Kultur

Ein Haiku-Grossmeister

Richard Dindo schuf mit seinem Film «Die Reise des Bashô» dem japanischen Dichter Matsuo Bashô ein würdiges Denkmal und lädt uns gleichzeitig ein zu einer Reise in eine andere Welt.

Der japanische Dichter und Zen-Buddhist Matsuo Bashô wurde 1644 in Akasaka in einer Samurailfamilie niederen Ranges geboren, deren Lebenswelt er sich jedoch widersetzte. Anstatt die vorgesehene Militärlaufbahn einzuschlagen, studierte er den Weg und die Geschichte des Zen und die klassische chinesischen Poesie. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog er sich in die Einsamkeit eines Klosters zurück, wo er seine ersten Verse schrieb. Den Grossteil seines Lebens verbrachte er als Pilger auf Wanderungen. Unterwegs schrieb Bashô, der heute als geistiger Vater der japanischen Haiku-Poesie gilt, ein Reisetagebuch und seine meditative Lebensweise widerspiegelnde Gedichte. 1694 starb er auf einer Reise in Osaka. Noch heute wird er in seiner Heimat tief verehrt.

Im Film «Die Reise des Bashô» von Richard Dindo stellt ein Mönch den Dichter Bashô dar, der auf den Spuren seines Tagebuches durch japanische Landschaften, an Flüssen und dem Meer entlang, durch Wälder und in die Berge, wandert. Begleitet wird er von sphärischen Klängen und Naturgeräuschen. Der fiktionalisierte Dokumentarspielfilm ist eine poetische und philosophische Meditation über die Zeit, das Leben, das Alter, den Tod und die Schönheit der Natur, in Form einer zen-buddhistische Naturbetrachtung als Rückkehr zu einer unberührten Natur als «verlorenes Paradies«. Bewegend und herausfordernd, besonders für Menschen wie wir, die wir einer andern Kultur angehören.

Bashô mit seinem Tagebuch

Richard Dindo, Allrounder des Schweizer Dokumentarfilms

Für mich ist der italienischstämmige, 1944 in Zürich geborene, vornehmlich in Paris und Zürich arbeitende Richard Dindo der vielseitigste Allrounder des Schweizer Dokumentarfilms. Zwischen 1970 und 2015 drehte er 34 Filme, deren Quantität nur noch von deren Qualität übertroffen wird. Es sind dies anwaltschaftliche Filme über politische Ereignisse, die er stets akribisch exakt und emotional engagiert recherchiert; Künstlerporträts, mit denen er die verschiedenen Formen des künstlerischen Ausdrucks miteinander in Beziehung setzt; Weltfilme, mit denen er über Nationen und Völker hinweg Zusammenhänge aufarbeitet; Filmstudien, in denen er Menschen in ihrer Gebrechlichkeit und Endlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Und 2018 «Die Reise des Bashô». Als ich diesen Film in einem persönlichen Feedback als «Abschlussfilm» bezeichnete, wehrte sich Richard vehement, er gedenke nicht aufzuhören, sondern arbeite intensiv weiter, unter anderem am Langzeitprojekt «A pas comptés» über eine ehemalige Schauspielerin in Paris, die an einer Multiplen Sklerose leide. Ein Blick auf seine Website www.richarddindo.ch lohnt sich, neben den Besprechungen der einzelnen Filme, vor allem der Einleitung wegen, die Dindos Oeuvre in einen grossen Zusammenhang stellt.

Anmerkungen zum Film: «Da Bashô seit vielen Jahren tot ist, ebenso die Leute, die ihn gekannt haben, wurde der Film mit Laiendarstellern gedreht. Der Film hat keine Dialoge, nur Situationen. Die Bilder kommentieren Ausschnitte aus den Reisetagebüchern. Der Dichter wird durch seine autobiografischen Texte porträtiert. Zuerst waren die Worte da, dann ging ich auf die Suche nach möglichen Bildern. Da die Vergangenheit nicht abgefilmt werden kann, muss man sie rekonstruieren. Bashô wird gespielt vom Mönch Hiroaki Kawamoto. Die Ausschnitte aus Bashôs Reisetagebüchern und Haikus wurden von Christian Kohlund gesprochen. Hauptkameramann war Roger Walch, Toningenieur Nigel Randell, den Schnitt besorgte René Zumbühl und für die Musik zeichnet Parigo.»

