FrontKolumnenDie Senioren und das Wetter

Die Senioren und das Wetter

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Der «Seniorenklub Abendsonne» war allmählich ergraut und in die Jahre gekommen. Er war einst von klugen Köpfen zu einer Zeit gegründet worden, als die Alten geduldig zu Hause im Lehnstuhl darauf warteten, dass sie noch älter würden, bis sie dereinst alt waren. Diese wollten die weitsichtigen klugen Köpfe aus ihren Wohnungen unter andere Alte bringen und ihnen Wissenswertes vermitteln. Viermal im Jahr wurden interessante Vorträge organisiert: «Der Flug der Brämen über den Gotthard», «Wenn der Rollstuhl das Auto ablöst», «Unsere Jungen – die zukünftigen Alten», «Erlebnisreiche Carfahrt auf den Beatenberg (mit Lichtbildern)» und ähnlich bildende Themen waren zu geniessen.

Doch allmählich kam der Motor ins Stottern, weil die Senioren immer weniger zu Hause warteten, dass… Und die Klubvorsteherschaft kratzte sich intensiv in den verbliebenen Haaren, als sie auf das Jahr zurückblickten. Anfang Februar waren die Organisatoren im Säli des «Hinteren Hechts» fast unter sich. «Ja, bei diesem Schneefall und den vereisten Strassen bleiben die Senioren halt zu Hause», liess sich der Vizepräsident vernehmen. «Das falsche Wetter!» Und im Übrigen werde im Altersturnen gerade Fasnacht gefeiert.

Anfang Mai: Tote Hose. «Es regnet aber auch gar grässlich, vor allem für die Frauen – die wollen nicht von Kopf bis Fuss nass werden», war sich die Aktuarin sicher. «Das falsche Wetter!» Und der Ausflug der Seniorenturner komme halt auch in die Quere.

Anfang September: Das gleiche Lied. «Es ist aber auch gar grässlich heiss – kein guter Zeitpunkt», brummte der Präsident. «Das falsche Wetter!» Und er stellte fest, dass nach den Schulferien eben die Alten dran seien mit Urlaub. «Also letztes Jahr auf Mallorca…»

Anfang Dezember. Na, Sie wissen ja. «Bei dieser milden Temperatur und der prächtigen Wintersonne wollten die Senioren hinaus an die gesunde, frische Luft und vor dem anstehenden permanenten Kerzenlicht nochmals zünftig durchatmen», diagnostizierte der Kassier. «Das falsche Wetter!» Er wäre ja eigentlich auch lieber… Und wie nach jedem Anlass hörten sie bei spontanen Begegnungen mit Klubfreunden, man wäre natürlich schon sehr gern gekommen, aber…halt… wenn…weil…eben…

Und wieder wurde es Februar. Und alles stimmte diesmal: kein Schnee, kein Eis, kein Regen, kein Sonnenschein, nicht zu kalt und nicht zu warm – perfekte Voraussetzungen. So verwunderte es nicht, dass die Senioren und –innen aus allen Richtungen dem «Hinteren Hecht» zu strebten (als Klubmitglieder hatten sie schliesslich ein Anrecht auf eine tolle Veranstaltung!), wo sie allerdings vor einer verschlossenen Saaltüre standen. Es war ihnen gar nicht aufgefallen, dass sie diesmal keine Einladung mehr erhalten hatten.

Zur gleichen Zeit sass der Vorstand in der «Eintracht» einträchtig bei einem zünftigen Zvieri beisammen. Und die Fünf genehmigten sich eine Flasche Wein – eine sehr gute Flasche. Schliesslich mussten die in der Kasse des aufgelösten «Seniorenklubs Abendsonne» übrig gebliebenen 113.96 Franken sinnvoll beseitigt werden.

Vorheriger ArtikelSpuk aus dem Tingel-Tangel
Nächster ArtikelHommage an Bob Dylan

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel