Kultur

Monumental und intim

Das Bündner Kunstmuseum zeigt ein Schlüsselwerk der expressiven Malerei: „Die Umgebung der Liebe“ von Martin Disler.

100 Jahre Gottfried-Keller-Stiftung – gefeiert im Landesmuseum, Zürich und im MASI inLugano mit Ausstellungen eines Teils jener Bilder und Objekte, die in diesen Jahrzehnten für die Schweizer Museen angekauft wurden. Eine Malerei fehlt in den Ausstellungen, denn sie ist so riesig, dass sie seit den 80er Jahren eingerollt lag, zunächst im Nachlass von Martin Disler, ab 2007 als Ankauf der Gottfried-Keller-Stiftung im Sammlungszentrum des Landesmuseums.

Zum 100. Geburtstag eine Ikone

Aber mit der Stiftung zusammen wird auch das Bündner Kunstmuseum in diesem Jahr hundert Jahre alt. Und weil der grosszügige Ausstellungsraum im zweiten Untergeschoss des Neubaus wie gemacht für das Monument auf Nessel ist, weil die Abmessungen stimmen, kann Die Umgebung der Liebe nach über dreissig Jahren erstmals wieder präsentiert werden, erst noch als Premiere in dem Land, dessen Pass Disler hatte. Ein stimmiger Auftakt zum Jubiläumsjahr des Museums in Chur.

Seine Uraufführung hatte Dislers Riesenleinwand 1981 im Vierecksaal des Württembergischen Kunstvereins, eine zweite Präsentation gab es ebenfalls dort sechs Jahre später, wobei Dislers Freund Werner Lüdi das Bild mit seinem Saxophon in Klang umsetzte. Danach blieb das Panorama der Liebe bis heute im Verborgenen.

                Martin Disler: „Die Umgebung der Liebe“ 1981. Ausschnitt. Saalaufnahme im Bündner Kunstmuseum. Foto: © Ralph Feiner

Die Freude ist riesig, schon bei der Vernissage trafen sich fast alle damaligen Protagonisten, Freundinnen und Freunde von Martin Disler, allen voran Irene Grundel, seine Witwe, aber auch Beat Wismer, damals Direktor des Aargauer Kunsthauses, der den Ankauf seinerzeit aktiv in die Wege leitete, viele Künstler wie Agnes Barmettler, Rolf Winnewisser, Daniel Schwartz sowie Kuratoren und Vermittler, erwähnt sei Patrick Frey, der mit Disler eng befreundet war. Wenigen war es damals vorbehalten, in Stuttgart den Figurentanz im Vierecksaal zu sehen, umso grösser ist nun das Interesse. Ob die junge Generation den Einstieg in diese nicht mehr gewohnte und so heftige Kunsthaltung findet, wird sich zeigen. Die drei Gymnasiasten, die mir begegneten, blieben eher ratlos und zweifelnd vor der Malerei stehen.

Martin Disler: „Die Umgebung der Liebe“ 1981. Ausschnitt. Saalaufnahme im Bündner Kunstmuseum. Foto: © Ralph Feiner

Martin Disler (1949 – 1996) hat nach intensiver Vorarbeit Anfang November 1981 vier Nächte lang im Württembergischen Kunstverein gearbeitet – assistiert allein von seiner Partnerin Irene Grundel – bis die riesigen Leinwände an die vier Wände des Ausstellungskubus gehängt werden können: 140 Meter lang und fast viereinhalb Meter hoch misst das legendäre Werk des „Neuen Wilden“, wie man damals diese gestische, expressive und figurative Malerei nannte.