Wandern, allein und ohne viel Gepäck

Für den Film in die Welt der Haikus eintauchen

Das Haiku ist, nach Wikipedia, eine traditionelle japanische Gedichtform, die heute weltweit verbreitet ist. Es gilt als die kürzeste Gedichtform. Matsuo Bashô gehört zu den bedeutendsten Haiku-Dichtern. Mit seinen Schülern erneuerte er diese Dichtung und verhalf ihr zur Anerkennung als ernsthafte Literatur. Unverzichtbar sind Konkretheit und Gegenwartsbezug, wesentlich ist die Offenheit der Texte, die sich erst im Erleben des Lesers vervollständigt. Vieles wird weggelassen, Gefühle sind nur selten benannt.

Die Struktur von Bashôs Haiku widerspiegelt die Einfachheit seiner meditativen Lebensweise; so versah er viele seiner Verse mit mystischen Qualitäten und versuchte, weltbewegende Themen durch einfache Naturbilder auszudrücken: vom Vollmond im Herbst bis zu den Flöhen in seiner Hütte. Er gab dem Haiku eine neue Anmut, vertiefte darin Zen-Gedanken, begriff Poesie als Lebensstil und war der Überzeugung, Poesie sei eine Quelle der Erleuchtung: «Erlange Erleuchtung, dann kehre zurück in die Welt der normalen Menschlichkeit. Tritt nicht in die Fussstapfen alter Meister, aber suche, was sie suchten».

Vielleicht zeigt uns Dindo mit «Die Reise des Bashô» wirklich eine andere Welt als die unsere. Wer in diese einzutauchen will, kann es vielleicht mit der Lektüre seiner Haikus versuchen. Empfehlenswert das Büchlein «Matsuo Bashô. Hundertundelf Haiku», übersetzt und mit einem Begleitwort versehen von Ralph-Rainer Wuthenow, Ammann-Verlag Zürich.

Im Winter wie im Sommer

Eine persönliche Annäherung

«Die Reise des Bashô» erlebe ich als eine Aneinanderreihung von zahlreichen Haikus, die das ganze menschliche Leben umschreiben, bestehend aus Tönen, Farben, Blicken, Bewegungen, Landschaften, Gegenständen, Personen und Worten. Er beschreibt das Leben als eine lange Reise, mit seinem Gehen und Warten, seinem Schweigen und Sprechen bis zum Ende, zum Sterben Bashôs. Und gleichzeitig erlebe ich den Film als ein Gleichnis des ewigen Fragens und Suchens.

Wenn Gabriel Marcel den Menschen als «homo viator» definiert, was Rodin und Giacometti verbildlichen, verkörpert Matsuo Bashô diesen Gehenden im wörtlichen Sinn des Wortes leibhaft. Grossartig und leise zugleich, mit den Augen und den Ohren wahrnehmbar. Vielleicht bleiben die visuellen Bilder dabei länger haften als die akustischen. Denn um dieses Gehen wirklich wahrnehmen zu können, muss man, wie ein Interpret meint, sich ganz auf das Gehörte einlassen, Heidegger würde sagen, ihm ge-hören. Um dem Ge-Hörten wirklich zu gehören, muss man die eigenen Vorstellungen loslassen, um sich im Gehörten wiederzufinden.

Beim Schreiben eines Haiku

Sieben Haiku von Matsuo Bashô

«Uralter Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Plop.»

«Einsamkeit. Niemand
will zu dir kommen, nur ein
Blatt vom Kiribaum.»

«Im Fallen haben
die Kamelienblüten
das Wasser verspritzt.»

«Die Asche glüht auf
an der Wand eine Gestalt –
Schatten des Gastes.»

«Der Schrei der Affen.
Das Findelkind im Herbstabend –
was wohl aus ihm wird?»

«Das Jahr ist vorbei –
was blieb mir? Nur der Strohhut
und die Sandale.»

«Krank auf der Reise –
auf leeren Feldern der Traum
irrt ziellos umher.»

Titelbild: Reise zur Selbsterkenntnis

Regie: Richard Dindo, Produktion: 2019, Länge: 98 min, Verleih: Filmcoopi