für eine Einheit zu halten.“

Christiane Uhlig, Historikerin mit Schwerpunkt osteuropäische, jüdische und Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts

Dass dieses Romanskript, dass auch dessen Autorin Lotte Schwarz entdeckt wurden, ist der Historikerin Christiane Uhlig zu verdanken, die für die Bergier-Kommission arbeitete. Auch der Zufall spielte eine Rolle: Eine Freundin, Nachfahrin der Friedmann, erzählte Uhlig über die Pension Comi, deren Bewohner und über das Romanmanuskript, das sie besitze. Uhlig suchte hierauf die Familie der Lotte Schwarz auf, verfasste eine Biographie über die vergessene Autorin und Bibliothekarin, bei deren Trauerfeier 1971 unter anderen Bekanntheiten der Publizist François Bondy gesprochen hatte: «Jetzt kommen andere Zeiten. Lotte Schwarz (1910–1971). Dienstmädchen, Emigrantin, Schriftstellerin». Und nun hat Christiane Uhlig den Roman „Die Brille des Nissim Nachtgeist“ herausgegeben und mit einem Nachwort versehen. Er kann auch als Schlüsselroman, gelesen werden, obwohl einzig die Titelfigur mit dem realen Namen Kurt Nussbaum auftaucht. Der Jurist nähte zusammen mit seiner Verlobten illegal Berufsmäntel auf einer „Bernina“, so erzählt der Roman, half aber ebenso illegal Doktoranden beim Verfassen ihrer Dissertation, wie Uhlig schreibt. Ein Schlaglicht auf den ganz gewöhnlichen Antisemitismus zu Zürich wirft die Geschichte des im Kreis 4 geborenen Bäckersohns Paul Eppstein, der täglich mit dem Fahrrad koscheres Brot in die Comi lieferte. Sein Traum war der Radsport, er trainierte leidenschaftlich, aber während der Kriegsjahre durfte er die Rennbahn Örlikon nicht einmal mehr betreten.

Ungewohnt, eigenartig  und sehr eindrücklich der Schluss des Romans: Lisette träumt auf dem verlassenen Sofa von Nissim Nachtgeist von einer Reise der Comianer zusammen mit Helvetia zur Venus. Letztere sagt beispielsweise zu einem Flüchtling: «Du bist über irgendeine Grenze zu mir hereingekommen. (…) Du kannst bleiben, aber nur, um weiterzureisen.»

Lotte Schwarz: Die Brille des Nissim Nachtgeist. hg. von Christiane Uhlig, Limmat Verlag Zürich 2018. 32 Franken

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