Radikales Manifest

Ein grenzenloses Panorama der Gefühle und Einflüsse, das in heftiger kreativer Eruption als spannungsvolle Ausformung der Liebe und der Gewalt, der Zärtlichkeit und der Wollust herausbricht – eine Art radikales Manifest nicht nur des Künstlers sondern auch des Zeitgeists. Martin Disler arbeitete am Boden – angetrieben und kontrolliert von Irene Grundel auf der hohen Bockleiter – mit allen möglichen Werkzeugen, mit Händen und Füssen, mit Pinseln und Besen, teilweise anhand von Skizzen, oft jedoch das Ergebnis aus den langen, intensiven Gesprächen der vorigen Monate und Tage direkt in Form und Farbe übersetzend, jede Nacht ein 35 Meter grosses Stück, ein rasendes Ballett in jenen vier Nächten, während derer sonst niemand im Haus war.

Martin Disler: „Die Umgebung der Liebe“ 1981. Ausschnitt. Foto: © R. Hänny

Zwar kann man sich nicht mehr wie damals in Stuttgart in die Mitte des Raums stellen und mit einer Drehung alle Figuren, die Bildfolgen als Panorama in sich hereinziehen – im Churer Ausstellungsraum steht dort ein Klotz mit dem Treppenhaus. Aber man kann die 140 Meter abschreiten, im langsamen Gehen und Schauen Dislers innere Welt erfahren, die er in unglaublich kurzer und konzentrierter Arbeit auf die Leinwand brachte. So ist der Eindruck, einen Film mit heftigen und lieblichen Figuren und Formen der Liebe und derLust, aber auch Angst und Grauen, Krieg und Tod zu erleben, umso intensiver.

Der Katalog zur Churer Präsentation von 2019 dokumentiert das Gemälde und seine Entstehung in Stuttgart 1981.

Wie existentiell die Herausforderung war, der sich Disler damals stellte, ist in der Konfrontation mit dem Bild noch heute nicht nur intellektuell nachvollziehbar, sondern auch richtig zu spüren: es fährt ein, könnten wir deutlich, wenn auch flapsig sagen.

Einiges ist benennbar, könnte eine Geschichte sein, die erzählt werden kann, anderes entzieht sich dem Benennbaren, bleibt rätselhaft, aber umso stärker in der Wirkung auf die Betrachter. Was ist zu sehen? Eine liegende geköpfte Figur mit amputiertem Arm, deren unglücklich-verzweifelter Kopf verbunden durch rote Farbschlieren (Blut?) fest im harten Griff einer weiblichen Figur mit drei Brüsten steckt, daneben eine Vase (die Büchse der Pandora ?voller schwarzer Werkzeuge oder Waffen; aus einem braunen Boot kriecht eine braune Riesenechse über eine gelbe Figur – eine Kopulation oder eine Spiegelung? Der Stiefel im Boot hat ein Pendant bei einer schwarzen, irgendwie aufgespiessten Figur, die ihrerseits eine Knarre im Anschlag hat und auf einen weiteren Krieger in einem Schiffsbug richtet. Oder auch das hellblaue, lächelnde Gesicht, das lüstern von einem Pferd abgeleckt wird, auf dessen Rücken ein roter Mann mit Erektion steht, undsoweiter – also hingehen und schauen und spüren und denken.

Martin Disler: „Die Umgebung der Liebe“ 1981. Ausschnitt. Saalaufnahme im Bündner Kunstmuseum. Foto: © Ralph Feiner

Der reich bebilderte Katalog zum Panorama von Disler gibt zwar keine simplenInterpretationshilfen, aber er zeigt nicht nur das ganzen Werk – beigelegt auch als Leporello – sondern auch eine informative Dokumentation mit Fotos und Text der vier Stuttgarter Nächte und der Vernissage damals sowie erhellenden Textbeiträgen. Herausgegriffen sei ein Zitat von Ludwig Hohl, das Martin Disler als absolut stimmigdamals aufgeschrieben hat: „Es gibt in der Kunst kein Inneres oder Äusseres. Wo Kunst ist, ist lauter Inneres aussen.“

Teaserbild: Martin Disler: Die Umgebung der Liebe 1981. Ausschnitt. Foto: © R. Hänny
bis 26. Mai
Weitere Informationen finden Sie hier.
Die Publikation zur Ausstellung, herausgegeben von Stephan Kunz kostet 49 Franken.