FrontKulturSpuk aus dem Tingel-Tangel

Spuk aus dem Tingel-Tangel

Das im Deutschland der 30er Jahre umgehende Gespenst nannte Friedrich Hollaender mit Witz und Weitsicht «Spuk in der Villa Stern». Im Theater Basel lebt es erfolgreich wieder auf.

Falls Sie, verehrte Leser, wie ich mehr als 50 Lenze auf dem Buckel haben: Seien wir mal ehrlich: Wir, die nicht mehr ganz jung sind; wir, die wir den mittleren Weg der Mässigung, also der Vernunft beschritten haben: Wie sehr geniessen wir es, immer mal wieder einzutauchen in das Labyrinth von Kunst und Theater! Nicht nur in die einfachen Verlockungen der Ablenkung, nein, sondern in jene Gefilde – um einmal wieder diesen schönen, aber völlig aus der Mode gekommenen Ausdruck zu gebrauchen – also: in jene Gefilde von intelligentem Amusement, in denen wir für einige Minuten oder Stunden Abstand zu uns selber gewinnen können. Auch – und das ist wichtig: Lachen über uns selbst und die übrige Welt und all die Eitelkeiten und Boshaftigkeiten, die sie und uns beherrschen. Doch das wahrhaft Gefährliche wie Menschenverachtung, Machtgier und Gewalt  müssen auch benannt werden, auch wenn uns dann das Lachen im Halse stecken bleibt.

Friedrich Hollaender – Begabung im Übermass

Der Berliner Friedrich Hollaender (1896-1976) besass alle dafür notwendigen Begabungen im Übermass. Nach einer klassischen Ausbildung als Komponist, unter anderem Schüler von Engelbert Humperdinck, wurde er im 1. Weltkrieg als Leiter eines Fronttheaters an der Westfront eingesetzt und fand dabei rasch heraus, wo er seine vielfältigen Begabungen am besten einsetzen konnte: Als Autor und Komponist von Songs und Filmmusiken sowie als Stückeschreiber der leichteren, aber immer kritisch beobachtenden Art.

Kai Tietje, Noëmi Nadelmann, Karl-Heinz Brand, Michael von der Heide, Geister-Kollektiv

Nach dem Ersten Weltkrieg tat er sich mit literarischen Grössen wie Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz oder Walter Mehring  zusammen, um ein Kabarett zu gründen. «Der kleine grosse Friedrich», wie er gerne bewundernd genannt wurde, eröffnete in Berlin-Charlottenburg sein eigenes «Tingel Tangel-Theater», wo 1931 auch die Kabarett-Revue «Spuk in der Villa Stern» ihre Uraufführung fand. Das war zwei Jahre vor Hitlers Einzug in den Reichstag, also zu einer Zeit, in der die NSDAP noch eine kleine, fast unbedeutende Splitterpartei gewesen war. Doch der Jude Friedrich Hollaender erkannte die Zeichen der Zeit und sandte deutliche Warnzeichen in das damals sich im Vergnügungstaumel befindliche Berlin aus.

Am bekanntesten machten ihn 1930 die Songs aus dem Film «Der blaue Engel» mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle: «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt…» Doch einer seiner Songs sollte Hollaender 1933 in die Emigration zwingen: Der satirische Text «An allem sind die Juden schuld» aus eben diesem Stück, von dem hier die Rede sein soll: «Spuk in der Villa Stern».

Nun eilt herbei, Witz, heitre Laune

Die Basler Realisatoren haben sich um diesen Text nicht gedrückt, ist er doch ein zentraler Ausgangspunkt beziehungsweise ein Resumee eines Abends in der gutbürgerlichen, jüdischen Familie Stern, die in der Rekonstruktion nach Basel verlegt worden ist. Da vom Stück selber nur rudimentäre Dokumente, Texte, Lieder und vor allem ausführliche Presserezensionen auffindbar waren, erhielt der deutsche Stückeschreiber und Librettist David Gieselmann den Auftrag vom Theater Basel, das vorhandene Material in eine zeitgerechte Form zu giessen, die nicht nur als Klammer der einzelnen Songs dienen, sondern sinngerecht als Stück funktionieren sollte.

Noëmi Nadelmann, Karl-Heinz Brand, Michael von der Heide

Bei einer solch kniffligen Aufgabe kann man nur Shakespeare zitieren: «Nun eilt herbei, Witz, heitre Laune!», denn bei aller Ernsthaftigkeit der dem Stück zugrunde liegenden politischen Situation sollten doch Esprit und Witz den ganzen Abend beherrschen. Zusammen mit den leicht ins Jazzige getriebenen und um einige Instrumente erweiterten Arrangements des musikalischen Leiters Kai Tietje gelang in Basel das Kunststück, eine ernsthafte «Komödie» auf die Beine zu stellen – Chapeau!

Faschingsszenerie mit Tiefgang

Da es in dieser ganzen Parodie um ein Kostümfest des begüterten Basler Ehepaars Stern mit seinem Butler James geht, zu dem niemand erscheint, aber insgesamt rund 20 Personen auftreten sollten, erleben wir in Wirklichkeit nur eine Sängerin (Noëmi Nadelmann) und zwei Sänger (Michael von der Heide und Karl-Heinz Brand), welche diesen Umzieh- und Kostüm-Parcours brillant durchstehen.


Noëmi Nadelmann, Michael von der Heide

Mit ungebrochener Spielfreude und mitreissender Laune füllen die drei die temporeiche, spritzige Inszenierung von Christian Brey mit Leben und Verve. Unterstützt werden sie dabei von einer geisterhaften, aber aktuellen Stimme von draussen, dem Gespenst eben, sowie vom musikalischen «Geister-Kollektiv» unter dem souveränen Kai Tietje an Klavier und Akkordeon. Eine besondere Note geben die einem wahren Tingel-Tangel-Theater angemessenen,  herrlich improvisierten Kostüme und das Bühnenbild von Anette Hachmann – eine wahre Faschingsszenerie.

Der Abend klingt aber aus mit einem stillen, fast wehmütigen Note: «Wennn ich mir was wünschen dürfte / käm ich in Verlegenheit / was ich mir denn wünschen sollte / eine schlimme oder gute Zeit / Wenn ich mir was wünschen dürfte / möcht ich etwas glücklich sein / denn wenn ich gar zu glücklich wär / hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein». Auch dieses Lied hatte seinerzeit Marlene Dietrich gesungen. In Basel erfüllte es die Sopranistin Noëmi Nadelmann mit grosser Wärme und einer kleinen Resignation.

B und B – Basel und Berlin: Gar nicht so weit entfernt. Oder doch?

Nächste Vorstellungen im Theater Basel: 9., 23., 25. Februar

Fotos: © Birgit Hupfeld

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